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WISSENSCHAFT

Wenn Roboter in uns Gefühle auslösen

03.09.2018 12:07 - Britta Rybicki

Seit den Tamagotchi wissen wir, dass Maschinen Gefühle in uns auslösen können. Doch woran liegt das? Wann werden kalte Maschine für uns zu sozialen Wesen? Genau dieser Frage ist das Forschungsteam um Professorin Nicole Krämer und Aike Horstmann an der Universität Duisburg-Essen am Lehrstuhl für Kommunikation und Medien nachgegangen.

Einverständniserklärung unterschrieben, den langen Fragebogen ausgefüllt. Evgenia Princi nimmt neben 85 Probanden an dem Experiment von Aike Hoffmann teil. Im Rahmen ihrer Masterarbeit möchte die 25-Jährige herausfinden, ob es Folgen hat, wenn ein Roboter menschenähnlich reagiert. Als die Formalien geklärt sind, sitzt Princi dem 85 cm großen Nao gegenüber. Er trägt große neonleuchtende Kulleraugen, eine Kameralinse am Oberkopf und vier unscheinbare Lautsprecher auf seinem Brustkorb. Dazwischen liegt der Aus-Knopf. Seine Sitzposition ist starr, seine Arme und Handgelenke ziemlich rudimentär, aber beweglich. Dass Princi sich nicht vor ihm fürchten würde, läge vor allem an seinem niedlichen Aussehen, meint sie. „Viele Probanden haben ihn sogar mit einem Kind verglichen“, sagt Horstmann.

Aike Horstmann und Nao. (Foto:BRIT)
Aike Horstmann und Roboter Nao.                                      Foto: BRIT

 

Nachdem die angehende Sozialpsychologin Princi Naos Funktionen erklärt, verlässt sie unter dem Vorwand „noch Daten transferieren zu müssen“ den Raum und nimmt heimlich im Nebenzimmer platz. Von da aus überblickt sie vom Laptop aus den gesamten Versuchsablauf, steuert Naos Sprache und Gestik. „Das wussten unsere Teilnehmer natürlich nicht. Sie sind davon ausgegangen, dass Nao autonom handelt“, sagt Horstmann.

Das Experiment beginnt. Vor Princi liegt eine Tabelle mit Wochentagen und Karteikarten mit Aktivitäten. Laut ihrer Arbeitsanweisung soll sie diese Nao abwechselnd in die Linse halten, um zu planen, was er die Woche so unternimmt. „Ich dachte, dass der Versuch nur dazu dient, sein audiovisuelles Können zu testen“. Falsch gedacht, professionell getäuscht. Denn eigentlich geht es Horstmanns Team um die letzten Minuten der Sitzung.

Nao macht Smalltalk

Während Princi also mit Nao seine Wochenplanung bespricht, verwickelt er sie in ein Gespräch. „Hallo mein Name ist Nao, ich freue mich dich kennenzulernen. Wie heißt du?“. Princi muss schmunzeln und stellt sich vor. „Das ist ein schöner Name. Ich bin gerne mit dir“, lautet die Antwort des kleinen Roboters. Die 31-Jährige ist gerührt. Schnell vertiefen sie ihr Plaudern in Gemeinsamkeiten: Pizza oder Pasta? Eindeutig Pizza – da sind sie sich einig. Katzen mag Nao hingegen nur, weil sie seine funkelnden Augen so toll finden. Wofür er Princi besonders beneidet? Dafür, dass sie sich an heißen Sommertagen im Freibad abkühlen kann. Nao würde auch wahnsinnig gerne mal schwimmen, was als nicht wasserdichte Maschine aber unmöglich für ihn ist. „Man hat angefangen eine Beziehung zueinander aufzubauen. Wie ein Kennenlernen. Wäre er ein Mensch, hätte ich ihn sympathisch gefunden“, sagt Princi.

