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WISSENSCHAFT

Wer ist von Altersarmut betroffen?

[Symbolbild: pixabay]

08.02.2019 15:39 - Britta Rybicki

Wie sollte Alterssicherung aussehen? Eine Antwort darauf lautet in Deutschland die gesetzliche Rentenversicherung. Besonders durch die immer stärker aufkommende Altersarmut wird dieses Konzept jedoch zunehmend kritisiert. Martin Brussig und Lina Zink vom Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) haben in ihrem Altersübergangsreport nach Antworten gesucht.

30 Jahre lang gearbeitet und trotzdem liegt die Rente nur knapp über der Grundsicherung. Klingt dystopisch, ist aber eine besonders in letzter Zeit immer häufiger zu hörende Beschwerde. Denn wie kann es sein, dass Betroffene trotz langer Versicherungszeit nachher doch nur knapp über 600 Euro im Monat zum Leben bekommen? Oft wird die Schuld dann auf allseits bekannte Risiken geschoben. In ihrem Altersübergangsreport decken Brussig und Zink auf, in welchem Ausmaß die typischen Einkommensrisiken wie Kindererziehung, Krankheiten, Arbeitslosigkeit und späte Berufseinstiege tatsächlich zu Niedrigrenten führen.

Dafür verwenden sie Daten des Forschungsprojektes „Erwerbsverläufe von Frauen und Männern mit niedrigen Altersrenten", das vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung der Deutschen Rentenversicherung Bund gefördert wurde. Mit Hilfe der Ergebnisse lassen sich nämlich Lebens- und Versicherungsabläufe von Personen der Jahrgänge 1940 bis 1947 bzw. deren Rentenzugänge zwischen den Jahren 2000 und 2007 rekonstruieren. Die Stichprobe umfasst 1237 Proband*innen. In allen Fällen haben diese mindestens 30 Jahre lang gearbeitet und erhalten maximal zehn Prozent über dem Existenzminimum an Rente.

Sie orientieren sich also nicht an Kennzahlen zu Altersarmut. Laut Zink und Brussig erhalten Menschen, die eine Niedrigrente erhalten, maximal zehn Prozent mehr von 766 Euro im Monat. Was dem Existenzminimum im Jahr 2014 entspricht und gerade einmal für Unterkunft und Heizungskosten ausreicht. Frauen in Westdeutschland landen oft in diesen prekären Verhältnissen, weil sie über einen längeren Zeitraum für die Kindererziehung eine Erwerbslücke einlegen. Fast gleichermaßen betroffen sind Menschen aus Ostdeutschland, die nach dem Jahr 1990 oft ihren Job verloren haben und erwerbslos geblieben sind. Die dritte auffällig große Gruppe der Betroffenen sind westdeutsche Frauen und Männer, die diskontinuierliche Biografien vorzeigen. Das bedeutet, dass sie längere Zeit krank waren, spät in den Beruf eingestiegen sind oder ebenfalls Kinder großgezogen oder ihren Job verloren haben.

Es kommt auf viele Faktoren an

Doch sollte in solchen Fällen nicht eigentlich der soziale Ausgleich Sicherheit garantieren? Dieser ist ein Bestandteil des sogenannten Solidaritätsprinzips unserer Sozialversicherung. Dabei sind Mitglieder nicht für sich allein verantwortlich, sondern erhalten Hilfe und Unterstützung von einer Solidargemeinschaft – also anderen Mitgliedern. Risiken werden somit von allen Versicherten gemeinsam getragen. Die Umsetzung ist aber keine tatsächliche Hilfeleistung untereinander. Mitglied X weiß nicht, dass Mitglied Z gerade krank ist und deswegen vorerst nicht arbeiten kann. Es kommt zu einer interpersonalen Umverteilung der Ausgaben und unterstützenden Geldleistungen. Der soziale Ausgleich ist neben dem Schadens- und Risikoausgleich eine Form dieser Umverteilung und bezieht sich auf die Einkommenshöhe. Menschen, die besser verdienen, tragen solche, die schlechter verdienen. Bei dem Risikoausgleich unterstützen die, die eine geringere Erkrankungswahrscheinlichkeit haben, solche, die gefährdeter sind, und bei dem Schadensausgleich ganz einfach Gesunde die Kranken.

Studis sind stark gefährdet

Kurze Pausen sichert der soziale Ausgleich ab. Das beweisen auch die Ergebnisse von Linz und Brussig. Die hier auffälligen drei Gruppen weisen allerdings „kumulierten Dauern von Einkommens- und Beitragsausfällen” auf, was nichts anders bedeutet als dass sie nie nur einem Risiko ausgesetzt waren. In den häufigeren Fällen haben betroffenen Mütter nämlich nicht nur für die Kindererziehung pausiert, sondern sind danach häufig in Teilzeitbeschäftigungen gelandet. Menschen, die in Ostdeutschland wiederholt arbeitslos geworden sind, haben immer öfter geringere Einstiegslöhne oder Befristungen akzeptiert. Gleiches gilt für kranke Personen, die aufgrund ihrer wenigen Kapazitäten keine Vollzeitstelle annehmen können und nur in prekären und – hier ausschlaggebend – keinen vieljährigen Beschäftigungen landen.

Besonders vor diesem Hintergrund bringen politische Reaktionen wie die Rentenbegünstigung aller Mütter, die vor dem Jahr 1992 Kinder zur Welt gebracht haben, relativ wenig. Um eine Niedrigrente zu verhindern, braucht man keine Begünstigungen, sondern eine stabile Vollzeitstelle, die gut bezahlt wird. Denn nur so können die Solidarausgleichsformen überhaupt funktionieren.

Mittlerweile gehören Studierende ebenfalls zu den Risikogruppen. Ein Studium zählt nämlich seit dem Jahr 2009 nicht mehr zu den Anrechnungszeiten für die Rente. Anders ist das bei einer Berufsausbildung zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr, wofür man eine Rentensteigerung erhält. Der Grund für diese politische Maßnahme: Die demographische Veränderung. Die Zahl der im Erwerbsalter Tätigen sinkt stetig, wohingegen die Lebenserwartung ansteigt. Ein Argument, das die Politik dazu brachte, die Stellschrauben neu zu setzen.

Regeln bei Praktika

Wütende dadurch Benachteiligte zogen wegen der neuen Regelung in der Vergangenheit sogar vor das Verfassungsgericht – ohne Erfolg. Die Argumentation dahinter: Sie mutet Studierenden mehr als Menschen mit einer Berufsausbildung zu. Weshalb Studierte zusehen müssen, dass sie die Zeiten, in denen sie keine Beiträge gezahlt haben, später selbstständig ausgleichen. Schließlich hätten sie wesentlich bessere Verdienstchancen, wodurch sie überdurchschnittliche Rentenanwartschaften aufbauen können, so die Begründung.

Da ein Praktikum Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen in einem Betrieb vermittelt, ist es grundsätzlich versicherungspflichtig. Was allerdings nicht zutrifft, wenn es in der Prüfungsordnung vorgeschrieben ist. Ein freiwilliges Praktikum wird nur dann relevant, wenn Studis mehr als 450 Euro im Monat verdienen, da es so als normaler Minijob gewertet wird. Beide Bedingung treffen nicht zu, wenn man zu dem Zeitpunkt nicht eingeschrieben ist. Ein solches Praktikum gilt nämlich als betriebliche Berufsbildung, bei der die Regelungen zur Versicherungsfreiheit geringfügiger Beschäftigung nicht mehr greifen.

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