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WISSENSCHAFT

|Theorieklatsche|

19.11.2018 11:04 - Britta Rybicki

Meritokratie ist ein Märchen mit dem bis heute soziale Ungleichheiten entschuldigt werden. Warum die Herkunft von Menschen immer noch einen großen Einfluss auf ihre Aufstiegschancen hat.

Seines Glückes Schmied. Aus eigener Kraft und mit Fleiß. Das ist das Versprechen marktwirtschaftlich-liberalen Gesellschaften. Der ziemlich komplizierte Name dafür lautet Meritokratie. Damit diese Ordnung funktioniert, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Vererbte Privilegien wie Vermögen und die soziale Herkunft dürften keinerlei Einfluss auf die persönliche Lage eines Menschen haben. Reiche Eltern sind also egal, weil sie im System nichts nützen. Zum anderen ist das, was auf dem Papier steht, auch die Realität. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und andere Diskriminierungen existieren nicht. Stattdessen gibt es ein völlig unvoreingenommenes Aufeinandertreffen, bei dem nur zählt, wie man seine Talente einsetzt.

Obwohl diese Vorstellung märchenhaft klingt, ist sie nicht selten die Ausrede für Statusunterschiede. In Deutschland besonders. Hier ist das Sprichwort “„der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“” wohl etwas passender.

Soziale Ungleichheit im Bildungswesen

Schon in der Grundschule hat die soziale Herkunft eines Menschen massive Auswirkungen auf sein Leben. Kinder aus Arbeiter*innen- oder benachteiligten Familien landen seltener auf Gymnasien als solche aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Ähnliches zeichnet sich auch bei Abiturient*innen und deren erfolgreicher akademischen Weiterbildung ab. Studienfächer wie Medizin werden häufiger von Akademiker*innenkindern studiert und zählen viel seltener zu den Studienabbrecher*innen. Selbst, wenn Menschen aus eher schlechten Verhältnissen ein Studium erfolgreich abschließen, haben sie nicht die gleichen Karrierechancen. Der berufliche Erfolg ist also nicht nur vom Bildungsniveau einer Person abhängig. Die Benachteiligung ragt zudem über das Bildungswesen hinaus.

Eine Art sozialer Filter erschwert den Aufstieg letztlich. Was besonders deutlich wird, wenn man sich die anschaut, die es trotzdem geschafft haben. Bildungsaufsteiger*innen, die heute als Politiker*innen, Manager*innen oder Künstler*innen arbeiten, verbindet vielmehr als das niedrige Einkommen ihrer Eltern. Besonders wenn es um ihre Bewältigung von Hürden geht.

In der Studie “„Bildungsaufsteiger*innen aus benachteiligten Milieus“” (2012) fand man zum Beispiel identische Wahrnehmungen und Denkmuster vor. Wer in armen Verhältnissen aufwächst, lernt zu sparen und seine Bedürfnisse auf das Minimalste zurückzuschrauben. Nicht nur das fehlende Geld, sondern auch weniger soziale Kontakte, somit weniger Aufmerksamkeit, Fürsorge, Alternativen und auch Anerkennung stellen Betroffene täglich vor Herausforderungen, die sie nur situativ meistern können. Denn die letzten 50 Euro im Monat müssen so eingesetzt werden, dass man lange davon satt werden kann. Die Gesundheit ist eher zweitrangig. Damit das klappt, muss jede Handlung auf ihren Nutzen kontrolliert werden. Bildungsaufsteiger*innen erlernen deswegen das sogenannte Management der Ressourcenknappheit. Der Kopf hinter dieser Idee ist der Soziologe Pierre Bourdieu (1987) und spricht von dem Habitus der Notwendigkeit.


