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WISSENSCHAFT

Magersucht: Forschung an der genetischen Krankheit macht Fortschritte

Die Ursache für die Magersucht liegt in den Genen. [Symbolbild: pixabay]
24.09.2019 11:57 - Erik Körner

Laut des National Center of Excellence for Eating Disorders ist Anorexia nervosa, auch als Magersucht bekannt, die psychische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Wissenschaftler*innen des LVR-Klinikums Essen forschen momentan an den genetischen Ursachen der Krankheit. Prof. Dr. Anke Hinney von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am LVR-Klinikum Essen gibt Einblicke in die bisherige Arbeit und die ersten Erkenntnisse.

Gemäß den Klassifikationssystemen DSM-5 und der ICD-10 sind die Folgen der Anorexia nervosa extremes Untergewicht, eine Phobie vor Gewichtszunahme und eine Körperschemastörung, was Probleme bei der Einschätzung der eigenen Figur bezeichnet.

Dass Anorexia nervosa genetisch bedingt ist, ist keine Neuigkeit. Bereits seit etwa 25 Jahren wird auf der genetischen Ebene geforscht. Allerdings ist die Identifikation der verdächtigen genetischen Bereiche neu. Ein Forschungsteam des LVR-Klinikums Essen hat jüngst acht chromosomale Regionen mit insgesamt 30 bis 40 Genen identifiziert, die als Auslöser der Magersucht in Frage kommen könnten.

Überlappung mit anderen Krankheiten

Vergangene Forschungen haben ergeben, dass es Überlappungen bei bestimmten genetischen Faktoren, die sowohl für Anorexia nervosa, als auch für andere psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie relevant sind. Das heißt nicht, dass Patient*innen einer Krankheit zwangsläufig an der anderen erkranken werden. Eher haben Anorexie und Depressionen beziehungsweise Schizophrenie teilweise vergleichbare genetische Bilder.
Ähnliches gilt für Faktoren, die das Körpergewicht betreffen. Prof. Dr. Anke Hinney erklärt: „Die genetischen Varianten, die zu Anorexie prädisponieren, sind auch die genetischen Varianten, die eher zu einem niedrigeren Körpergewicht führen.” Das war jedoch bereits bekannt. Hinney weist darauf hin, dass ein neues Ergebnis der

Forschungsarbeit die Entdeckung von Verbindungen zu metabolischen, sich auf den Stoffwechsel beziehenden, Faktoren ist. Ein Beispiel ist der Zusammenhang zum Zuckerstoffwechsel. „Personen mit Anorexia nervosa haben eher keine gestörte Glukosetoleranz. Das heißt, Patienten mit dieser Krankheit haben Varianten, die eher vor Typ 2-Diabetes schützen”, so die Wissenschaftlerin.
Aufgrund der Überlappungen mit anderen Krankheiten bestünde die Chance, Behandlungsoptionen für eine andere Krankheit künftig auch für Anorexia nervosa einsetzen zu können. „Da ist natürlich die Hoffnung, wenn man Störungsbild übergreifende Analysen macht, dass man sagt, wenn man zum Beispiel eine Behandlungsoption für Depressionen findet, könnte die eventuell auch für Anorexia nervosa interessant oder wirksam sein”, hofft Hinney.

Erfolg noch ungewiss

Wann Betroffene von Anorexia nervosa mit einem erfolgreichen Abschluss der Forschungen rechnen können, ist momentan noch unklar. Zwar werden 30 bis 40 Gene verdächtigt, welche dieser Gene nun aber die expliziten Auslöser sind, ist noch unbekannt. Die Forschung wird außerdem durch die polygene Natur der Anorexia nervosa erschwert. Bei polygenen Krankheiten trägt jede genetische Variante mit unterschiedlicher Gravität zu der Ausprägung einer Krankheit bei. „Wir haben zwar schon acht chromosomale Regionen gefunden, wissen jedoch noch nicht, wie stark die Effekte in jeder einzelnen sind“, meint Hinney.
Die Wissenschaftlerin gibt zu bedenken, wie lange sich Ergebnisse hinziehen können: „Bei der Gewichtsregulation kennen wir seit 2007 die ersten chromosomalen Bereiche. Jetzt sind wir zwölf Jahre weiter und wissen immer noch nicht genau, welches Gen nun der Auslöser ist“, bedauert Hinney.
 

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