Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

WISSENSCHAFT

Neuer Forschungszweig an der UDE: Finanzialisierung

Eine pivate Altersvorsorge ist Vielen zu teuer.
[Symblfoto: Pixabay]

22.07.2019 10:45 - Julia Segantini

Prof. Dr. Andreas Behr aus dem Fachgebiet Statistik der Universität Duisburg-Essen sammelt zur Zeit Material für einen neuen Forschungszweig, bei dem es um Finanzialisierung geht. Im Interview erklärt er, welche Themen er schwerpunktmäßig erforschen wird.

ak[due]ll: Was ist Finanzialisierung?

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Prof. Dr. Andreas Behr beschäftigt sich mit dem zunehmenden Einfluss der Finanzindustrie und den Auswirkungen. [Foto: privat]

 

Behr: Zum einen geht es um den zunehmenden Einfluss der Finanzindustrie insgesamt, also Versicherungen, Banken, Investment-Fonds. Das Andere sind die  Bereiche, in denen dieser zunehmende Einfluss immer sichtbarer wird. Der für die Meisten bedeutsamste ist unser Rentensystem. Wir haben ein umlagefinanziertes, das heißt, die Jungen finanzieren die Rentner. Das ist ein System, das seit Jahrzehnten läuft und sich eigentlich bewährt hat. Aber da hat die Finanzindustrie nichts von. Die möchte gerne profitieren und deswegen ist sie sehr daran interessiert, dass wir dieses System herunterfahren und stattdessen mehr private Vorsorge mit Finanzprodukten betreiben.

ak[due]ll: Ist das für den „kleinen Mann“ eher ein Nachteil?

Behr: Das ist Ansichtssache. Vertreter der Finanzindustrie oder viele Mainstream-Ökonomen würden sagen, die Anlage von regelmäßigen Sparbeiträgen in Aktien rentiert und verzinst sich ganz gut. Aber gleichzeitig geht man auch ein Risiko ein, wenn die Altersvorsorge von der Entwicklung der Aktienmärkte abhängt. Das Problem ist, bei Vielen fehlen die Kenntnisse über Anlagemöglichkeiten und -strategien. Das heißt, man ist ein Stück weit von der Beratung der Anbieter der Finanzprodukte abhängig, und die haben natürlich ein Interesse daran, ihren Profit zu maximieren.

ak[due]ll: Ist das ein neues Interesse vonseiten der Finanzindustrie?

Behr: Das ist seit der Einführung der Riester-Rente so. Mittlerweile ist man sich darin einig, dass die Riester-Rente kein Erfolg war, weil die Gebühren und die Provision, die dabei anfallen, so hoch sind, dass sie den Großteil der Erträge aufzehren und im Grunde nur die Finanzbranche profitiert. Kritiker würden sagen: Das war doch klar, darum ging es denen ja. Aber da gibt es eben verschiedene politische Positionen. Das Interesse ist also nicht neu, aber dass das politisch umgesetzt wird, ist neu. Unser Rentensystem wurde jahrzehntelang nicht angetastet. Jetzt setzen sich da mehr und mehr die Interessen der Finanzindustrie durch.

ak[due]ll: Wie wird sich das auswirken?

Behr: Es ist schon beschlossen, dass das Rentenniveau sukzessiv abgesenkt wird. Normal- und Geringverdiener werden zukünftig nicht mehr von ihrer Altersrente leben können. Wenn sie Sozialhilfe und Mietzuschuss zusammennehmen, haben sie schon mehr als sie an Rentenansprüchen haben – nach 45 Jahren Berufstätigkeit. Da werden sehr viele Menschen entweder Transferbezieher oder müssen eben privat vorsorgen. 

ak[due]ll: Nur, sagen wir mal, 20 Euro im Monat beiseite zu legen kann für Viele ein Problem sein. 

Behr: Zu befürchten ist, dass Viele sich das nicht leisten können oder nicht weitsichtig genug sind oder sein können. Das wird später sicherlich zu einer verstärkten Altersarmut führen. Wie man dazu steht, hängt von der politischen Ausrichtung ab. Ein Neoliberaler würde sagen, die Bevölkerung altert, die Last in unserem Umlagesystem für die Jungen wird immer größer und die Aktienrendite ist so hoch, dass wir davon insgesamt profitieren, wenn wir mehr an den Kapitalmärkten anlegen. 

ak[due]ll: Können denn potenziell alle davon profitieren?

Behr: Wenn Sie einen Teil ihrer monatlichen Ersparnisse fürs Alter anlegen und die jeden Monat in einen Aktienfond investieren, der im Schnitt so und so viel Rendite im Jahr bringt, ist das für Sie individuell eine gute Anlage. Das ist das Argument der Befürworter. Das ist aber auch ein hohes Risiko für die einzelnen Leute: Die Börsen können immer einbrechen und dann haben sich Teile ihrer Altersvorsorge in Luft aufgelöst. Viele von denen, die es dann nötig hätten, ihre kleine gesetzliche Rente aufzustocken, werden das vermutlich nicht schaffen, weil sie nicht genug privat beiseitelegen können. 

ak[due]ll: Welche Aspekte sind für die Finanzialisierung außerdem interessant?

Behr: Auch die Unternehmen verändern sich in ihrem Verhalten. Klassischerweise stellt man sich vor, dass sich Unternehmen wie zum Beispiel Autohersteller, über Kredite Geld leihen und damit Sachinvestitionen tätigen, also Maschinen kaufen und Gebäude bauen. Mit den Erträgen, die sie dabei erwirtschaften, zahlen sie die Kredite zurück. Jetzt stellt man fest, dass Unternehmen sich immer ähnlicher wie Spekulanten verhalten. Das heißt, der Anteil ihrer Investitionen, die sie in Finanzanlagen stecken, wird immer größer. 

ak[due]ll: Die wollen also das Kapital nicht mehr nur aus dem Produkt selbst ziehen, sondern auch aus den Aktien?

Behr: Genau. Da wird verglichen, was sich mehr rentiert, eine Sachinvestition oder eine Finanzanlage, und festgestellt, wie hoch das Risiko ist. Der Nachteil ist, Sachinvestitionen schaffen Arbeitsplätze und es werden Güter produziert. Bei Anlagen erwirkt man nur Anteile an Einkommen, das woanders erzielt wird.

 

Bildquelle: Lizenzfreies Bildmaterial von pixabay

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