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WISSENSCHAFT

Obacht vor dem Hochstaplersyndrom

Wer unter dem Hochstaplersyndrom leidet, hat oft das Gefühl,
besonders gut sein zu müssen. [Foto: pixabay]

28.07.2021 12:11 - Julia Segantini

„Hoffentlich merkt niemand, dass ich eigentlich keine Ahnung habe.“ Na, wem kommen solche Gedanken bekannt vor? Bis zu einem gewissen Grad sind Selbstzweifel normal. Hat sich diese Denkweise allerdings stark gefestigt, sprechen Expert:innen vom Hochstaplersyndrom. Die Diplom-Pädagogin Dr. Monika Klinkhammer erklärt, wer besonders häufig betroffen ist und warum sich das Syndrom gerade an Hochschulen schnell entwickelt. 

In den Sozialen Medien wird der Begriff „Hochstaplersyndrom“ beziehungsweise der englische Ausdruck „impostor syndrome“ fast schon inflationär genutzt. Aber handelt es sich dabei um eine echte psychische Erkrankung? „Das Hochstaplersyndrom ist keine Krankheit, also keine pathologische Störung. Die Störungsbilder, die es gibt, sind Angststörung oder Depressionen“, stellt Dr. Monika Klinkhammer klar. Die Diplom-Pädagogin und Diplom-Supervisorin ist Expertin für Coaching, Gestalttherapie und Weiterbildung. Zusammen mit ihrer Kollegin Gunta Saul-Soprun beschäftigte sie sich eingehend mit dem Hochstaplersyndrom in der Wissenschaft

Perfektionismus und Prokrastination 

Das Syndrom offenbart sich unter anderem in Prüfungssituationen. Verräterisch ist zum Beispiel die Sorge, die Prüfenden würden einem mehr Wissen oder eine höhere Fachkompetenz zuschreiben, als man sich selbst zugesteht. „Typische Gedanken sind: ‚Das war nur Zufall und Glück. Wenn Andere nur an der Oberfläche kratzen würden, würden sie merken, dass ich nicht so klug bin und mich für eine Hochstaplerin halten’“, erklärt Klinkhammer. „Diese Menschen haben oft eine perfektionistische Neigung. Sie werden von außerordentlichen Selbstzweifeln geplagt. Bei einem positiven Feedback denken sie: ‚So gut war das doch gar nicht.‘“ Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung weichen also gravierend voneinander ab. In einem gewissen Grad sei das normal, so Klinkhammer. Bei einer Anhäufung solcher Gedanken könne sich das zu einem Hochstaplersyndrom verselbstständigen. 

Die Symptome zeigen sich auf unterschiedliche Weise. Auch Prokrastinieren sei ein typisches Kennzeichen. Betroffene würden wichtige Aufgaben aufschieben, um zu vermeiden, entlarvt zu werden. Die Folgen dürften vielen Studierenden bekannt vorkommen: „Man arbeitet dann unter Zeitdruck. Es können trotzdem gute Leistungen zustande kommen, aber die Person hat dann das Gefühl, dass ihre Leistung nicht so gut sein kann, da sie auf den letzten Drücker zustande gekommen ist.“ Dass gerade Studierende sich häufig mit den Symptomen identifizieren, ist nach Meinung der Expertin kein Zufall, denn die Hochschule biete einen idealen Nährboden für das Syndrom. 

„Die Hochschulkultur ist durch Hochleistung geprägt. Anerkennung von Leistung ist meist mit Noten verbunden. Eine wertschätzende Anerkennungskultur in Form von positivem Feedback gibt es viel weniger, als in anderen Arbeitsbereichen“. Eine höhere Akzeptanz für Fehler, eine  „Kultur des Scheiterns“ vermisst sie im Hochschulkontext. Dazu kämen die permanenten Bewertungs- und Prüfungssituationen.

Besonders betroffen: Arbeiterkinder und Frauen

Begünstigt wird das Hochstaplersyndrom durch bestimmte soziokulturelle Kontexte. Wer aus einer bildungsfernen Herkunftsfamilie stammt sei besonders häufig betroffen. „Kinder aus Professorenfamilien sind es viel mehr gewohnt, an akademischen Bildungs- und Kulturveranstaltungen teilzunehmen und sich mit ihren Eltern über bestimmte Themen auszutauschen, gefördert und unterstützt zu werden. Kinder aus sogenannten Arbeiterfamilien müssen sich das alles selbst aneignen“, betont sie. Hier treffe das Hochstaplersyndrom auf fruchtbaren Boden. „Sie haben das Gefühl, fehl am Platz zu sein, weil sie dieses Selbstverständlichkeitsgefühl nicht haben. Deshalb denken sie, nicht gut genug zu sein und nicht dazuzugehören.“

Hochstaplersyndrom2.jpg
Manche verzweifeln unter zu viel Druck. [Foto: pixabay]
 

Auch Frauen seien anfälliger für das Syndrom, besonders in Bereichen, in denen sie in der Unterzahl sind und weniger gehört werden. Dazu kommt, dass Frauen bei der Stellenvergabe tatsächlich oft benachteiligt werden. Zahlreiche Studien belegen, dass sozial konstruierte Geschlechterrollen die familiäre und berufliche Sozialisation sowie berufliche Netzwerke die Bewertung von Leistung und die Stellenvergabe beeinflussen. „Zwar gibt es im Hochschulbereich erfreulicherweise Leitbilder und eine gesetzliche Verpflichtung zur Gleichbehandlung sowie zur fairen Beurteilung von Leistungen. Zugleich erweist es sich in der Praxis eher als Mythos, dass die besten Köpfe auch die besten Stellen bekommen.“

Kleine Erfolge feiern

Wer neu in einer Tätigkeit ist, leidet ebenfalls häufiger am Hochstaplersyndrom. „Bei Aufstieg und Karriere kommen Gedanken vor wie, ‚Ich bin neu in der Rolle, ich muss mich erstmal hocharbeiten, ich muss erstmal schauspielern.‘“ Wenn das über Jahre der Fall ist, könne sich das Syndrom entwickeln. Gerade leistungsstarke Personen hielten sich oft für nicht gut genug.

Für alle, die sich jetzt ertappt fühlen, hat die Erziehungswissenschaftlerin einige Tipps. „Kleine Erfolge ebenso feiern wie große Leistungen, zum Beispiel den Studienabschluss. Und zwar nicht nur im Sinne von ‚eine Party feiern‘, sondern sich vor allem die eigene Leistung – auch vor dem Hintergrund der eigenen Herkunft – vor Augen führen, Stichwort Selbstempowerment.“ Man müsse sich bewusst machen, dass Scheitern genauso zum Studium dazu gehört, wie Erfolge.

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