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WISSENSCHAFT

Marxloh entscheidet, wie das Brautpaar aussieht

Tüll und Glitzer sind typisch für die Brautmode-Meile in Marxloh. (Foto: BRIT)

19.04.2018 08:04 - Britta Rybicki



No-Go-Area, Problemviertel, Bronx von Duisburg: Die Medien zeichnen ein nicht gerade glamouröses Bild von Marxloh. Doch entspricht das der Wahrheit? Studierende der Soziologie an der Universität Duisburg-Essen haben sich im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts genauer mit der bekannten Hochzeitsmeile beschäftigt. Ihre Ergebnisse trugen sie am vergangenen Mittwoch, 11. April, am Campus in Duisburg vor.

„Tüll, oder Spitze, mit Glitzer, in creme, ivory, champagner oder off white?”, könnten die ersten Worte der Verkäuferin in einem der zahlreichen Brautmodengeschäfte in Marxloh auf der Weseler Straße und Umgebung lauten. Aus dem Bauch heraus muss sie die Antworten der zukünftigen Braut in ein Kleidungsstück übersetzen. Und zwar nicht in irgendeins, sondern in das perfekte Hochzeitskleid. Andernfalls bedankt sich die Kundin vermutlich nett, verlässt das Geschäft und geht 500 Meter weiter in den schon 20 Jahre bestehenden Familienbetrieb oder die neue Boutique auf der anderen Straßenseite, die mit Unikaten wirbt.

Die Hochzeitsmeile ist mittlerweile einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren im Duisburger Norden. „Seit den Neunzigern wird die lokale Ökonomie dort gefördert, wodurch sich das sogenannte Einzelhandels-Cluster Braut- und Abendmode gebildet hat”, erklärt einer der Studierenden.  Unter der Leitung von Dozentin Glaucia Peres da Silva waren die sieben Master-Studierenden über zwei Semester regelmäßig in Marxloh unterwegs, um die Entwicklung der Meile zu untersuchen. Ihren Fokus legten sie dabei auf die Stadt, Geschäfte und Kund*innen. Insbesondere durch Aktionen wie die Modenschau im Jahr 2010 mit dem Titel „Bräute für Marxloh”, bei der 100 Models auf der A40 posierten, sei die stetig zunehmende Nachfrage gewachsen. 2017 zählen die Studierenden dort 120 Brautmodengeschäfte. Ein ökonomisches Alleinstellungsmerkmal: Die Branche basiert lediglich auf der Initiative von Einzelhändler*innen – sie wurde nicht entwickelt.

Bis auf dass sie alle Abendmode verkaufen, verbindet die vielen Ladenlokale demnach nichts. Jedes besitzt seine eigene Schaufenstergestaltung und Ladendekoration. Für die Besucher*innen wirken sie beinahe zusammenhangslos. Es gibt kein gemeinsames stilistisches Auftreten. Während sich auf der Weseler Straße hauptsächlich Mehrgenerationenbetriebe befänden, wächst der Markt auch in den Seitenstraßen stetig. Neue Geschäfte mit innovativen Konzepten wie saisonalen Kollektionen konkurrieren ebenfalls um Kund*innen.

In standardisierten Interviews fanden die Studierenden heraus, dass das zunächst ziemlich chaotisch wirkende großzügige Angebot die Kundschaft anzieht. Von 102 Passant*innen gaben 74 an, in dem Stadtteil unterwegs zu sein, um Hochzeitsartikel zu kaufen. Für rund 57 Prozent sei die Warenvielfalt dabei „sehr wichtig”. Über 80 Prozent besuchen die Meile besonders gern, weil man dort die Preise noch verhandeln könne. Schließlich würden sie eher über ein vergleichsweise geringes Hochzeitsbudget verfügen und im Schnitt 500 bis 1.000 Euro einplanen. Dass die Ware zum Großteil aus der Türkei stammt, interessiert dabei kaum jemanden. Und obwohl Marxloh immer wieder mit Negativschlagzeilen in den Medien landet: Rund 70 Prozent aller Befragten fühlen sich bei ihrem Einkauf sicher.

Überrascht waren die Forscher*innen von ihrer Herkunft der Befragten: 54 Prozent der Befragten waren Deutsche, 27 Prozent hatten einen türkischen Pass. Zehn Prozent stammen aus den Niederlanden.

„Das Lehrprojekt der migrantischen Ökonomie soll weiterlaufen”, sagt Peres da Silva. Deswegen sind nachfolgende Masterstudierende der Soziologie eingeladen, weitere Fakten über die einzigartige Hochzeitsmeile herauszuarbeiten.

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