Wächst man hingegen in privilegierten Verhältnissen auf, lernt man genau das Gegenteil: Das Management des Überflusses. Kurzfristige Probleme müssen bewältigt werden. Nicht jede Entscheidung braucht unbedingt einen möglichst großen Nutzen. Schließlich besitzt man Alternativen, auf die man zurückgreifen kann. Insgesamt besteht deutlich weniger (emotionaler) Druck, wodurch Entscheidungen rationaler getroffen und auf langfristige Ziele ausgerichtet werden können. 

Diese Wahrnehmungen und Denkmuster existieren nicht nur in dem Umgang mit Geld, sondern auch in anderen sozialen Kontexten wie zum Beispiel in der Schule oder Uni. Wenn ich ein Studium nämlich selbst finanzieren muss, bleiben für Zweifel keine Zeit, da man möglichst schnell fertig werden muss. Dass ein Status also auf der persönlichen Leistung fußt, ist ziemlicher Quatsch. Trotzdem gelingt ein Wechsel manchmal; dann kommt zu einer Transformation des Habitus. Meinungsverschiedenheiten und Interessenkonflikte führen zu Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Oft ist der einzige Ausweg dann nur noch: Alles neu. Obwohl die grundlegende Veränderung eines Habitus wissenschaftlich noch höchst umstritten ist, weisen Befragte hier starke Ähnlichkeiten auf.

Die Herausforderungen

Ist die Distanz zur Familie einmal hergestellt, können Betroffene ihr Wesen verändern. Ihre Sozialisation hat sie nicht auf Situationen in anderen sozialen Milieus vorbereitet, weshalb sie oft in Unsicherheit geraten. Nehmen wir nur mal ein Geschäftsessen: Da ihnen die Situation nicht bekannt ist, können sie sie nicht realistisch einschätzen. Gehen dadurch, sehr untypisch, immer wieder Risiken ein. Treten Probleme auf, suchen sie die Gründe dafür zuerst bei sich. Um diese Handlungsmuster aufzubrechen, müssen Betroffene permanent an sich arbeiten. 

Von ihrem Herkunftsmilieu, Familie und Freunde, müssen sie sich allmählich entfremden. Oft setzt dieser Prozess schon in der Jugendphase ein und wird stärker. Es fehlen gemeinsame Themen, Interessen und Werte. Die Lebensstile driften auseinander. Nicht selten herrscht auf beiden Seiten nur noch Unverständnis und die Funkstille setzt ein. Eine neue soziale Heimat fehlt ihnen aber noch. Stattdessen befinden sie sich in einer Zwischenposition: Die alten Kumpels will man nicht mehr zu einem Bier einladen und die Eltern erst recht nicht. Neue Bekanntschaften fehlen noch. Das aufkommende Gefühl des Alleinseins muss deswegen lange ausgehalten werden.

Fähigkeiten, die man für den sozialen Aufstieg braucht

Ganz anders als man es vielleicht erwartet, waren Ruhm und Reichtum in den häufigeren Fällen nie Ziele der Befragten. Meistens verfolgten sie nicht mal sowas wie einen Plan. Vorbilder wie Fußballer oder Rapper, die „vom Plattenbau in eine Villa mit Pool ziehen“” zählen für sie nämlich nicht. Schließlich bleiben solche sich treu und verändern nur ihre Lebenssituation. Aufsteiger*innen schöpfen ihre Motivation hingegen aus dem großen Drang danach, alles grundlegend verändern zu wollen. Ihre Unzufriedenheit ist akut, weshalb sie jede Chance nutzen: Einen spontanen Umzug, schnelle Beziehungen oder wechselnde Jobs – solange dahinter eine Verbesserung steckt. Ihre Entscheidungen sind deswegen deutlich flexibler und präferenzloser als von anderen.

Für einen andauernden Abstand zum Elternhaus, brauchen sie sich neue soziale Pat*innen. Menschen, denen sie vertrauen und zu denen sie aufschauen. Mal ist es die Mutter der besten Freundin, mal ein Theaterregisseur oder ein*e besonders ambitionierte*r Lehrer*in. Sie werden dann zu Bezugsperson und Vorbild.

 

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