Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

WISSENSCHAFT

Sprachpurismus? Nein, danke.

Sprachen leiden unter Sprachpurist*innen.

[Symbolbild: Erik Körner]

30.06.2020 13:44 - Erik Körner

Um eine der bekanntesten Folgen der RTL2-Dokusoap Frauentausch (halbwegs) zu zitieren: Sprachpurist*innen sind für mich Abfall. Ihre Ansichten zu Sprache sind elitär, rückständig und gegen die sprachliche Natur.

Wenn sie könnten, würden Sprachpurist*innen für griechische Worte Statuen errichten, während sie beim Gedanken an Anglizismen würgen müssen. Und generell ist das Deutsch, das sie 1957 gelernt haben, besser als unser heutiges Deutsch. Damit sagen sie vor allem: Wer nicht so abgehoben wie ich spricht, verschandelt meine edle Sprache. Würden sie mal aus ihrem Elfenbeinturm kriechen, fiele ihnen auf, dass Sprache so divers und dynamisch wie ihre Nutzer*innen ist. Leute allein deswegen abzuwerten, weil sie Wörter wie „Habibi“ in ihre Sätze weben oder statt dem Genitiv den Dativ nutzen (so wie hier!), grenzt an Diskriminierung.

Mehr als ein „Okay, Boomer“ habe ich solchen Leuten nicht zu entgegnen.

Schon in der Linguistik I-Vorlesung lernt man eine der wichtigsten Eigenschaften von Sprache kennen. Zwischen ihr und den Dingen, die sie bezeichnet, besteht keine naturgegebene Verbindung. Irgendwer hat irgendwann begonnen, den Baum „Baum“ zu nennen und alle dachten: geile Idee. Ausnahmen sind Lautmalereien, wie das „Muh“ einer Kuh. Ansonsten biegen und erfinden Sprachgemeinschaften Wörter oder Grammatiken, wie sie sie brauchen. Daher können moderne Änderungen, zum Beispiel das Gendern, nicht „unnatürlich“ sein – wie einige Sprachpurist*innen gerne behaupten.

„Das erschwert den Lesefluss und Frauen sind doch mitgemeint“, sagen sie. Oh, tut mir leid, Dieter, dass Gleichberechtigung deine Idee von Sprachschönheit stört. Oh, Sarkasmus. Erstens steckt in fast jeder weiblichen Form auch die männliche, siehe Lehrerinnen. Nach ihrer Logik können Männer doch einfach mitgemeint werden. Hoppla.

Zweitens bedeutet Gendern nicht nur, eine weibliche Endung dranzuhängen, Sonderzeichen gehören dazu. Mit dem Sternchen oder dem Unterstrich sollen nicht-binäre Personen berücksichtigt werden. Das scheint ihnen ebenfalls egal zu sein. Wenn aber bereits die eigene Sprachphilosophie derart rückständig ist, überrascht mich die Ignoranz gegenüber sozialer Gerechtigkeit auch nicht. Mehr als ein „Okay, Boomer“ habe ich solchen Leuten nicht zu entgegnen - vor allem, weil der Anglizismus sie mehr als die Beleidigung stören würde.

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