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WISSENSCHAFT

Wie sehr stresst mich meine Arbeit?

21.05.2018 13:13 - Britta Rybicki

Dauerbelastungen zwingen immer mehr Beschäftigte in die Knie. Die psychischen Erkrankungen im Job nehmen zu. Aber ist Betroffenen das Risiko überhaupt bewusst? Dem sind die Gesellschaftswissenschaftlerinnen Anja Gerlmaier und Laura Geiger vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekt nachgegangen.

Neue Technik ermöglicht ständige Beobachtung und Kontrolle der Arbeitenden.

Sprechen wir von zunehmender psychischer Erschöpftheit und dem Burnout-Syndrom, denken wir oft nur an die Pflege- und qualifizierte Wissensarbeit. Ungenannt bleibt hingegen die Produktion. „Dabei gibt es laut unseren Ergebnissen gerade da einen massiven Zeitdruck und eine zunehmende Arbeitsverdichtung”, erklärt Laura Geiger, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am IAQ arbeitet. Kurz: Mehr Arbeit für gleich viele oder sogar weniger Personen. Und die Digitalisierung wirke dabei - anders als oft angenommen - nicht präventiv, sondern würde die Probleme teilweise sogar verstärken. Ein Vorteil dieser sei sicher, dass ältere Arbeitnehmer*innen dadurch körperliche Belastungen erspart bleiben könnten. „Das Problem der Digitalisierung liegt eher in technisch unterstützenden Rationalisierungsprozessen”, sagt Geiger. Und sie muss es wissen. Denn seit vergangenem Jahr ist sie mit einem Forschungsteam in fünf Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie unterwegs.

Dort konnte sie zum Beispiel unterstützende Produktionssysteme beobachten, die Belastung eher verursachen, statt sie zu vermeiden. Neue Technik wie über den Arbeitsplätzen angebrachte Dashboards ermöglichen schließlich ständige Beobachtung und Kontrolle. „Die Ampelfarben auf den Bildschirmen zeigen, wie effizient Beschäftigte arbeiten und ob sie die vorgegebenen Stückzahlen in einer Schicht überhaupt schaffen können”, erzählt Geiger. Dieser Mechanismus verursacht außerdem stressfördernde Probleme wie soziale Konflikte unter den Kolleg*innen. „Gerade in diesem Bereich arbeiten viele Leiharbeiter, die auf eine Festanstellung hoffen und natürlich versuchen, möglichst effizient zu arbeiten - wodurch andere, ältere Kollegen dann in Zeitdruck geraten”, so Geiger.

Das Stress-Quiz

„In dem gesamten Forschungsprojekt haben wir knapp 520 Beschäftigte interviewt,” erläutert sie.  Um möglichst verschiedene Berufsqualifikationen abzubilden, gab es in jedem Unternehmen drei Pilotbereiche: In der qualifizierten Facharbeit, Wissensarbeit und bei den Angelernten. „Wir wollten in unserem Forschungsprojekt alle, vom angelernten Arbeiter und Chef bis hin zum Arbeitsschutzbeauftragten abbilden”, so Geiger.

Dafür entwickelten sie ein Stress-Quiz und sind von der theoretischen Annahme ausgegangen, dass besser informierte Befragte auch gesundheitlich besser dastehen würden. „In dem Fragebogen haben wir Wissensfragen zu den Themen ‚Arbeitsbezogenes Gestaltungswesen‘ und ‚Stressbezogenes Gefahrenwissen‘ gestellt”, so Geiger. Inhaltlich gehe es vor allem um die gesundheitlichen Folgen von Stress im Arbeitsalltag und wie man diese in Zukunft vielleicht ausklammern könnte. „Ob Betroffenen zum Beispiel das Diabetesrisiko dabei bewusst ist oder gar, dass sogar Wundheilungen dadurch verzögert werden können”, so Geiger. Ein überraschendes Ergebnis: Gerade Führungskräfte waren eher schlecht informiert. „Sie liegen zum Teil auf dem Niveau der angelernten Beschäftigten, was ein eher beunruhigendes Ergebnis ist. Schließlich tragen sie Verantwortung für ihre Mitarbeiter”, so Geiger.

Ebenso überraschend war der psycho-soziale Gesundheitsstatus von Befragten, die eher gut informiert waren. „In den meisten Fällen waren sie schon mal psychisch erkrankt”, sagt sie. Deswegen gehen die Wissenschaftlerinnen davon aus, dass das gesundheitliche Risiko von einem zu stressigen Arbeitsalltag für Beschäftigte erst relevant wird, wenn sie betroffen sind.

Politische Reaktionen gibt es schon, wirklich überzeugend seien diese allerdings nicht. 2013 wurden psychische Belastungen in den gesetzlichen Arbeitsschutz aufgenommen und müssen somit auch in die Gefahrenbeurteilung einbezogen werden. „Das ist zunächst kein schlechter Gedanke. Das Problem ist aber, dass deren Umsetzung noch total offen ist”, so Geiger. Unternehmen fehle es häufig an Wissen, was die Beurteilung von Arbeitsabläufen und deren möglicherweise anschließenden Umgestaltung angeht. Hinzu kommt, dass es in den zuständigen Institutionen an Kapazitäten fehle. Gerade in den vergangenen Jahren habe es nämlich in den Aufsichtsbehörden einen massiven Personalabbau gegeben.

Wie es im Forschungsprojekt weitergeht

Die Phase der Datenerhebung- und auswertung sei inzwischen abgeschlossen. „Wir haben jetzt ein Workshop-Konzept entwickelt, mit dem wir Schulungsmaßnahmen in den Unternehmen umsetzen wollen”, so Geiger. Darin integriert seien vor allem Module wie die Sensibilisierung für Stress. Man wolle sich zudem die spezifischen Bedürfnisse der verschiedenen Arbeitnehmer*innen genauer anschauen und mit ihnen zusammen Gestaltungsideen erarbeiten. „Dafür trennen wir zum Beispiel die Führungskräfte von den Mitarbeitern. Letztere sind in dieser Konstellation nämlich redseeliger”, sagt Geiger. Im kommenden Jahr soll das Forschungsprojekt nach der Umsetzung aller Maßnahmen zum letzte Mal evaluiert und abgeschlossen werden.

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