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WISSENSCHAFT

Was macht Isolation mit unserer Psyche?

Alleinsein kann krank machen. [Foto: Lena Janßen]
04.05.2020 14:54 - Jacqueline Brinkwirth

Aufgrund der Corona-Pandemie ist Isolation das Gebot der Stunde – Freund*innen, Familie und Arbeitskolleg*innen zu sehen ist nur mit Abstand oder digital möglich. Wie wirkt sich Alleinsein auf die Psyche aus?

Biologisch betrachtet ist der Mensch ein soziales Lebewesen. Ohne Partner*in kann er sich nicht fortpflanzen. Das Leben innerhalb einer Gesellschaft ist also kein Zufall, sondern es hat evolutionstechnisch einen Sinn: Menschen überleben ausschließlich in Gruppen. Auch wenn jedes menschliche Wesen ein Individuum ist, ist es ohne den Kontakt zu anderen schlicht nicht lebensfähig. Wegen der Corona-Pandemie müssen wir uns alle nun von den meisten Sozialkontakten fernhalten – ein Umstand, der nicht nur ungewohnt, sondern auch schwierig zu ertragen ist. Doch warum ist es so schwierig, soziale Interaktion auf ein Mindestmaß zu beschränken? Was macht die Distanz mit der Psyche eines Menschen?

Schlecht fürs Gehirn?

Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut und beschäftigt sich in der Forschungsdisziplin Neuroimmunologie mit dem Zusammenspiel von Psyche, Nervensystem und Immunsystem. Für ihn ist mit Hinblick auf soziale Isolation klar: „Mehr als vier Wochen halten die meisten Menschen das psychisch nicht durch.“ Kontaktsperre, Home-Office oder gar Quarantäne mögen zu Beginn entschleunigend und entspannend wirken. Aber: „Der wohltuende Frieden, den wir gerade erleben, wird verloren gehen.“ Diese Schlussfolgerung beruht vor allem auf den neurophysilogischen Erkenntnissen seiner Forschung. Denn Menschen reagieren mit bestimmten Mechanismen auf soziale Isolation. Allen voran steht Motivationsverlust. „Sozialer Kontakt aktiviert die Motivationssysteme im Gehirn“, erklärt Bauer. Sobald Menschen weniger soziale Interaktion erleben, arbeiten diese Systeme ebenfalls weniger. Die Folge: weniger Dopaminausschüttung und weniger Endorphin im Blut. „Das sind genau die Botenstoffe, die uns vital und munter halten und dafür sorgen, dass wir Freude am Leben haben.“ Wenn die Isolation lange anhält, können depressive Verstimmungen eine Folge sein.

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Isolation schlägt sich allerdings nicht nur psychisch nieder. Auch physischer Schmerz kann durch anhaltende Distanz zu Anderen verstärkt werden. „Wenn Menschen isoliert werden, die bisher unter Schmerzen litten, dann wird Einsamkeit diese Schmerzen verstärken. Wer bisher noch keine Schmerzen hatte, kann erleben, dass durch Isolation plötzlich Beschwerden auftreten“, erläutert Bauer. Weil Körper und Geist des Menschen so eng miteinander verknüpft sind, können sich psychische Belastungen in physische Beschwerden übersetzen. Auch erhöhte Stressgefühle können Einfluss auf den Körper nehmen: „Die Abwehrkräfte des Immunsystems erlahmen, wenn Menschen Einsamkeit oder soziale Ausgrenzung erleben“, sagt Bauer. Stress sorgt für eine höhere Ausschüttung des Hormons Cortisol, was zu Angstzuständen und Schlafproblemen führen kann. 

Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht

Weniger Dopamin und Endorphin, dafür aber mehr Cortisol im Blut – der Hormonhaushalt gerät in der Isolation aus dem Gleichgewicht. Der Grund: Menschen sind auf soziale Kontakte angewiesen, um gesund zu bleiben. Das belegt die Evolution des Homo sapiens. Die Verbindung zur „Herde“ war überlebenswichtig, erst in der Gruppe konnte ein Individuum seine*ihre Gene an die nächste Generation weitergeben. Warum Menschen also darunter leiden, allein zu sein, liegt auf der Hand. Sie empfinden sozialen Schmerz, das haben Forscher*innen anhand von Gehirnscans nachgewiesen. Dabei fanden sie auch heraus, dass die Konzentration unter Isolation leidet: Fühlen Menschen sich einsam, vereinnahmt dieses Gefühl eine Menge mentale Kapazität. Ergo können sie sich schlechter auf andere Dinge konzentrieren. 

Hinzu kommt, dass Menschen, die in einer digitalisierten Gesellschaft leben, soziale Distanz schlicht nicht mehr gewohnt sind. Kontakt über physische Entfernungen hinweg aufrecht zu erhalten ist dank sozialer Medien und Messengerdiensten zwar kein Problem mehr. Dennoch funktionieren soziale Beziehungen langfristig nur, wenn digitaler Kontakt auch mit physischem Kontakt verknüpft wird. Schon als Baby lernt der Mensch, Berührungen als Fürsorge und elterliche Zuwendung zu verstehen. Da andere Sinne wie Sehen oder Hören noch nicht vollends entwickelt sind, müssen Babies sich bis zu einem gewissen Grad auf den Tastsinn verlassen, weswegen er die Entwicklung des Gehirns enorm beeinflusst. Das ist auch für Erwachsene eine prägende Erfahrung: Berührungen sind nicht nur körperliche Kommunikation, sie dienen vor allem der Aufrechterhaltung des psychischen Gleichgewichts. Der Verzicht auf körperliche Nähe und die Einschränkung sozialer Kontakte widerspricht demnach allem, was wir in frühester Kindheit gelernt haben und schlägt sich deshalb so stark in unserem jetzigen Alltag nieder. Was gegen die Einsamkeit hilft? Alles, was positive Gefühle auslöst. Sei es ein langer Spaziergang, das letzte Album der Lieblingsband oder ein Telefonat mit den Liebsten – solange eine Aktivität sich gut anfühlt, trägt sie auch zum hormonellen und psychischen Gleichgewicht bei. 

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