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WISSENSCHAFT

Studie: Warum wir stressige Erlebnisse besser erinnern

Während des Bewerbungsgesprächs schaut das Komitee neutral und gibt kein positives Feedback, Stress wird erzeugt.

[Foto: Institut für Kognitive Neurowissenschaft, Anne Bierbrauer]

30.10.2021 12:34 - Selome Abdulaziz

Eure erste mündliche Prüfung habt ihr vermutlich deutlicher vor Augen als einen normalen Schultag. Warum wir uns an stressige Erlebnisse besser erinnern, fanden Wissenschaftler:innen der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in einer neuen Studie heraus.

Dass stressige Erlebnisse besser erinnert werden, war in der Forschung bereits bekannt. Zu den potenziellen Ursachen gab es unterschiedliche Konzepte. Eine Theorie ist, dass Stress unser Gedächtnis verbessern könnte, da eine stressige Episode für unser Gehirn bereits bekannten negativen Emotionen ähnelt, wie zum Beispiel Angst oder Trauer. Die am 14.10. veröffentlichte Studie der RUB-Forschenden liefert Anhaltspunkte für diese Theorie.

Stress im Bewerbungsgespräch

Für die Studie wurden Bewerbungsgespräche in zwei Gruppen simuliert. Die erste Gruppe saß einem freundlichen Komitee gegenüber, die zweite Gruppe musste sich einem neutral schauenden Komitee gegenüberstellen. So wurde bei der zweiten Gruppe Stress ausgeübt. Während des Experiments benutzen die Komitee-Mitglieder Alltagsgegenstände wie eine Teekanne oder eine Cola-Dose. Einen Tag nach der Bewerbungssituation wurden den Probanden, alle männlichen Geschlechts, die Objekte sowie Fotos von den Komitee-Mitgliedern und der Kontrollobjekte, die nicht in der Bewerbungssituation vorkamen, gezeigt. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die gestressten Probanden besser an die Objekte erinnern konnten als Personen aus der Kontrollgruppe.

Kontrolle bis zur völligen Erschöpfung

Betroffene von Kontrollzwängen verspüren einen Druck, immer wieder dieselben Handlungen auszuführen. Linda* berichtet von einem Alltag, der von Kontrollgängen bestimmt wird.
 

Anne Bierbrauer, Doktorandin an dem Institut für Kognitive Neurowissenschaft und federführende Forscherin bei der Studie, erklärt, was das Besondere an der Studie ist: „In früheren Studien hat man die Probanden Bilder angucken lassen und dann geschaut,  wie gut sie sich an die Bilder erinnern, wenn man sie danach oder davor stresst.“ Häufig sei ein Einfluss von Stress auf das Erinnerungsvermögen gefunden worden, aber der Stress habe in dem Fall nichts mit dem zu tun, was erinnert wird. „In unserem Fall war es so, dass wir eine Situation aus dem echten Leben simuliert haben, die in sich stressig war, nämlich dieses Vorstellungsgespräch. Dann haben wir geschaut: Welche Aspekte können die Leute erinnern und wie sieht die Struktur dieser Erinnerung im Gehirn aus?“

Was passiert im Gehirn?

Die Forscher:innen haben insbesondere die Amygdala und den Hippocampus untersucht. Beides sind Regionen im Gehirn. Die Amygdala ist ein mandelförmiges Gebiet und unter anderem für die emotionale Bewertung von Situationen verantwortlich. Der Hippocampus ist für das Speichern von Informationen von großer Bedeutung. Bei Stress sind laut Bierbrauer beide Regionen beteiligt. Das liegt an dem Hormon Cortisol, das bei stressigen Situationen ausgeschüttet wird. „Es wurde bereits gezeigt, dass Cortisol im Hippocampus und in der Amygdala eine wichtige Rolle spielt, um Erinnerung zu modellieren. Der Hippocampus beispielsweise hat besonders viele Cortisol-Rezeptoren und reagiert deshalb sehr stark auf dieses Hormon.“

Mit Hilfe von MRT-Scans konnten die Wissenschaftler:innen zeigen, was beim Erinnern an stressige Situationen im Gehirn passiert. Dass die Probanden Objekte, die in einer stressigen Situation angetroffen wurden, besser erinnern, hängt mit Unterschieden in der Gehirnaktivität beim Betrachten dieser Objekte zusammen. Die mit Stress assoziierten Objekte wurden im Gehirn, verglichen mit den Kontrollobjekten, ähnlich zueinander abgespeichert. Die Gehirnaktivität der mit Stress assoziierten Objekte war außerdem ähnlich zu der bei dem sogenannten Hauptstressor, den Fotos der Komitee-Mitglieder.

Bedeutung für die Forschung

Zu der RUB sagt Bierbrauer: „Dieses Resultat könnte ein wichtiger Baustein sein, um emotionale und traumatische Erinnerungen besser zu verstehen.“ Damit könne es bei traumatischen Erlebnissen häufig Trigger wie Gegenstände oder Geräusche geben, die wiederholt die Erinnerung an das Trauma auslösen können. Wie die Erkenntnisse aus der Studie bei traumatischen Erinnerungen genutzt werden können, müsse aber noch weiter untersucht werden.

Auch ob die Ergebnisse sich in einer anderen Stichprobe zeigen, muss noch erforscht werden. Dass in dieser Studie nur männliche Probanden untersucht wurden, liegt Bierbrauer zufolge an pragmatischen Gründen. „Bei Frauen ist es schwierig, weil sich der Hormonspiegel auf die Art und Weise auswirkt, wie das Stresshormon Cortisol die Erinnerung beeinflusst.“ Man müsse dabei aufpassen, an welchem Tag des Zyklus die Person gerade ist, was einen größeren Aufwand mit sich gebracht hätte. Deshalb ist nicht klar, ob die Ergebnisse auch auf Frauen übertragbar sind.

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