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WISSENSCHAFT

Kümmere dich um dein Herz!

Prof. Dr. Petra Kleinbongard [Foto: UDE/Frank Preuß]

21.09.2020 10:59 - Julia Segantini

Obwohl sich die Behandlungsmöglichkeiten für Herzinfarkte in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben, enden viele Infarkte noch immer tödlich. Prof. Dr. Petra Kleinbongard ist die neue Professorin für Kardioprotektion an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Am Universitätsklinikum Essen forscht sie daran, wie man das lebenswichtige Organ schützen kann.

ak[due]ll: Was passiert bei einem Herzinfarkt?

Petra Kleinbongard: Ein Herzinfarkt wird fast immer durch eine plötzliche Durchblutungsstörung des Herzmuskels hervorgerufen. Im Laufe der Lebensjahre „altern“ die Blutgefäße von innen – die sogenannte Atherosklerose. Meist bricht die atherosklerotisch veränderte Blutgefäßinnenwand plötzlich auf, Blutgerinnsel bilden sich an der Verletzung und verschließen das Blutgefäß. Die Durchblutungsstörung von Teilen des Herzmuskels führt dann dazu, dass der Herzmuskel seine Arbeit nicht mehr verrichten kann. Die Folgen, die ein Herzinfarkt hat, hängen sowohl davon ab, wo im Herzen das Blutgefäß betroffen ist und damit, wie viel Herzmuskeln betroffen ist, als auch von der Dauer der Durchblutungsstörung des Herzmuskels. Je rascher es gelingt, die Durchblutungsstörung in der Klinik aufzuheben, umso weniger ist der Herzmuskel geschädigt.

ak[due]ll: Wie gefährlich ist ein Herzinfarkt?

Kleinbongard: Ein guter Freund hat mal zu mir gesagt: „Was forschst du denn da überhaupt an dem Herz rum? Kennst Du nicht die Aussage von Fields (ein amerikanischer Schauspieler) ,Don't worry about your heart, it will last you as long as you live.’“ Und das stimmt – aber nur in gewisser Weise. Schafft das Herz den lebensnotwendigen Blutkreislauf im Körper nicht aufrecht zu halten, ist das Leben schlicht beendet. Das kann direkt während eines Herzinfarktes eintreten – es kann aber auch sein, dass erst nach Jahren die Folgen des Herzinfarktes dazu führen, dass das Herz nicht mehr entsprechend arbeiten kann. Fortschritte in der Behandlung von Patienten mit akutem Myokardinfarkt haben in den letzten Jahrzehnten die Sterblichkeit deutlich reduziert. Dennoch ist der Herzinfarkt eine der Haupttodesursachen in den Industrienationen. Damit besteht ein Bedarf für neue und innovative Therapieansätze zum Schutz des Herzens über die bestehenden Therapieansätze hinaus. Ich möchte also modifizieren: „Worry about your heart, it will last you as long as you live!”

ak[due]ll: Können auch junge Menschen einen Herzinfarkt erleiden?

Kleinbongard: Grundsätzlich steigt das Risiko mit zunehmendem Alter bei Männern ungefähr ab dem 40. Lebensjahr, bei Frauen ungefähr ab dem 50. Lebensjahr, im Alter gleicht sich das Risiko der Frauen dem der Männer jedoch an. Auch mit 20 Jahren kann man einen Herzinfarkt erleiden, das Risiko ist jedoch äußerst gering. Sehr seltene erbliche Faktoren in Kombination mit einem ungesunden Lebensstil sind dann meist der Grund dafür.

ak[due]ll: Man weiß bereits, wie man die Herzmuskeln während und nach dem Infarkt schützen kann. Wie funktioniert das denn?

