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WISSENSCHAFT

Ist Happy Tea die magische Heilung für Ängste und Depression?

Ängste und Depressionen sind gesellschaftlich weit verbreitet. [Symbolbild: pixabay]

18.03.2019 12:09 - Jacqueline Brinkwirth

Spoiler: Nein ist er nicht. Trotzdem hat die Instagram-Seite der US-Firma 53.000 Follower, denn der Tee mit CBD soll nachweislich gegen soziale Ängste wirken. Was in sozialen Medien allerdings verkauft wird, ist kein Glücklich-Mach-Tee, sondern ein Lebensstil. Für Menschen mit diagnostizierten psychischen Krankheiten kann das gefährlich sein.

„Happy Tea – CBD infused water and shots! Natural CBD has been studied for its possible effects on anxiety, inflammation & sleep!“ So wirbt die US-Firma auf ihrer Instagram-Seite für ihr Produkt, das als Pulver in Wasser aufgelöst wird und durch den Inhaltsstoff CBD Ängste und Entzündungen bekämpfen und den Schlaf verbessern soll. CBD oder Cannabidiol ist ein Cannabinoid-Wirkstoff, der in der Hanfpflanze zu finden ist. Wer jetzt an Marihuana und THC denkt, wird allerdings enttäuscht. Zwar kann CBD durchaus körperlich merkbare Effekte haben, ihm wird jedoch keine berauschende Wirkung zugeschrieben.

Es wird ein Lebensstil verkauft

Geforscht wurde zu CBD vor allem in Verbindung mit der Krebsforschung, wo bereits medizinisches Marihuana (also der aktive Wirkstoff THC) zur Schmerzlinderung eingesetzt wird. Auch CBD kann schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung haben. Darüber hinaus ist belegt, dass CBD in der richtigen Dosierung beruhigend und angstlösend wirken kann. Im beworbenen Happy Tea ist CBD-Öl in einem Pulver mit Geschmacksstoffen versetzt, ein Tütchen zum Auflösen enthält 10 Milligramm CBD. Wieso sollte Happy Tea nun also nicht gesundheitsfördernde Eigenschaften haben?

Angesichts der Wirkstoffe ist Happy Tea also ein authentisches Produkt, dass nicht mit etwas wirbt, was es nicht erfüllen kann. Der CBD-Gehalt im Tee ist allerdings relativ niedrig dosiert. Studien belegen, dass die angstlösende Wirkung von CBD jedoch erst bei einer Einnahme um 50 mg pro Tag eintritt, je nach Schwere der Symptome. Ein Mensch durchschnittlicher Größe und durchschnittlichen Körpergewichts müsste also ganze fünf Tütchen des Happy Tea-Pulvers zu sich nehmen, um einen merkbaren Effekt zu haben. Ein Paket enthält 14 Tütchen des Tees und ist umgerechnet für rund 22 Euro erhältlich. Damit würde man also nicht einmal ganze drei Tage auskommen, um eine anhaltende Wirkung zu haben. Denn ähnlich wie Antidepressiva oder angstlösende Medikamente muss auch CBD konstant eingenommen werden, um konstant zu wirken.

Happy Tea hat durchaus Potential eine positive Wirkung zu entfalten, sofern man bereit ist dafür ein bisschen Geld in die Hand zu nehmen. Doch das ist auch nicht das eigentliche Problem mit dem Konzept des Produkts – es ist die Werbung für den Tee. Scrollt man durch den Instagram-Feed, so wird schnell deutlich, wer und vor allem wie der*diejenige für Happy Tea die Werbetrommel rührt: Influencer*innen mit mehreren Millionen Followern posieren mit einer Packung Happy Tea und einem breiten Grinsen häufig in Sportklamotten für die Kamera. Die Message dahinter: „Seit ich Happy Tea trinke bin ich nicht nur weniger gestresst, sondern auch super glücklich!“ oder „Happy Tea wird dein Leben verändern, so wie er auch mein Leben verändert hat.“ Glaubt man dieser Werbung, scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein von einem Menschen mit sozialen Ängsten zum Mega-Influencer mit dem absolut glücklichen und perfekten Leben.

Psychische Krankheiten werden instrumentalisiert

Die Werbung mit psychischer Gesundheit bzw. Krankheit beschränkt sich allerdings nicht nur auf Instagram. Auch auf Plakaten instrumentalisieren Firmen beispielsweise Depressionen, um für ihre Produkte zu werben. Die Berliner Mode-Marke Look54 bewarb vor Kurzem mit dem Slogan „Shopping is better than a psychiatrist“ ihre Klamotten. Dieser Satz löst vermutlich in vielen Menschen berechtigte Zweifel aus. Kann Shopping denn tatsächlich alle psychischen Probleme einfach in Luft auflösen? Spoiler (schon wieder): Nein, kann es nicht. Und auch der Tee inklusive tollem Lifestyle kann das nicht. Was solche Werbung allerdings kann, ist Menschen mit psychischen Krankheiten mental gefährden. Daria* ist seit vier Jahren in therapeutischer Behandlung wegen schwerer Depressionen.

Was solche Werbung allerdings kann, ist Menschen mit psychischen Krankheiten mental gefährden.

Beim Anblick solcher Werbung fehlen ihr oft die Worte: „Als Patientin fühle ich mich dann einfach nicht ernst genommen. Ich denke mir dann oft, wäre schön, wenn das so einfach wäre. Aber in der Gesellschaft wird das halt immer noch auf die leichte Schulter genommen.“ Dabei löst vor allem der Verkauf von glücklichen Lebensstilen für Daria mittlerweile nur noch Wut aus: „Die Werbung gaukelt einem ja eh schon vor, dass man nur dieses oder jenes Produkt kaufen muss, um super glücklich zu werden. Aber jetzt werben sie ja gezielt mit psychischen Problemen. Als ob nur das richtige Produkt fehlen würde, damit ich plötzlich nicht mehr depressiv bin“.

Auch Psychologin Rita Jehnsen sieht Werbung dieser Art kritisch: „Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die noch nicht in therapeutischer Behandlung sind, versuchen, mögliche Symptome kleinzureden und vor sich selbst zu leugnen.“ Denn was die Werbung vorlebt, lasse sich zu leicht auf das eigene Leben übertragen: „Viele Patienten nehmen ihre Krankheit nicht ernst, weil die Gesellschaft sie ebenfalls nicht ernst nimmt. Wenn das dann noch zu Werbezwecken genutzt wird, ist es sehr schwierig sich davon zu befreien.“

Für mehr gesellschaftliche Akzeptanz

Psychische Krankheiten wie Depressionen und soziale Ängste sind in der modernen Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert. Das erschwert für Betroffene häufig nicht nur das Erkennen eines Problems, sondern auch die Suche nach Hilfe. Werbung, die Depressionen instrumentalisiert und so bagatellisiert, ist dafür nicht nur hinderlich, sondern kann Menschen im schlimmsten Fall sogar ganz davon abhalten, Therapieangebote wahrzunehmen. Denn egal wie glücklich ein Tee vermeintlich machen kann, psychische Krankheiten heilt er nicht. Dafür sind Therapie oder eine Behandlung mit Medikamenten notwendig. Das sollte nicht nur die Gesellschaft, sondern vor allem auch die Werbeindustrie endlich anerkennen.

*Name von der Redaktion geändert

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