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WISSENSCHAFT

Wenn Emotionen ein Rätsel bleiben

Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen können bestimmte Gesichtsausdrücke nicht richtig deuten. [Symbolbild: pixabay]

19.08.2020 16:02 - Jacqueline Brinkwirth

Emotionale Tiefe und Vielfalt sind Eigenschaften, die den Menschen von anderen Lebewesen grundlegend unterscheiden. Freude, Liebe, Trauer und Angst werden dabei auf verschiedene Weise geäußert. Nicht nur von Individuum zu Individuum, sondern auch über Kulturen hinweg gibt es dabei große Unterschiede. Für Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen kann das ein Problem sein. Dr. Katja Kölkebeck vom LVR-Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie erklärt, wie die Psyche sich auf die Wahrnehmung von Emotionen auswirken kann.

Emotionen sind die körperliche Antwort auf bestimmte Reize. Dabei kann der körperliche Ausdruck von Emotionen, beispielsweise durch Lächeln, Stirnrunzeln oder das Verziehen des Mundes, selbst zum Reiz werden. Nämlich bei anderen Menschen, wenn sie versuchen, unsere Emotionen zu entschlüsseln. Eine Schwierigkeit dabei ist, dass Gefühle in verschiedenen Kulturen verschieden ausgedrückt werden können. In der sozialen Kommunikation treten diese Unterschiede zutage und sorgen mitunter für Missverständnisse. Katja Kölkebeck ist Psychiaterin und arbeitet in der LVR-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der UDE.

In verschiedenen Forschungsprojekten hat sie sich in der Vergangenheit mit der sogenannten transkulturellen Psychologie beschäftigt: „Ich interessiere mich unter anderem dafür, wie in anderen Kulturen im Vergleich zur westlichen Kultur Emotionen verarbeitet werden oder soziale Kommunikation abläuft. Vor allem den Vergleich zu ostasiatischen Kulturen finde ich spannend.“ Während einiger Forschungsaufenthalte in Japan rückte vor allem das soziale Miteinander dort in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit. „Wichtig finde ich hierbei, dass die japanische Kultur deutlich stärker auf Harmonie zwischen ihren Mitgliedern bedacht ist, als hierzulande üblich. Daher sind viele Menschen auch versiert im ,Lesen der Luft’ wie man in Japan sagt, also dem impliziten Erfassen von Situationen, ohne dass Emotionen oder Sachverhalte klar angesprochen werden“, berichtet sie.

Situationen lesen können

Das spiegelt sich auch in ihren eigenen Erfahrungen wider, so die Psychaterin. „Das war für mich nicht immer ganz einfach, auch im Umgang mit den Kollegen. Hierzu gibt es viele spannende Befunde, zum Beispiel, dass das Gehirn möglicherweise stärker bei uns ,Westlern’ aktiviert wird, wenn wir soziale Aufgaben bewältigen müssen“, erzählt Kölkebeck. Doch nicht nur über Kulturen hinweg kann das Lesen von Emotionen für Schwierigkeiten sorgen. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen wie einer Schizophrenie oder Autismusspektrumstörung können bestimmte Gesichtsausdrücke und die Gefühle dahinter nicht richtig deuten, was für Spannungen in der sozialen Kommunikation sorgt. „Wir wissen, dass Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie – vermutlich aufgrund von veränderten Strukturen im Gehirn – Probleme haben, bestimmte Reize korrekt wahrzunehmen. Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass Patienten mit einer Schizophrenie negative Gesichtsausdrücke weniger gut erkennen können als Gesunde“, zeigt sie auf. Das liege auch daran, dass die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, durch bestimmte Erkrankungen eingeschränkt wird.

„Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen haben Probleme, bestimmte Reize korrekt wahrzunehmen.

Dadurch erleben Betroffene soziale Situationen häufig auch als Drucksituation. Eine veränderte Wahrnehmung von Emotionen bei einer Erkrankung kann wissenschaftlich von zwei Seiten betrachtet werden. „Es kann sich zum einen um ein Symptom, zum anderen aber auch um einen verstärkenden Faktor handeln, der Symptome verschlechtern und eventuell Rückfälle produzieren kann.“ Bei mehreren Erkrankungen ist eine veränderte Wahrnehmung bisher beobachtet worden: Schizophrenie, autistische Störungen, ADHS und affektive Störungen, Depressionen oder Manien und anorektischen Störungen. „Patienten mit Anorexia nervosa sind oft so mit kreisenden Gedanken um das Essen abgelenkt, dass es ihnen schwer fällt, sich auf andere einzulassen. Ähnliches gilt für Patienten mit affektiven Störungen, die viel ruminieren, also mit kreisenden, negativen Gedanken beschäftigt sind“, erläutert Kölkebeck.

Forschung und Behandlung

Während kulturelle Unterschiede in der sozialen Interaktion meist nur für unterhaltsame oder unangenehme Momente sorgen, kann eine veränderte Wahrnehmung durch psychische Erkrankungen das Leben von Betroffenen enorm erschweren. Weiterführende Forschung in diesem Feld bietet die Möglichkeit, Strategien für Kommunikationssituationen in der Behandlung zu entwickeln. „Zum einen ist es relevant, die möglichen Defizite der Patienten zu kennen. Es ist wichtig, bei bestimmten Patienten nicht zu viel mit Sarkasmus oder Metasprache zu arbeiten, sondern möglichst konkret zu sprechen und im Gesichtsausdruck möglichst eindeutig zu erscheinen“, illustriert Katja Kölkebeck.

„Zum anderen gibt es mittlerweile Schulungsprogramme für eine Reihe von Krankheitsbildern, die soziale Fertigkeiten schulen, sodass Patienten besser mit ihrem Umfeld klarkommen können.“
Im LVR-Klinikum startet dazu bald ein neues Projekt. „Dabei bieten wir eine ambulante Therapie an, die Patienten mit Autismusspektrumstörungen helfen soll, Gesichtsausdrücke besser entziffern zu können und erfolgreicher in sozialen Interaktionen zu sein. Dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt wird auch in sechs weiteren Zentren in Deutschland durchgeführt, um die Effektivität der beiden genutzten Programme zu überprüfen.“

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