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WISSENSCHAFT

Plattformökonomie: IAQ untersucht die Wirksamkeit von Beschäftigten-Initiativen

Lieferdienst-Fahrer*innen bei ihrem ersten bundesweiten Riders-Day in Köln.
[Foto: Dennis Pesch]
19.07.2019 18:37 - Dennis Pesch

Plattformökonomien boomen: Ob Amazon, YouTube, Google, Facebook oder Lieferando. Auf dem Internet basierte Geschäfte erzielen hohe Gewinne, mit Daten, Apps, Klamotten, Lieferservice und den Arbeitsbedingungen. Zwei Forscher des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, Dr. Thomas Haipeter und Dr. Fabian Hoose, haben Interessenvertretungen in der Crowd- und Gigwork untersucht.

Schon mal bei Deliveroo oder Lieferando Essen bestellt? Die Lieferdienste sind Teil der Plattformökonomien. Sie organisieren ihre Arbeit über die Gigwork. Das „Gig“ steht für den Auftrag, den die Plattform, also zum Beispiel Deliveroo, koordiniert. Ihr bestellt in eurem Lieblingsrestaurant, die Deliveroo-App sieht über einen Algorithmus welche*r Kurier*in gerade in der Nähe ist und den Auftrag annehmen kann. Das IAQ konstatiert, dass die Plattformen „grundlegend mit den traditionellen Arbeits- und Beschäftigungsformen und ihrer betrieblichen Organisation bricht“ – und so eine neue Ära der Organisation von Arbeit einläutet.

Doch woran liegt das? Die Wissenschaftler sagen: „Ihre Sprengkraft für die Arbeitsregulierung entwickelt sie dadurch, dass Beschäftigung im Normalarbeitsverhältnis in prekäre Selbstständigkeit transformiert wird.“ Plattformen agieren zudem global, sie bestimmen selbst die Arbeitsbedingungen, bisher nahezu ohne jede Mitsprache von Beschäftigen und Gesetzgeber*innen. Grundsätzlich stehen lohnarbeitende Menschen im Kapitalismus permanent in Konkurrenz zueinander. Wer weniger Profit für sein Unternehmen einfährt, bleibt auf der Strecke. Das IAQ spricht hier trotzdem von einer „neuen Konkurrenz zwischen Arbeitskräften“. Denn die Beschäftigten und Selbstständigen – eine wichtige arbeitsrechtliche Unterscheidung – werden permanent bewertet nach Schnelligkeit, Service, der Anzahl der Aufträge und so weiter. 

Sanktionen gegen Mitbestimmungsrechte

Der Unterschied zum Gigworking besteht darin, dass bei der Crowdwork einer Masse auf Plattformen Teilaufgaben aus Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, die sie digital erledigen. In der Gigwork sind Aufgaben noch örtlich gebunden, wie eben, dass ein Auftrag in einem Restaurant landet und dann Kurier*innen vom Restaurant zu den Kund*innen fahren. Für die Unternehmen wird es in der Crowdwork deutlich günstiger, Aufgaben an Selbstständige auszulagern, die keine größeren Qualifikationen erfordern. Denn sie müssen ihnen nichts weiter als ein niedriges Honorar zahlen. Auch hier wird durch Ranking-Systeme ständig die Arbeit bewertet, so dass die Konkurrenz um die Aufträge umso größer wird.

In einer Befragung von 376.750 Internetnutzer*innen hat der Wissenschaftler Oliver Serfling herausgefunden, dass bis zu 4,8 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerungin Deutschland aktive Crowdworker sind, zumeist im Nebenverdienst. 69 Prozent der Crowdworker sollen zudem 19 Euro pro Woche verdienen und 65 Prozent für einen Arbeitsauftrag durchschnittlich weniger als zwei Euro erhalten. 

In der Gigwork sind die Arbeitsbedingungen prekär. Beim Lieferdienst Deliveroo initiierten die Kurier*innen sich aus dem Unmut der Belegschaft heraus, also von unten nach oben. Im Dezember 2017 gründeten einige von ihnen einen Betriebsrat, weil zum Beispiel Löhne nicht ausgezahlt wurden. Sie stießen dabei auf Widerstand von Deliveroo, die kurz danach ihre Arbeitsbedingungen radikal veränderten.

„Damit hat das Unternehmen eine regulatorische Schwäche des deutschen Betriebsverfassungsgesetzes ausgenutzt.“

Die Kommunikation, die es bislang zwischen den Beschäftigen über eine deutschlandweite Plattform gab, wurde abgeschaltet und zentralisiert, sodass die Beschäftigten nur noch über die Zentrale des Unternehmens in Berlin kommunizieren konnten. Der Hauptinitiator der Betriebsratsgründung wurde sanktioniert. Er war zuvor Mentor für andere Fahrer*innen, danach wieder ein normaler Kurierfahrer. „Damit hat das Unternehmen eine regulatorische Schwäche des deutschen Betriebsverfassungsgesetzes ausgenutzt. Vom Gesetz werden zwar Wahlvorstände vor Entlassungen oder andere Diskriminierungen geschützt, während der Vorlaufzeit zur Wahl gibt es aber keinen rechtlichen Schutz“, schreibt das IAQ dazu.

Gemeinsame Interessen trotz zunehmender Konkurrenz

Der Betriebsrat wurde trotzdem gegründet. Als Folge ließ Deliveroo alle befristeten Verträge der angestellten Kurier*innen auslaufen, um so die drohende Mitbestimmung loszuwerden. Gleichzeitig setzte die Plattform nur noch auf Selbstständige. Nur für Angestellte gibt es einen Betriebsrat. Die Kurier*innen nutzten wiederum eine Plattform, also soziale Medien, um sich bundesweit zu organisieren. Die Kampagne „Liefern am Limit“ schaffte Öffentlichkeit für die prekären Arbeitsbedingungen. Darüber machte sie systematische Probleme anhand von Sanktionen, mangelnden Lohnauszahlungen, Unfällen, etc. deutlich. „Der Bereich der Plattformarbeit mag vorausetzungsvoll für die Artikulation kollektiver Interessen sein, aber die konkurrenzfördernde Plattformlogik verhindert das Entstehen gemeinsamer Arbeitnehmeranliegen nicht“, schreibt das IAQ im Fazit.

Bei aller systembedingt angelegter Individualisierung der Plattformarbeiter*innen bestünden mal mehr, mal weniger bewusst geteilte Interessen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen.

Zudem hat die Initiative „Liefern am Limit“ auch davon profitiert, dass die Gig-Economy trotzdem auch ortsabhängig ist, Lieferant*innen treffen sich auf der Straße und erkennen sich zum Beispiel anhand der Kleidung. „Daraus lässt sich schließen, dass für die Entwicklung solidarischer Interessenbekundungen auch bei digital koordinierter Arbeit direkte Kommunikation und der unmittelbare Austausch – also das Gespräch von Angesicht zu Angesicht – wichtig bleiben“, heißt es dazu im Bericht.
 

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