Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

WISSENSCHAFT

Keine Chance auf BAföG für migrantische Akademiker*innen

15.12.2018 19:42 - Britta Rybicki


Sie fallen nicht wie in jedem schrecklichen Stammtischgespräch dem deutschen Steuerzahler zur Last. Stattdessen erleben sie mangelnde Wertschätzung und können ihre Qualifikationen nicht nutzen. Ute Klammer untersuchte diese Struktur in einem Forschungsprojekt am Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

900.000 Menschen im Erwerbsalter hatten im Jahr 2012 laut des Mikrozensus einen Hochschulabschluss. Durch die Fluchtmigration ist der Anteil zwar etwas gesunken, liegt aber trotzdem noch bei 40 Prozent. „Das ist mehr als in der deutschen Bevölkerung“, sagt Ute Klammer. Grundsätzlich bringen Betroffene sogar genau die Qualifikationen mit, die in Deutschland dringend gebraucht werden. Darunter fallen zum Beispiel Ärzt*innen und Informatiker*innen.

Und ganz anders als vielleicht gedacht: Betroffene aus diesen beiden Berufsgruppen haben es alle ziemlich schwer. Ärzt*innen aus außereuropäischen Ländern müssen eine fachliche Gleichwertigkeits- und Sprachprüfungen ablegen, bevor sie in ihrem Beruf arbeiten dürfen. Was daran liegt, dass es sich um einen reglementierten Beruf handelt. Informatiker*innen brauchen diese Anpassung nicht. Ohne eine Bewertung der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen seien ihre Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt jedoch schlecht, meint Klammer. Fordern sie das Schreiben an, steht dort trotzdem nur  „entspricht dem deutschen Abschluss“, „ist gleichwertig“ und manchmal „nur teilweise“. Arbeitgeber*innen sind damit noch nicht vertraut und deswegen oft skeptisch.

Damit sie ihre Qualifizierung nutzen können, nehmen viele eine sogenannte Qualifikationsanpassung vor. Dort können sie die Fachsprache und Inhalte, die in ihren Herkunftsländern nicht auf dem Plan standen, nachholen. „Da das vielfach projektfinanzierte und zeitlich begrenzte Programme sind, gibt es sehr verstreute Möglichkeiten. Leider mit vielen Schwächen, wie der Finanzierung“, sagt Klammer.

Oft kein Anspruch auf BAföG

Für ein Zweitstudium lohnt es sich in Deutschland nicht, einen Antrag auf BAföG zu stellen, da dieser mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit abgelehnt wird. Man verliert dann den Anspruch. Wird der Abschluss von Betroffenen also als gleichwertig eingestuft, zählt das ebenso und auch sie erhalten keinen Zuschuss. „Dass man den Abschluss also brav hat bewerten lassen, schlägt zurück“, so Klammer. Arbeitslosengeld II gibt es nach der Einschreibung an einer Hochschule auch nicht mehr. Förderwerke, die Stipendien vergeben, haben zugewanderte Akademiker*innen nicht auf dem Schirm. „In den Kriterien der Förderwerke haben wir viele diskriminierende Bedingungen gefunden, die diese Gruppe – oft unbeabsichtigt – außen vor lassen.“ Schließlich dürfen sie eine bestimmte Altersgrenze nicht überschritten haben und sollten noch mindestens drei Semester bis zum Abschluss weiter studieren.

Eine ehemalige Programmteilnehmerin, die heute sogar für Ute Klammer arbeitet, hat deswegen Klage gegen das BAföG-Amt erhoben und gewonnen. Denn die Rechtsprechung und zahlreiche Verwaltungsvorschriften erlauben Spielräume. Leider scheint dieser Fall für die Sachbearbeiter*innen aber noch zu unbekannt zu sein und deswegen die reinste Überforderung. Klammer und ihr Forschungsteam empfehlen deshalb, künftig speziell geschultes Personal in solchen Fällen einzusetzen.

Bei einer Nachqualifikation ist es bisher so, dass die Fakultät sich mit dem Auslandsamt beraten und schauen muss, welche Vorleistungen Bewerber*innen sich anerkennen lassen können. Dafür gibt es weltweit lange Listen. „In unserem eigenen Programm haben wir Bewerber aufgenommen, die nach Einschätzung der Vorleistungen maximal noch drei Semester studieren mussten, um einen inländischen Abschluss zu erlangen.“ Zudem hat das Team Begleitmodule entwickelt wie Schulung in Fachterminologie und ein Mentoring. Unter letzteres fällt auch die Unterstützung beim Aufenthaltsstatus, Einleben an der Universität, der Wohnsituation und die Vermittlung von Kontakten zum Arbeitsmarkt, also Praktika.

Es wird Zeit für ein allgemeines Umdenken, meint Klammer. Die Haltung „die anderen müssen sich anpassen, mich geht das nichts an“  funktioniere in einer sogenannten Einwanderungsgesellschaft nicht mehr. Zeitlich befristete Programme zu entwickeln, durch die zugewanderte Akademiker*innen gefördert werden, reicht nicht aus. Stattdessen muss dies in die Regelstruktur der Universitäten einfließen. „Außerdem benötigen wir für die zugewanderten Akademiker*innen, verlässliche Möglichkeiten zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts während einer Qualifizierungsphase, über Bafög, Stipendien oder vielleicht sogar über das Arbeitsamt.“” Defizitorientiertes Vorgehen sei zudem auch keine Lösung. „Nur nach unseren Standards zu suchen, die sie vielleicht nicht erfüllen. Sondern danach, was sie mitbringen und wovon unsere Gesellschaft profitieren kann.“” Schließlich wird diese bunter, diverser und verlangt uns deswegen allen etwas ab.

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