Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

WISSENSCHAFT

|Theorieklatsche|

22.06.2018 08:00 - Dennis Pesch

In über 50 Städten wird das Konzept der Sozialraumorientierung derzeit angewandt. Wolfgang Hinte ist „Vater der Sozialraumorientierung“ und hat das Konzept an der Universität Duisburg-Essen entwickelt. Seit Mitte der Achtzigerjahre ist er als Professor und Leiter des Institutes für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) dafür verantwortlich.

Das Konzept der Sozialraumorientierung hat fünf Eckpfeiler. „Eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialen Arbeit ist herauszufinden, was Menschen in schwierigen Lebenssituationen wollen“, sagt Hinte. Ein Beispiel, dass er bemüht, ist das einer hilfesuchenden, alleinerziehenden Mutter, die Probleme mit ihrem Kind hat. Der Sozialraumorientierung zufolge sollten Sozialarbeiter*innen nach dem Leben und Willen der Mutter fragen. Hinte sagt, dass die Frau sich vielleicht lediglich nach zwei Stunden Ruhe sehne und fragt: „Wie kann sie ihren Alltag so strukturieren, dass sie mal wieder zwei Stunden Ruhe hat?“ Das Problem mit dem Kind lasse sich dann leichter regeln, weil sich die Mutter wieder mehr ihrem eigenen Lebensentwurf widmen könne, so Hinte.

 

 

Die nötige Arbeit will er dabei nicht unbedingt von der Sozialen Arbeit ausführen lassen: „Sie haben um sich herum ganz viele Ressourcen, die sie nutzen können. Nachbarn, Freunde, Familie, die Menschen bei ihrer Lebensführung unterstützen können“, sagt er. Die Ressourcen könnten bei der alleinerziehenden Mutter dazu genutzt werden, das Kind für zwei Stunden im „sozialen Raum“, also etwa bei den Nachbar*innen, unterzubringen.

Menschen in Not hätten dagegen oft eine eingeschränkte Sicht, ein Perspektivwechsel könne viele Pforten öffnen. Entscheidend sei die Kombination aus professioneller und nicht-professioneller Hilfe und Selbsthilfe. Zudem handle es sich bei der Sozialraumorientierung um eine Haltung, die die Selbstständigkeit in den Vordergrund stelle. „Keine Neoliberale“, betont Hinte, auch wenn er öffentlich sagt: „So wenig Hilfe wie möglich, so viel wie nötig.“ Dem Konzept liegt eine Überzeugung zu Grunde: Menschen erhalten ihre Würde dadurch, dass sie selbst etwas tun. Ein Schulterklopfer für sich selbst: „Das haben wir selbst getan und geleistet“, so Hinte.

Zudem soll es in der Sozialen Arbeit mehr zielgruppenübergreifende Arbeit geben: Wer mit Frauen arbeite, müsse auch mit Männern arbeiten, wer mit Sexarbeiter*innen arbeite, auch mit den Bordellbetreiber*innen, so Hintes Theorie. Den finalen Punkt in den fünf Eckpfeilern setzt der Sozialarbeitswissenschaftler in der Koordination und Kooperation. Einer Marktlogik von Angebot und Nachfrage will er dabei nicht folgen. Vielmehr sollten Träger*innen der Sozialen Arbeit nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern grenzübergreifend in verschiedenen Bereichen kooperieren. „Nur dann kann so ein Arbeitsansatz tatsächlich mit Leben gefüllt werden“, sagt Hinte. Dabei führt der Weg der Sozialraumorientierung langfristig von Großeinrichtungen weg. „Wir haben es Sozialraumorientierung genannt, weil wir uns zuerst am Lebensraum der Menschen und in zweiter Linie an der professionellen Struktur orientieren“, erklärt der Wissenschaftler.


 

Der falsche Name auf dem Wahlzettel?

Transpersonen werden an der UDE diskriminiert, nur weil amtliche Namen angegeben werden dürfen.
 

Der AStA im Faktencheck

Wir haben uns angeschaut welche Versprechen der AStA am Anfang des Jahres gemacht hat und welche davon die Koalition (nicht) gehalten hat.
 
 

Was, es finden Wahlen statt?

Wir waren auf dem Campus und haben mit euch über die anstehende Wahl zum Studierendenparlament gesprochen.
 
Konversation wird geladen