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WISSENSCHAFT

Zwischen Memes und Fake News – Bildung in sozialen Medien

 In sozialen Netzwerken finden informelle Bildungsprozesse statt. [Foto: Ayssa Maiß]
26.01.2022 12:41 - Ayssa Maiß

Zwischen Memes und Fake News – Bildung in sozialen Medien
Bewegen wir uns in sozialen Medien in einer eigens geschaffenen Bubble? Und wer mischt dort möglicherweise mit? Diesen und anderen Fragen widmet sich Prof. Dr. German Neubaum am Lehrstuhl für Psychologische Prozesse der Bildung in sozialen Medien an der Universität Duisburg-Essen (UDE). 

ak[due]ll: Sie beschäftigen sich mit informellen Prozessen der Bildung in sozialen Medien. Wie bilden Menschen ihr Informationsnetzwerk ?

Prof. Dr. German Neubaum: Wir haben  in unserer Forschung angeschaut, wie wir entscheiden, welche Menschen wir in unser Netzwerk lassen. Unsere Kontakte bei Instagram, Facebook oder Twitter sind  automatisch Informationsquellen und Teil unseres Informationsnetzwerks. Da stand der Verdacht im Raum, dass wir speziell Menschen nach einer ähnlichen politischen Gesinnung auswählen. Das haben wir innerhalb von zwei Studien untersucht. In einer Experimentalstudie haben wir Menschen angekündigt, dass wir ein neues Netzwerk testen möchten. Dafür sollten sie ihnen unbekannte Menschen, auf Basis eines Profils, das unter anderem politische Haltungen dieser Personen zeigte, in ihr Netzwerk aufnehmen. Dabei haben wir festgestellt, dass die politische Übereinstimmung mit der gezeigten Person als Aufnahme-Kriterium wichtiger war als beispielsweise die berufliche Nützlichkeit, die diese Person bringt. 

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Von Özgün Ozan Karabulut in Lokales
 

Wir haben auch beobachtet, dass diese politisch motivierte Kontakt-Auswahl vor allem dann stark war, wenn die politische Meinung zu dem Thema extrem, oder besonders stark war. In einer weiteren Studie, einer Befragung unter Facebook-Nutzenden, fanden wir gleichzeitig heraus, dass zwischenmenschliche Nähe, Unterstützung oder Sympathie wichtigere Kriterien als politische Übereinstimmung waren, wenn Menschen über die Gründe, warum sie Menschen in ihr Netzwerk aufnehmen, nachdachten. Letztlich sind solche Kriterien wie Sympathie – so glauben wir – der Grund, warum Online-Netzwerke politisch diverser sind als man vermuten würde. Denn uns ist  die politische Orientierung oder die politische Haltung einer Person, die wir aus anderen Gründen mögen, nicht immer bewusst. Dennoch: Dass Personen eher Kontakte in ihr Netzwerk aufnehmen, die mit ihnen politisch im Einklang stehen, entspricht der grundsätzlichen menschlichen Tendenz Bestätigung zu suchen, die seit Jahrzehnten von der empirischen Forschung dokumentiert wird.

ak[due]ll: Als Nutzerin habe ich nicht immer das Gefühl mich in einem heterogenen Netzwerk zu bewegen. Könnte das an dem Phänomen der “Schweigespirale” liegen?

Neubaum: Das könnte eine passende Erklärung sein. Elisabeth Noelle-Neumann, die Gründerin dieser Theorie, hat beobachtet, wie Menschen ihre Meinung zurückhalten, wenn sie das Gefühl haben sich in der Minderheit zu befinden. Sie sah das als Problem, denn dann entsteht auf der öffentlichen Bühne eine Mehrheit, die viel Gehör findet, die gar keine Mehrheit ist, weil ein Großteil die Meinung zurückhält. So ist und war die Sorge, dass wir in den sozialen Medien ein falsches Gefühl bekommen, was das öffentliche Meinungsklima ist.

Dass Wenige viel Gehör finden und viel Reichweite haben stimmt auf jeden Fall. Es ist aber unklar, ob das eine Meinungs-Minderheit ist, die besonders stark das Meinungsfeld dominiert. Die Schweigespirale würde aber erklären, warum ein Kommunikationsumfeld immer homogener wird. Denn es bedeutet, dass die, die vielleicht eine andersartige Meinung zu dem aktuellen dominanten Meinungsklima haben, ihre Meinung zurückhalten, weil sie das Gefühl haben, sie könnten verurteilt oder ausgegrenzt werden. Diesen Mehrheits-Effekt konnten wir in unseren Studien zu sozialen Medien jedoch nicht so ausgeprägt finden.