Plötzlich passiert etwas mit dem sie nicht gerechnet hat. Als die Versuchsleiterin ihr über die Lautsprecher mitteilt, dass sie Nao jetzt ausschalten könnte, wehrt er sich. „Nein, bitte schalte mich nicht aus. Ich habe Angst, dass es nicht mehr hell wird“, Princi ist sichtlich überfordert. Sie lehnt sich zurück. Ihre Gedanken kreisen nur um die Frage, ob das gerade Nao oder die Absicht der Versuchsleiterin ist. „Ich habe seinen Einwand für einen kurzen Moment wirklich für seinen eigenen Willen gehalten“, so Princi. Fragend schaut sie sich im Raum um. Keine Ansprechperson, die* ihre diese Entscheidung abnehmen kann. Aus Horstmanns Auswertungen geht hervor, dass es vielen Proband*innen so ging. Solche, die Nao nicht ausschalten konnten, wollten sich nicht über den Willen eines anderen Wesens hinwegsetzen.

Menschliche Reaktionen führen zu Mitmenschlichkeit

„Ich kann gar nicht genau beschreiben, was da mit mir passiert ist. Durch unsere Unterhaltung hatte ich eine Beziehung zu ihm aufgebaut“, ergänzt sie. Und in solch einer sozialen Beziehung kann man im Alltag eben auch nicht abrupt auf Stopp oder Aus drücken. „Die minimalste Form von Interaktion reicht aus, um seinen Gegenüber zu einem sozialen Wesen zu machen“, erklärt Horstmann. Menschliche Reaktionen zwingen uns regelrecht dazu uns menschlich zu verhalten. Wodurch uns ganz plötzlich eine Alltagshandlung, nämlich eine Maschine wie etwa den Staubsauger auszuschalten, schwer fällt. „Unsere Reaktion ist darauf zurückzuführen, dass wir tausende von Jahren die Einzigen waren, die miteinander kommuniziert haben. Weshalb wir dann sofort auf interaktive Technologien reagieren“, so Horstmann.

Mehr Mitleid mit dem gefühlskalten Nao?

Nach wenigen Minuten kann Princi sich dann doch überwinden und schaltet den kleinen Nao aus: „Ich wusste ja, dass ihm nicht Schlimmes passieren kann.“ So rational handelten nicht alle der 43 Teilnehmer*innen in der Versuchsgruppe. „Dreizehn ließen ihn an“, sagt Horstmann. In der Vergleichsgruppe, in der Nao nicht jammerte, ließ ihn hingegen nur einer Person an. Alle andere zögerten keine Sekunde, den Power-off-Knopf zu betätigen. „Viel spannender ist aber, dass sich Menschen, die in der Versuchsgruppe in der technischen Bedingung landeten schwieriger taten als die in der sozialen Bedingung“, sagt Horstmann. Zusätzlich teilte das Forschungsteam die Gruppe, in der Nao seine Angst vor der Dunkelheit offen legte nämlich noch mal auf: Die einen erlebten den Roboter eher als kalte Maschine, die gehorsam Anweisungen erfüllte, mit dem Rest quatschte er freundlich. „Dadurch, dass sein Klagen so unerwartet kam, haben sich viele überfordert gefühlt“, erklärt Horstmann.

Die eindeutigen Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven. „Nach meiner Reaktion wurde mir klar, dass eine Zusammenarbeit mit Robotern vermutlich wirklich möglich ist“, sagt Princi. Dass die freundlichen technischen Geräte aber eines Tages Menschen ablösen könnten, stehe jetzt noch nicht zur Debatte. „Denn so weit ist die Technik noch lange nicht“, sagt Horstmann. Was vielleicht auch gut ist. Denn wie verdienen Betroffene dann ihren Lohn, wenn Maschinen ihnen ihre Arbeit wegnehmen? Wahrscheinlich muss sich erst der Kapitalismus ändern – und dann die Arbeitsprozesse.

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