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WISSENSCHAFT

Soziale Kognition: "Erfahrung kann nicht gemacht werden, wo es keine Fremden gibt"

Wenn wir Fremden begegnen, achten wir vermehrt auf Unterschiede. [Foto: pixabay]

22.06.2021 14:15 - Özgün Ozan Karabulut

Hans Alves ist seit dem 1. April 2021 Professor für Soziale Kognition an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. Wenn wir fremden Personen begegnen oder von ihnen hören, bilden wir uns schnell ein Urteil. Was beeinflusst unsere Entscheidung, Fremde als (un)sympathisch einzuschätzen? Im Interview berichtet Professor Alves über seine Forschung und den gesellschaftlichen Stellenwert, den unsere Urteile über Fremde haben.

ak[due]ll: Herr Professor Alves, was ist soziale Kognition?

Prof. Hans Alves: Eine Mischung aus Sozialpsychologie und kognitiver Psychologie. Sozialpsychologie beschäftigt sich mit Phänomenen des sozialen Zusammenlebens und der sozialen Wahrnehmung. In der sozialen Kognition geht es um einen kognitiven Ansatz, also Denk- und Lernprozesse, die bestimmten Phänomenen zugrunde liegen. Was lernen und erinnern wir beispielsweise besonders gut über andere Gruppen, welche Informationen suchen wir auf und wie stark gehen die in unser Urteil ein?

ak[due]ll: Worin besteht Ihr Forschungsansatz? Welches Themenfeld interessiert Sie?

Wenn Emotionen ein Rätsel bleiben

 

Alves: Mich interessiert sehr, wie Menschen Fremde wahrnehmen. Ausgehend von dem Phänomen, dass Menschen häufig fremde Gruppen und Menschen negativ wahrnehmen, sie Angst vor ihnen haben oder glauben, sie seien gefährlich. Das ist eine große Herausforderung auch für unsere Gesellschaft, weil sie immer diverser wird. Es gibt immer mehr neue Gruppen, die anders denken oder aussehen als man selbst. Wenn Menschen das nun als negativ wahrnehmen, hat das Konsequenzen für die Kooperation und den Frieden in der Gesellschaft. Deswegen ist es wichtig zu untersuchen, warum es überhaupt dazu kommt, dass wir Fremdes häufig negativ wahrnehmen. Bisher basieren die Erklärungen auf Motivation: „Wenn Fremde kommen, dann könnten sie mir was wegnehmen. Ich bin egoistisch motiviert und möchte mich und meine Gruppe schützen. Ich möchte mich gut fühlen, deswegen werte ich die anderen ab.” Wie diese Ansätze funktionieren, verstehen wir eigentlich ganz gut.

ak[due]ll: Wenn bisherige Erklärungsansätze auf Motivation beruhen, was betrachtet Ihr Ansatz?

Alves: Ich glaube, es gibt darüber hinaus auch noch andere Mechanismen, die gar nicht motiviert sind, sondern die „unschuldig” sind. Sie führen dazu, dass einem bei Fremden erstmal die negativen Aspekte besonders auffallen und diese auch besonders in das Urteil eingehen. Meine Idee ist, dass es ganz basale kognitive Prinzipien der Wahrnehmung gibt. Wenn ich etwas Neues sehe – wie ein neues Handy – schaue ich darauf, wie sich das unterscheidet von dem, was ich schon kenne. Bei einer Gruppe oder Menschen ist das ganz ähnlich. Da schaue ich: Wie sind die denn drauf im Vergleich zu meiner Gruppe? Ich habe ein Modell über die Information und, wie sie in der Welt verteilt ist, entwickelt. Da zeigt sich, dass sich negative Aspekte besser eignen, um zu unterscheiden. Die Unterschiede zwischen einzelnen Personen und Gruppen liegen eher in negativen Aspekten. Das ist einfach so eine Gegebenheit der Natur, der Welt an sich. Als erstes sieht man das, was man nicht häufig sieht, und gewichtet das auch sehr stark in seinem Urteil. Es passiert automatisch, ohne dass wir die andere Gruppe abwerten wollen. Wenn man es hinbekommen würde, mehr auf Gemeinsamkeiten zu schauen – so wäre die Vorhersage – käme man auch zu einer positiveren Wahrnehmung. Das passiert, wenn man mehr Zeit miteinander verbringt oder die Gruppe häufiger antrifft. Dann verschwindet das Vordergründige der Unterschiedlichkeit mit der Zeit.