Kleinbongard: Das Herz ist nicht schutzlos einem Infarkt ausgeliefert. Eine kurz dauernde Durchblutungsstörung kann ein molekulares Schutzprogramm im Herzen in den Herzmuskelzellen aktivieren. Diese Durchblutungsstörung muss jedoch nicht einmal das Herz selbst betreffen, sondern kann auch auf Distanz durch einfaches Aufblasen und Ablassen einer Blutdruckmanschette an Arm oder Bein ausgelöst werden. Dieser Herzschutz auf Distanz wurde von uns am Uniklinikum in Essen bereits erfolgreich während herzchirurgischer Eingriffe eingesetzt. Die Patienten erlitten weniger postoperative Komplikationen und die Sterblichkeit der Patienten war verringert.

ak[due]ll: Woran forschen Sie genau? Wie funktioniert dieser Herzschutz auf Distanz?

Kleinbongard: Zum Beispiel konnten wir kürzlich nachweisen, dass die Milz eine zentrale Rolle als Schaltorgan einnimmt. Nach kurzen Unterbrechungen der Durchblutung an Arm oder Bein durch das Aufblasen und Ablassen einer Blutdruckmanschette wird die Milz durch das vegetative Nervensystem aktiviert und setzt herzschützende Substanzen ins Blut frei. Wir konnten in den Herzmuskelzellen kardioprotektive Signale identifizieren, in Herzmuskelzellen sind nach dem Schutzmanöver die Energiebereitstellung durch die Mitochondrien und die Kontraktionskraft verbessert.

ak[due]ll: Befindet sich die Forschung noch in der Anfangsphase?

Kleinbongard: Wir fangen nicht bei null an. Um jedoch den Herzschutz auf Distanz in der klinischen Anwendung zu optimieren, müssen wir den Mechanismus noch besser im Detail verstehen. Wir wollen zum Beispiel untersuchen, ob die Medikation der Patienten mit dem Schutz interferiert.

ak[due]ll: Und wie gehen Sie bei Ihren Studien vor?

Kleinbongard: Ein Beispiel: Momentan überdenken wir, ob unser Fokus auf die Herzmuskelzellen zu eng war. Werden möglicherweise nicht nur die Muskelzellen geschädigt, sondern auch die Mikrozirkulation (Anm.d.Red.: Durchblutung der kleinsten Blutgefäße) im Herzen? Seit vielen Jahren ist in experimentellen Modellen auch die Schädigung der Mikrozirkulation durch einen Herzinfarkt beschrieben. Als extremste Ausprägung kann man das auch beim Patienten sehen, als so genannter „no-reflow“ – also genau keine vollständige erfolgreiche Wiederherstellung der Durchblutung gerade in den kleinsten Blutgefäßen. Kürzlich haben klinische Studien belegt, dass genau dieser no-reflow die Prognose der Patienten maßgeblich bestimmt. Also wollen wir uns in der Zukunft damit auseinandersetzen.

ak[due]ll: Die Ergebnisse sollen die Therapie von Infarkten optimieren. Was bedeutet das im Detail?

Kleinbongard: Wir suchen nach neuen Angriffspunkten – wie zum Beispiel die gerade erwähnte Mikrozirkulation. Wir suchen dann nach Mechanismen, die für die Zellschädigung relevant sein könnten. Im weiteren Schritt gehen wir genau diese Mechanismen mit therapeutischen Konzepten an. Zunächst im minimalistischen experimentellen Setup, dann im Organ Herz und dann im gesamten Organismus. Letztendliches Ziel ist die Übertragung der neuen therapeutischen Strategie auf den Menschen beziehungsweise den Herzinfarktpatienten.

ak[due]ll: Ist absehbar, wann die finalen Ergebnisse vorliegen werden?

Kleinbongard: Natürlich wollen wir möglichst rasch neue, robuste und grundsätzlich bei dem Herzinfarktpatienten erfolgreich anwendbare therapeutische Optionen etablieren. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich wüsste, wann welcher Weg uns dazu bringt, DIE Strategie zu entwickeln.
 

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