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WISSENSCHAFT

Wie Weltkarten unser Weltbild prägen

Entspricht das der Realität? [Foto: Jacqueline Brinkwirth]

16.07.2020 18:39 - Jacqueline Brinkwirth

Die Mercator-Projektion ist die wohl bekannteste Darstellung der Welt auf einer zweidimensionalen Karte. In vielen Ländern dient die 1569 entstandene Weltkarte auch heute noch als Anschauungsmaterial im Schulunterricht. Historisch betrachtet vermittelt Mercators Abbildung jedoch eine verschobene Sicht auf Kontinente und Größenverhältnisse. Ein Blick auf die koloniale Vergangenheit und moderne Weltanschauung westlicher Länder.

Wie groß sind die Kontinente, welche Form haben sie und in welchem Verhältnis liegen sie zueinander auf dem Globus? Die Antworten auf diese Fragen gründen meist auf dem Bild, das kartografische Darstellungen uns von der Welt vermitteln.

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Eine der bekanntesten und verbreitetsten Weltkarten ist die Mercator-Projektion. 1569 entwickelte Gheert Cremer, heute eher bekannt als Gerhard Mercator, seine Weltkarte und schuf damit die Grundlage für moderne Seefahrtskarten und andere, weiterführende Projektionen der Welt. Was Mercators Karte von anderen Darstellungen des Globus unterschied, ist ihre große Winkeltreue. Bei einer winkeltreuen oder konformen Darstellung entsprechen alle Winkel auf der Karte örtlich den Winkeln in der realen Welt. Besonders für die Seefahrt war dies von enormer Bedeutung, denn so konnten Kapitäne den genauen Kurswinkel vom Heimat- zum Zielhafen bestimmen und entlang dieses Winkels ihre Route planen. 

Obwohl Mercator mit seiner Karte einen Meilenstein entwarf, ist heute klar, dass seine Projektion auch Nachteile mit sich bringt. „Grundsätzlich kann die dreidimensionale Kugeloberfläche der Erde nicht in einer exakt übereinstimmenden, wirklichkeitsgetreu-objektiven Abbildung in die zweidimensionale Ebene eines Kartenblattes übertragen werden“, erläutert Dirk Burghardt, Leiter des Instituts für Kartographie an der TU Dresden. Für die Mercator-Projektion bedeutet das, dass die Darstellung zwar winkeltreu ist, die Flächengrößen jedoch in Richtung der Pole zunehmend verzerrt werden. Grönland wird zum Beispiel etwa genauso groß wie Afrika dargestellt, ist in Wirklichkeit aber 15 Mal kleiner als der Kontinent. „Jede Abbildung verzerrt entweder die Flächengröße, die Strecken oder die Winkel zwischen zwei Orten, was in einem veränderten Aussehen der Umrisse der Landmasse resultiert“, erklärt Burghardt die Diskrepanzen.

Weltkarten und das Weltbild

Warum dient die Projektion trotzdem als Anschauungsmaterial im Erdkundeunterricht? „Sicher spielt hier der Wiedererkennungswert eine große Rolle“, meint Burghardt. Andere Projektionen, wie die Peters-Projektion von 1974, bilden die Welt zwar flächentreuer ab, dafür ist die Form der Kontinente verzerrt. Thomas Michael, Geschäftsführer der Westermann Kartografie und federführend für die Weltdarstellung in Diercke-Atlanten, beschreibt es so: „Die Peters-Projektion hat sich nicht durchgesetzt, weil ich Kontinente, die ich auf dem Globus sehe, auf der Karte nicht wiedererkennen kann. Afrika ist langgezogen wie eine Zuckerrübe.“ Problematisch wird das, wenn man sich das Innere des Kontinents genauer ansieht. „Die Lagebeziehungen der afrikanischen Länder untereinander stimmen nicht mehr richtig“, so Michael.

Auf den ersten Blick machen die Vor- und Nachteile verschiedener Projektionen vor allem in der Geographie einen Unterschied. Betrachtet man die Thematik jedoch genauer, wird schnell deutlich, dass eine Weltkarte auch Einfluss auf das Weltbild nehmen kann. „Für die meisten Anwendungen soll ein möglichst genaues Abbild der Erde vermittelt werden.

Hierfür muss aber bestimmt werden, wodurch sich dieses Abbild auszeichnet: realgetreue Größe der Flächen, realgetreue Strecken oder realgetreue Winkel? Und was soll im Zentrum der Karte und somit der Aufmerksamkeit stehen?“, beschreibt Burghardt. Auf Mercators Karte liegt Europa im Zentrum. Aus zeithistorischer Sicht ergibt diese Darstellung Sinn, weil die Kolonialmächte Europas von dort aus Expeditionen um den Globus schickten. Aber eine eurozentrische Darstellung vermittelt auch das Bild, dass Zentraleuropa der Mittelpunkt, also der Nabel der Welt sei und reproduziert somit das Selbstbild kolonialer Unterdrücker. Burghardt fasst zusammen: „Es ist nicht zu verleugnen, dass eine Entscheidung über das Zentrum einer Karte politische und ideologische Gründe haben kann.“

Oft wird deshalb die Peters-Projektion als „einzig korrekte Darstellung“ der Welt bezeichnet, da sie aufgrund ihrer Flächentreue „zum Beispiel Afrika in wahrer Größe darstellt und nicht die Flächen der nördlichen Hemisphäre stärker hervorhebt, was ideologische Diskussionen auslösen kann.“ Die Deutsche Kartographische Gesellschaft äußert sich allerdings kritisch zur betonten Flächentreue und gibt Abweichungen von bis zu 12 Prozent zur tatsächlichen Fläche an. Welche Karte zeigt die Welt also wie sie wirklich ist, abseits von Politik und kolonialer Ideologie? „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es kein objektives, exaktes Abbild der Erde in Karten gibt. Aber es gibt die sogenannten vermittelnden Entwürfe, in denen die drei Eigenschaften Strecken-, Winkel- und Flächentreue in größtmöglicher Annäherung realisiert sind“, meint Burghardt. Welches Weltbild wir aus der Betrachtung einer Karte ableiten, hängt letztlich also davon ab, für welche kartografische Darstellung wir uns entscheiden – ob bewusst oder von Verlagen vorgegeben. 

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