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WISSENSCHAFT

Was für eine verfickte Bachelorarbeit

(Foto:seg)

03.12.2018 14:35 - Julia Segantini

Du Arschloch! Hättet ihr gedacht, dass man sich mit diesem Ausdruck wissenschaftlich auseinandersetzen kann? Giada* hat das in ihrer Bachelorarbeit gemacht. Genauer gesagt, mit der Verwendung von Schimpfwörtern im filmischen Diskurs am Beispiel der britischen Serie Skins. Wir stellen euch vor, was sie herausgefunden hat.

Wie Giada in ihrer Arbeit gleich zu Anfang erklärt, nähern sich Wissenschaftler*innen erst seit kurzem dem Thema Schimpfwörter. Deshalb will sie den filmischen Einsatz von Beleidigungen wie in der Serie Skins untersuchen. Ihre These: Schimpfwörter werden verwendet, um bestimmte Merkmale von Charakteren hervorzuheben. Zum Beispiel ihren sozialen Status, ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft, ob sie zwischen verschiedenen Rollen wechseln können und Hierarchien oder Beziehungen zwischen Charakteren.

Einer der wichtigsten Aspekte in der Arbeit: je niedriger der soziale Status eines Charakters, desto mehr wird erwartet, dass er*sie flucht. Im Umkehrschluss: Je weniger Schimpfworte, desto gehobener die Sprache und desto höher der Status der Person. Mitglieder einer sozialen Gruppe könnten sich außerdem einer vulgären Sprache bedienen, um ihre Identifikation mit ihrer Gruppe zu zeigen, erklärt Giada. Sie betont, dass Erwartungen sich auf den aktuell normativen Diskurs beziehen. „Wie tolerant eine Gesellschaft mit dem Gebrauch eines bestimmten Sprachstils ist, ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich“, erklärt sie.

Giada argumentiert, dass fluchen bestimmte Beziehungen verdeutlichen kann. Beispielsweise bestehende Machtverhältnisse zwischen Charakteren, ein gewisses Maß an Respekt sowie Freundschaft oder Gemeinschaft. Die Art und Weise, wie Menschen miteinander reden, sage also etwas darüber aus, wer die Macht über wen hat. Folge auf einen verbalen Angriff kein Gegenangriff, sei eine Person höher gestellt als die andere. „Bedrohungen mit Schimpfwörtern werden in der Regel intensiver wahrgenommen, als  ohne“, schreibt Giada.

Dies werde im filmischen Kontext besonders wichtig, da Filme und Serien in einem begrenzten Zeitrahmen stattfänden (ein Film zum Beispiel in zwei Stunden). Um dem Publikum das Gefühl zu geben, die Figur gut zu kennen, müsse die kurze Zeit umso intensiver sein – „intensiver als es ähnliche Situationen im wirklichen Leben wären“, drückt es Giada aus. Daher verwendeten Autor*innen Verstärker wie Schimpfwörter, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Damit ein Schimpfwort nicht verletzend ist, müsse zwischen den fraglichen Charakteren ein gewisses Maß an Intimität herrschen, erläutert Giada. „In diesen Fällen wäre das Fluchen dann ein Symbol für Gemeinschaft oder Freundschaft“, argumentiert sie. Im Klartext: Ich kann einer befreundeten Person ein Schimpfwort an den Kopf werfen, ohne, dass sich diese Person dadurch beleidigt fühlt.

55 Schimpfworte zählt Giada allein in den beiden ersten Szenen der Pilotfolge.

Beleidigungen in Skins

Die Serie Skins erzählt die Geschichte einer Gruppe von Teenagern in Bristol auf dem Weg zum Abschluss. Sie beschäftigt sich mit dem Erwachsenwerden und war wegen Themen, wie zum Beispiel der sexualisierten Inhalte, umstritten. Die Hauptfiguren sind Tony, Michelle, Sid, Cassie, Chris, Jal, Maxxie und Anwar. Alle kommen aus Familien der Unter- bis Mittelschicht und fluchen gern und viel. Ihnen gegenüber stehen Abigale und Josh, die aus der Oberschicht stammen. Wie Giada verdeutlicht, sympathisieren Teenager wegen ihrer eigenen rebellischen Tendenzen mit rebellischen Charakteren. Fluchen, als eine Form der Rebellion, ziehe daher ein Publikum aus Jugendlichen an. Dass die Macher*innen der Serie daran gedacht haben, zeige sich, wenn man sich die Mühe macht, alle Beleidigungen mitzuzählen: 55 Schimpfworte zählt Giada allein in den beiden ersten Szenen der Pilotfolge.

„Während der gesamten ersten Staffel benutzen Abigale und Josh ein Viertel so viele Schimpfworte wie die anderen Teenager“, stellt sie fest. Außerdem schimpfe Abigale nur in extremen Situationen, anders als zum Beispiel Sid mit seiner umfangreichen Verwendung des Wortes „fuck“. Außerdem werde Abigales Fluchen als humoristisches Element in der Serie verwendet, da man es von ihr nicht erwarte. Das Fluchen diene hier als Indikator für den sozialen Status, so Giada.

Anhand der Schimpfwort-Nutzung stellt sie außerdem fest, wie Tony es schafft, sich jederzeit zu verwandeln – vom herumkommandierenden Anführer der Gruppe und Unruhestifter in den gut erzogenen intelligenten Musterknaben. In Episode fünf besucht Tony Sid, um ihn zu überreden, sich hinauszuschleichen, obwohl dieser Hausarrest hat. Dabei beledigt Tony Sid unter anderem sexistisch, bezeichnet ihn als „verfickte Vagina“.

„Seine übergeordnete Position stärkt Tony also durch die mehrfache Nutzung von Beleidigungen“, stellt Giada fest. Nach einer Weile kommt Sids Vater, Mark, herein und unterbricht das Gespräch. In dem Moment, in dem Sids Vater den Raum betritt, wechselt Tony die Rollen und wird zum vorbildlichen Schüler mit guten Manieren. Er drückt sich höflich aus und verzichtet auf Beleidigungen. Die Nutzung von Schimpfworten, die zum Teil diskriminierenden Stereotypen entsprechen, weist hier also auf den Wechsel zwischen sozialen Rollen hin.

*Name von der Redaktion geändert

–>Mein Campuserlebnis<–

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