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WISSENSCHAFT

Zwei Abschlüsse gleichzeitig und zwar ohne Gesetzesgrundlage

12.09.2018 10:10 - Britta Rybicki

Der finanzielle Sicherheitsfaktor, hohe Praxisbezug und auch die besseren Karrierechancen locken viele nach der Schule direkt ins duale Studium. Eine spezifische Gesetzesgrundlage gibt es für dieses Modell bislang aber nicht. Weshalb sich Sirikit Krone vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen die Struktur dahinter mal genauer angesehen hat.

„Wir beobachten seit fast 15 Jahren eine stetige Zunahme und können prognostizieren, dass es so weiterlaufen wird”, sagt Sirikit Krone. Aktuell gibt es 100.000 dual Studierende und 50.000 Betriebe, die dieses Angebot zur Verfügung stellen. „Mittlerweile haben wir sogar 1.500 duale Studiengänge”, berichtet Krone. Besonders in der Vergangenheit mitgezogen wären die Pflege- und Gesundheitswissenschaften sowie soziale Berufe. Selbst Karriereziele wie Erzieher*in oder Hebamme kann man inzwischen dual studieren. „Dominant bleiben mit jeweils etwa 35 Prozent der Angebote solche in den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften, dicht gefolgt von Informatik mit 12 Prozent”, so Krone.

Kein geschütztes Modell

Ohne gesetzliche Grundlage, gibt es auch keine Vorgaben, an die sich Anbieter*innen halten müssen. „Wodurch viele Studiengänge als dual bezeichnet und beworben werden können, die gar nicht wirklich als solche durchgeführt werden”, sagt Krone. Über die Zeit hinweg hätten sich trotzdem zwei Modelle etabliert: Zur Erst- und zur Weiterbildung. Erstere kann man noch mal in zwei Varianten unterscheiden. In der Ausbildungsintegrierten Variante erhalten Studierende einen Berufs- und einen Bachelorabschluss. Bei der praxisinternen müssen Betroffene zwar umfangreiche Praxiseinsätze in Unternehmen leisten, erhalten aber trotzdem nur einen Bachelorabschluss.

Umgesetzt werden die Modelle ganz unterschiedlich. Mal bleiben Studierende in größeren zeitlichen Blöcken jeweils an der Hochschule und im Betrieb, mal wechseln sie die Lernorte innerhalb einer Woche. Vorzüge hat beides. Während langatmige Einsätze keinen so großen organisatorischen Aufwand erfordern, kann man durch den schnellen Wechsel gerade Gelerntes direkt im Betrieb anwenden. „Wodurch Personen aus der Industrie zum Beispiel Produktionsabläufe viel besser nachvollziehen können, weil es nicht so abstrakt und nur theoretisch ist”, erklärt Krone.

Paradisisches Ausbildungssystem?

Klingt fast wie ein Märchen, wenn zwei eigentlich strikt voneinder getrennte Bildungssegmente kooperieren müssen, die in ihrem Alltag keine Strukturen teilen: Bürokratisch komplett unterschiedlich organisiert sind. „Weshalb es klare Absprachen zwischen allen Beteiligten geben muss”, so Krone. Schon bei der Entwicklung und nachher bei der Umsetzung. Die Einrichtung eines Gremiums wie einem Studienbeirat „bestehend aus der Hochschule, den Betrieben, Berufsschulen, aber auch der Kammern” erscheint da nur sinnvoll.
Andernfalls müssen vor allem Studierende erhebliche Folgen ertragen, da sie sich sonst selbst um alles kümmern müssen. „Klären, ob sie in ihren Klausurenphasen freigestellt sind und dafür nicht ihre Urlaubstage opfern müssen”, sagt Krone. Die  Verknüpfung von Lerninhalt- und -ort hält sie für ein ganz zentrales Qualitätsmerkmal eines dualen Studiums, weshalb Studierende darauf unbedingt achten sollten, wenn sie solch einen Ausbildungsvertrag unterschreiben. Neben den klaren Absprachen zwischen Hochschule und Betrieb sind auch inhaltliche Themen relevant: „Wie die Vorgaben über die Ausbildungsinhalte oder wer Ansprechpartner und somit für alle Belange im Betrieb verantwortlich ist”, verdeutlicht Krone.

Einen genaueren Blick sollte man auch auf die Vergütung richten. In ihrer Online-Umfrage zu dieser Recherche habe Krone mitbekommen, dass es oft Unterschiede zwischen Studierenden und normalen Auszubildenden gebe. „Deshalb plädiere ich auch eher für die Ausbildungsintegrierte Variante.”, denn dann würden für alle die gleichen gesetzlichen Bestimmungen gelten und es komme weniger auf den Einzelfall an. Es wäre unmöglich, dass in einem Studiengang oder Betrieb ganz unterschiedliche Bedingungen herrschen. Schließlich müssen 19 bis 20-Jährige sie nicht ganz alleine aushandeln, meint Krone.

Wer studiert dual?

Bisher richten sich diese Ratschläge allerdings an eine sehr homogene Gruppe. In der Online-Umfrage haben Krone und ihr Forschungsteam herausgefunden, das dual Studierende sehr jung und leistungsorientiert sind. Im Vergleich zu Regelstudierenden stammen sie häufiger aus nicht-akademischen Familien. Die allgegenwärtige Verteilung auf die Fachrichtungen bleibt erhalten: Ingenieurwissenschaften werden eher von Männern und die sozialen Berufe eher von Frauen studiert.

„Ziemlich schade” sei der sehr geringe Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund: „Wir haben nach ihrer Erstsprache, dem eigenen und dem Herkunftsland der Eltern gefragt, woraufhin jeweils über 95 Prozent ‚Deutsch‘ bzw. ‚Deutschland‘ angaben.”

Weil Krone die empirischen Befunde dafür fehlen, kann sie die Ursachen nur vermuten: „Das duale Ausbildungsmodell ist in Familien mit Migrationshintergrund vermutlich weniger bekannt.” Eltern – das wissen wir aus anderen Studien – haben viel Einfluss auf die berufliche Zukunft ihrer Kinder. Direkt in den Betrieb gehen, ist in den Herkunftsländern eher unbeliebt. Andere Untersuchen ergeben allerdings, dass Ausbildungsbewerber*innen in Unternehmen immer noch stark benachteiligt werden. Da die Unternehmen die Gatekeeper für die dualen Studiengänge sind, bestimmen sie wer zugelassen wird. Denn ohne einen Ausbildungs- oder Praktikumsvertrag kann man sich nicht an der Hochschule dual einschreiben.

Gesetzesgrundlage muss her!

Vor dem Hintergrund, dass duale Studiengänge immer noch expandieren, braucht es dringend eine Reglementierung: „Besonders für den betrieblichen Teil sollte es klare Vorgaben geben, in denen Mindeststandards festgeschrieben sind und auch Wege ihrer Kontrollierbarkeit geschaffen werden.” Regeln, die auch kleine mittelständische Betriebe sichern. Denn im Gegensatz zu den Großen haben sie keine Personalabteilung und werden eher ins kalte Wasser geworfen. Bisher orientieren sich weniger Hochschulen an Musterverträgen, die Unternehmen akzeptieren müssen. „Es gibt außerdem regionale Absprachen durch Netzwerke auf Länderebene wie in Rheinland-Pfalz, Hessen, Brandenburg, Bayern oder an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, die ebenfalls Vorlagen zur Verfügung stellen”, erklärt Krone. Der Arbeitsschutz oder das Bürgerliche Gesetzbuch gelten natürlich immer.

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