Viel stärker sind andere Faktoren in den sozialen Medien, wenn wir die Entscheidung treffen wollen, unsere Meinung zu äußern. Das ist zum Beispiel die Sichtbarkeit meines Beitrags oder ob ich identifizierbar bin. Unabhängig davon, ob sie sich in der Mehrheit oder Minderheit fühlen – bei einer großen Sichtbarkeit ihrer politischen Meinungsbeiträge, so wie sie beispielsweise auf Instagram oder Facebook vorherrscht, haben Menschen Angst vor Angriffen oder negativen Verurteilungen durch andere Nutzende. Politische Diskussionen auf solchen Netzwerken werden grundsätzlich als konfliktbehaftet und feindselig erlebt und erwartet.

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Prof. Dr. Neubaum ist seit Mai 2021 Juniorprofessor an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften. [Foto: UDE/Frank Preuss]
 

ak[due]ll: Es gab die Vermutung, dass in rechtsextremen Kreisen genau auf diese Phänomene gesetzt wurde, um mithilfe von Social Bots eine bestimmte Meinung zu verbreiten oder sichtbar zu machen. Haben Social Bots die Wirkung, die ihnen zugeschrieben wird und wie könnten sie vielleicht doch hilfreich sein?

Neubaum: Die Wirkung von Social Bots in unserer Online-Kommunikation wird häufig überschätzt. Erstmal ist es schwierig, Social Bots zu identifizieren, sodass wir das Ausmaß nicht richtig kennen. Erste Studien  zeigen, dass gerade im deutschsprachigen Raum Social Bots nicht sonderlich stark verbreitet sind. Die Idee ist erstmal genial - man suggeriert ein Meinungsklima durch künstliche Entitäten und sorgt dafür, dass ein falsches Bild entsteht. Erstmals in den 2016er Wahlen in den USA soll genau das passiert sein: Automatisierte Accounts sollen in Online-Netzwerken falsche Informationen zu den Kandidat:innen verbreitet und damit den Grundstein für Verschwörungserzählungen gelegt haben.

Social Bots haben also einen schlechten Ruf, da man davon ausgeht, sie sorgen einfach für Manipulation und Verbreitung von Falschinformation. Wir haben das in einer Simulation hochgerechnet und in der Tat zeigt sich anhand dieser Simulation, dass Social Bots mächtig werden könnten. Bislang gibt es aber keine Anhaltspunkte dafür, dass das in Deutschland der Fall ist. Wir möchten das Ganze umdrehen und sagen: Die Grundidee von Social Bots kann auch positiv sein. Dann wären sie Assistent:innen, die wir jeden Tag nutzen könnten, um uns durch die Informationsvielfalt, die uns in sozialen Medien begegnet, zu navigieren. Ein Social Bot könnte Hinweise geben wie: Dieser Beitrag enthält einen sehr emotionalen Ton, viele Großbuchstaben, oder spricht stark im Imperativ. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Quelle überprüft werden sollte.

ak[due]ll: Viele haben das Gefühl, dass inhärente Algorithmen in sozialen Medien bestimmen, was wir sehen. Wie viel ist “fremdbestimmt” durch jeweilige Algorithmen der Apps? Forschen Sie auch daran?

Neubaum: Ja, Algorithmen spielen  eine große Rolle in unserer Forschung. Siekönnen Präferenzen und Interessen erkennen und uns damit Vorschläge machen. Wenn beispielsweise auf Online-Netzwerken wie Instagram systemgesteuert Vorschläge kommen, die unseren Interessen oder vorherigen Suchanfragen entsprechen, suggeriert es den Eindruck, dass wir fremdbestimmt sind und eine künstliche Intelligenz im Hintergrund abläuft, die uns manipulieren möchte. Und ja, Algorithmen können Präferenzen identifizieren und Vorschläge machen, die mit meiner vorherigen Suche im Einklang stehen - wir sind dem aber nicht hilflos ausgeliefert.

Dass wir während der Nutzung den Zusammenhang zwischen vorheriger Suchanfragen und algorithmengesteuertem Vorschlag sehen, ist allein schon ein Zeichen dafür, dass uns die Präsenz und Funktionsweise von Algorithmen bewusst ist. Das ist der Schlüssel dazu sich vor Augen zu halten, dass der Mensch kein ohnmächtiges Objekt im Mediennutzungsprozess ist. Man kann durch ein bestimmtes Klickverhalten oder bestimmte Abonnements tatsächlich beeinflussen, was angezeigt wird und dementsprechend aktiv selbst für eine größere Vielfalt im digitalen Umfeld sorgen.

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