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Prof. Dr. Hans Alves forscht zu sozialer Kognition. [Foto: Hans Alves]
 

ak[due]ll: Wen nehmen wir als fremd wahr, kommt es auf den Kontext an?

Alves: Letztlich ist das sehr flexibel. Wir gehören gleichzeitig einer Vielzahl von Gruppen an. Es hängt davon ab, ob ich diese Gruppen auch wahrnehme und wie stark ich mich mit welchen Gruppen identifiziere. Es gibt manche Gruppen, die sind sehr salient: Da können die Mitglieder der Gruppe nicht verbergen, wozu sie gehören, zum Beispiel wegen ihrer Hautfarbe oder dem Geschlecht, wohingegen Einstellungen, das Wertsystem oder die Religion nicht sichtbar sind.

ak[due]ll: Was beeinflusst, ob wir eine fremde Person sympathisch finden oder nicht?

Alves: Das was am stärksten vorhersagt, ob sich Menschen mögen, ist die Ähnlichkeit. Das ist das Paradoxe: Man sucht und definiert nach den Unterschieden. Wenn man welche findet – aber auch Gemeinsamkeiten – dann entsteht Sympathie. Wenn man etwas Verbindendes hat, man eine Gemeinsamkeit findet, die nicht viele andere haben, dann entsteht besonders starke Sympathie. Das sieht man in thematischen Gruppen, an Leuten, die in Nischen sind wie Gamer, Emos oder Leute, die bestimmte Bands mögen. Die haben manchmal eine sehr starke Bindung. Das kann auch ganz gut erklären, warum Vorurteile und Antipathie abgebaut werden können, wenn man einer fremden Gruppe auf der Ebene der Einzelperson begegnet. Nur wenn ich einer Person persönlich begegne, kann ich zum Beispiel erfahren, ob sie auch wie ich einen Sohn hat und vielleicht ähnliche Sorgen teilt. Das können Sachen sein, die sehr verbindend sind und die Vorurteile sehr gut abbauen können. Daran liegt es auch, dass Ressentiments gegenüber Fremden besonders betont sind in Regionen, wo es kaum Fremde gibt. Erfahrung kann nicht gemacht werden, wo es keine Fremden gibt. In Deutschland wäre das Ostdeutschland, vor allem auf dem Land. Das Bild, das die Leute von Fremden haben, beruht nur auf Medienerfahrung und -Information, da kann sich nicht wirklich Sympathie für Menschen einstellen. Das kann auch nach hinten losgehen, da muss eine grundsätzliche Bereitschaft vorhanden sein. Wenn man kooperative Bedingungen hat, dann ist das eigentlich wie ein soziales Gesetz, dass dann Empathie und Sympathie für Personen und darüber für eine ganze Gruppe entsteht.

ak[due]ll: Ist ein Umdenken bei Medienschaffenden notwendig? Wie könnte die Berichterstattung aussehen?

Alves: Es gibt ein Minoritätendilemma in den Medien. Sie betonen negative Ereignisse über, weil die bemerkenswert und ungewöhnlich sind. Sie betonen aber auch die Gruppenzugehörigkeit von Minoritäten über. Hat jemand beispielsweise eine Vergewaltigung begangen, würde von den Medien Interesse bestehen zu sagen, das war ein Syrer, ein Muslim. Es würde aber nicht dabei stehen, es war ein Deutscher oder ein Christ. Warum ist das so? Das hat eine Kommunikationslogik inne: Ich möchte den Täter charakterisieren. Das Dilemma der Minoritäten ist, dass deren Gruppenzugehörigkeit ein recht distinktes, erwähnenswertes Merkmal ist. Das ist ein Problem, dann assoziieren die Leute sehr schnell eine Kategorie wie Syrer mit der Straftat. Aber wenn einfach nur steht „Mann vergewaltigt Frau”, wird gar nicht die Kategorie deutsch mitassoziiert, weil sie nicht genannt wird. Medienschaffende wissen um dieses Dilemma. Einige versuchen, Gruppenlabels wegzulassen. Dann  werden die Leute aber schnell misstrauisch. Eine Möglichkeit, die vielleicht funktionieren könnte, ist die Erwähnung der Geburtsstadt. In dem Fall würde man auch für einen Angehörigen der Majorität, einen Deutschen zum Beispiel, nicht das Label deutsch benutzen, sondern auch spezifische Informationen geben, zum Beispiel „geboren in Hamm.”

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