Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

WISSENSCHAFT

Die Kollektivschuld der Deutschen am NS

Daniel ist noch mitten im Literatursichtungsprozess. [Foto: Julia Segantini]

27.05.2019 13:11 - Julia Segantini

Wer ist Schuld an den Verbrechen während des Nationalsozialismus? Die Antwort darauf scheint zunächst einfach. Dass dem nicht so ist, weiß auch Daniel*. Er promoviert aktuell am Institut für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen und beschäftigt sich mit der Kollektivschuld der Deutschen im Nationalsozialismus. Wir haben ihn gefragt, was er dabei genau untersucht.  

War der Holocaust die Tat Einzelner? Für Daniel eine klare Sache: Schuldig sind nicht nur einzelne Nazis, sondern alle, die im nationalsozialistischen Gesellschaftskomplex gelebt und gearbeitet haben. „Ich versuche darzustellen, dass man, um von kollektiver Verantwortung zu sprechen, von kollektiver Schuld ausgehen muss. Also davon, dass sich ein Kollektiv von Menschen der Verbrechen schuldig gemacht hat, um in der Zukunft überhaupt adäquat Verantwortung übernehmen zu können“, erklärt er.

Unsere Generation dürfe sich aus der Schuldfrage nicht herausnehmen, so der Doktorand. „Wir müssen heute als Nachfahren der Tätergeneration und als Bürger der Gesellschaft, die aus dem Nationalsozialismus hervorgegangen ist und die in der Nachkriegszeit noch unheimlich viele Nazis in politischen hohen Ämtern gehabt hat, auch Schuld nicht in einem juristischen, sondern in einem moralischen Sinne mitdenken“, meint er. „Zu klären, was eine kollektive Verantwortung dann politisch heißt, ist nicht meine Aufgabe. Was ich versuche, ist eine Grundlage zu schaffen für einen adäquaten Umgang, zum Beispiel mit der Entschädigung von Opfern“, sagt er.

Blick auf die Gesellschaftsstrukturen

Mitte der 90er Jahre seien Begründungsversuche zur Kollektivschuld aufgekommen. „Die grobe Annahme ist, dass Kollektive von Menschen Eigendynamiken annehmen, die sich nicht automatisch im individuellen Handeln widerspiegeln. Was an dieser Debatte sehr problematisch ist, ist dass der Holocaust so als Beispiel neben anderen fungiert“, findet Daniel. In seinen Augen sei der Nationalsozialismus deshalb so besonders gewesen, weil im Gegensatz zum Beispiel zu den Genoziden in Rwanda, wo es eine relativ definierte Täter*innengruppe gegeben habe, es im Nationalsozialismus eine starke ideologische Einbindung in das ideologische Gesamtkonstrukt gegeben habe.

Dass sich viele gegen eine Kollektivschuld wehren, ist Daniel bewusst. „Ich glaube, dass da ein unglaublich großer psychologischer Abwehrmechanismus hinter steht. Es wird versucht, selbst die Hände in Unschuld zu waschen, aus dem einfachen Grund, dass man nicht so sehr den moralischen Anspruch an Schuld abwehrt, sondern da eine irrationale Angst vor der juristischen Verfolgung hinter steht“, vermutet er. Um eine Kollektivschuld zu beweisen, will er sich deshalb konkrete Gesellschaftsstrukturen anschauen, die die Verbrechen hervorgebracht haben. „Das ganze Gesellschaftssystem war im Endeffekt auf die Judenvernichtung ausgerichtet. Was hat der Bäcker gemacht? Der Bäcker hat Brötchen verkauft. Und was wurde mit dem Geld gemacht? Alles Geld, was im Nationalsozialismus verdient wurde, wurde zunächst in Kriegswirtschaft und dann in die Judenvernichtung gesteckt“, erklärt er. Seine Dissertation von zirka 300 Seiten wird er voraussichtlich in den kommenden drei Jahren fertigstellen.

*Name von der Redaktion geändert
 

|Theorieklatsche|

Faktencheck: Rechte und Gewalt

In Chemnitz flog wieder eine rechte Terrorzelle auf. Wir beleuchten Zahlen und Fakten zu rechter Gewalt und Gewalttäter*innen in Deutschland.
 

1. Mai in Duisburg: Mit zivilem Ungehorsam gegen Neonazis

Neonazis wollen am 1. Mai durch Duisburg marschieren. Dagegen formiert sich Protest. Im Interview mit dem Bündnis Rise Up.
 

Aussagen von Bahlsen-Erbin zur NS-Zwangsarbeit sorgen für Empörung

Unternehmenserbin Verena Bahlsen löste nach ihren Aussagen auf einer Digitalkonferenz eine Debatte um NS-Zwangsarbeit aus.
 
Konversation wird geladen