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WISSENSCHAFT

Wenn Stress auf die Gesundheit schlägt

Fight or Flight: Der Körper macht keinen Unterschied dabei, ob er in die Schlacht zieht oder eine emotionale Krise erlebt.

[Symbolfoto: Anna Riemen]

22.10.2019 00:15 - Anna Riemen

Dauergestresste Menschen sind oft erkältet und werden anfälliger für Krankheiten, sagt der Volksmund. Doch kann langanhaltender Stress unseren Körper tatsächlich krank machen? Die Antwort ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Eigentlich ist Stress zunächst etwas Gutes: Im Laufe der Evolution ist er der Grund, der die Gattung Mensch überleben ließ. „Die Stressreaktionen, die wir entwickeln, wenn wir uns in bedrohlichen Situationen wiederfinden, lässt uns unsere Kräfte mobilisieren, um entkommen zu können", erklärt Dr. Harald Engler, Professor für Verhaltensimmunbiologie der Universität Duisburg-Essen. Dies nennt man adaptiven Stress.

Chronischer Stress kann krank machen. Ihn als einzigen Übeltäter herauszulösen, ist jedoch falsch.

Melden die Sinnesorgane Gefahr und schätzen die übergeordneten Strukturen des Gehirns eine Situation folglich als bedrohlich ein, reagiert der Körper mit einer sogenannten „autoregulatorischen Stressantwort": Der Alarmruf des Gehirns wird über das sympathische System – ein Teil des vegetativen Nervensystems – an das Mark der Nebennierenrinde weitergeleitet. Diese beginnt daraufhin, Stresshormone auszuschütten, zunächst Neurotransmitter wie Adrenalin und Noradrenalin.

Dies führt zum Anstieg der Herzfrequenz, zur Kontraktion von Blutgefäßen und zur Bereitstellung von Zucker. Herz, Gehirn und Muskeln werden besser durchblutet. Die Zellen der sogenannten unspezifischen Immunabwehr, welche eine erste Abfanglinie der körperlichen Gefahrenabwehr bilden, werden kurzfristig gestärkt, da Verletzungen zu erwarten sind. Kampf oder Flucht können beginnen.

Akutes Gefahrenprotokoll

Dauert die Gefahr an, schüttet die Nebennierenrinde Steroidhormone aus, insbesondere Cortisol. Dieses Stresshormon bewirkt viele Dinge, etwa, dass im Körper Eiweiß ab- und Glukose aufgebaut wird. Zudem bremst es das Immunsystem und alle den Körper regenerierenden Funktionen. Ist die Gefahr endgültig vorbei, wird die Cortisolproduktion gedrosselt. Leber und Nieren bauen die überschüssigen Stresshormone ab und das System wird auf Normalfunktion heruntergefahren. Das Gefahrenprotokoll des Körpers wird heutzutage auch in Situationen aktiviert, die nicht lebensbedrohlich sind.

Dennoch schätzen wir sie unterbewusst als solche ein – und darauf kommt es an. „Ihr Überleben hängt ja nicht vom Ausgang einer Prüfung ab. Dennoch reagiert der Körper so, als müsse er vor einer natürlichen Bedrohung fliehen", veranschaulicht Engler. Häufen sich diese Situationen und werden die Systeme permanent aktiviert, kommt es zu Nebenwirkungen. Hier beginnen die Phasen der chronischen Stressreaktion.

Chronischer Stress, chronische Erschöpfung

Wenn die Nebennierenrinde kontinuierlich vom Gehirn angeregt wird, Stresshormone zu produzieren, kostet dies den Körper überdurchschnittlich viel Energie. So produziert ein gesunder Körper unter normalen Bedingungen 10-25 Milligramm Cortisol pro Tag, unter Stress sind es dagegen 200-300 Milligramm. Es kommt zu hohen Stressmarkern – und, als ultimative Folge zu einer Erschöpfung der Systeme. „Dann fühlt man sich ausgelaugt. Wie lange es dauert, bis sich die Systeme wieder erholt haben, ist von Person zu Person unterschiedlich", erklärt Engler.

Ein Cortisolüberschuss kann zu Problemen führen: Durch seinen Einfluss auf die Kontraktionskraft des Herzens kann bei einem langfristig hohen Cortisolspiegel Bluthochdruck entstehen. Eine Arbeitsgruppe am Ulmer Klinikum fand bei Patient*innen, die an Depressionen litten und eine damit einhergehende erhöhte Cortisolausschüttung vorwiesen, ein erhöhtes Risiko, kardiovaskuläre Krankheiten zu entwickeln.

Ein Überschuss des eigentlich schützenden Cortisols führe langfristig zu einer vermehrten Fettablagerung in den Gefäßen und zur Arterienverkalkung. Cortisol hat außerdem eine immunsuppressive Wirkung: T-Lymphozyten, Zellen der spezifischen Immunabwehr, teilen sich langsamer. Sie sind darauf spezialisiert, bestimmte fremde Organismen oder kranke Zellen im Körper zu erkennen und abzutöten. Ein chronisch hoher Cortisolspiegel wird somit mit einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Infektionen in Verbindung gebracht. Ein Forschungsprojekt der Universität Konstanz wies sowohl im Blut von Trauma-Patient*innen als auch in dem von Studierenden unter Examensstress weniger T-Lymphozyten nach als bei Patient*innenen mit niedreren Stressmarkern.

Wenn der Panikknopf zur Routine wird

Die Langzeitbelastung, die chronischer Stress auf unseren Körper ausübt, ist somit etwas, das krank machen kann. Doch Stress als einzigen Übeltäter herauszulösen, sei falsch, urteilt Engler. Physiologische Stresspegel, etwa die Herzrate, die Aktivität des sympathischen Nervensystems oder die Konzentration der Stresshormone im Blut seien zwar messbar. Doch wie Befindlichkeiten und die Reaktionen, die sie im Körper auslösen, sich über lange Zeiträume auf den menschlichen Organismus auswirken, ist schwer wissenschaftlich nachvollziehbar.

Der Körper und seine Reaktionen seien vielseitigen Wechselwirkungen unterlegen.

„Die Arten, wie Leute mit Stress umgehen, sind sehr individuell. Auch, wie sie Stresssituationen jeweils bewerten, kann unterschiedlich sein. Manche Leute empfinden dieselbe Situation als anstrengender als andere", gibt Engler zu bedenken.
Alle Faktoren des täglichen individuellen Erlebens unter klinischen Bedingungen in einem isolierten Umfeld nachzustellen, sei unmöglich.

„Unter experimentellen Bedingungen können die Einflussfaktoren kontrolliert, die Ergebnisse beobachtet werden. Aber Leute, die draußen ihr Leben leben, sind so vielen Faktoren unterlegen, die Einfluss auf ihre Person haben. Man kann so nicht immer eins zu eins feststellen, was die Ursachen sind", fügt Engler hinzu. Der Körper und seine Reaktionen seien vielseitigen Wechselwirkungen unterlegen. Nicht nur Stress, sondern etwa auch die Ernährung, die geistige und körperliche Gesundheit, das Umfeld und viele andere Faktoren spielen eine Rolle.

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