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WISSENSCHAFT

Gib mir bitte noch einen Kuss

Ein Kuss als Liebesbekenntnis [Foto: Magdalena Kensy]
20.07.2021 12:15 - Magdalena Kensy

Wenn die Lippen beim Küssen aufeinandertreffen, aktiviert das bis zu 38 Muskeln im Gesicht. Neben dem Gesichtsmuskeltraining gibt es noch weitere Vorteile für Körper und Geist. 

20 Kalorien – das ist die Menge, die durchschnittlich bei einem leidenschaftlichen Kuss pro Minute verbraucht wird. Und die Lebensdauer wird beim vielen Küssen um bis zu fünf Jahre verlängert, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben. Bei einem 70 Jahre langen Leben hat man bereits 10.000 Mal geküsst. Doch wie kam es überhaupt zu dem Phänomen Küssen?

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Wissenschaftler:innen sind sich uneinig, woher das Phänomen stammt. Sigmund Freud vermutete Anfang des 20. Jahrhunderts, dass das Saugen an der mütterlichen Brust dem Baby einen so großen Genuss bereitet, dass sich der Erwachsene noch immer nach dieser oralen Befriedigung sehnt.

Der Zoologe Desmond Morris stellte die These auf, die Mütter selbst hätten den Kuss erfunden. Das Küssen sei entstanden, als Mütter versuchten, ihre Kinder durch Küssen zu beruhigen. Daraus habe sich dann der leidenschaftliche Kuss entwickelt der heute dem:der Partner:in gilt. 

Körpereigener Drogencocktail 

Trotz der Uneinigkeit über den Ursprung des Kusses sind die Wissenschaftler:innen sich in einer Sache sicher: Es kommt ein verblüffender Prozess in Gang, sobald sich zwei Lippenpaare berühren. Innerhalb eines Sekundenbruchteils leiten Nervenzellen Botschaften an das Gehirn und den Körper. Dabei geben Hirnzellen Auskunft über Geschmack, Geruch, Temperaturempfinden und Lippenbeschaffenheit des Gegenübers. Pheromone sind Duftstoffe die im Körper produziert werden und am Nasenflügel abgesondert. Der abgesonderte Duftstoff, kann den Stoffwechsel und das Verhalten des Gegenübers beeinflussen. Wenn die Nasen sich beim Küssen nahe kommen, kann deswegen der Körpergeruch vom Gegenüber noch deutlicher wahrgenommen werden. Bereits im Jahre 1900 war den Menschen die Wichtigkeit des Gegenseitig reichen können bewusst. Schnüffelküsse, bei denen die Nasen aneinander gerieben werden, waren deutlich verbreiteter als der Kuss auf den Mund. 

Beim Küssen werden rund 4.000 Bakterien im Speichel ausgetauscht. Das schützt die Zähne vor Karies, indem der Austausch von körpereigenen Botenstoffen, sogenannten Neuropeptiden, das Immunsystem stärkt. Während sich die Lippen berühren, entwickelt der Körper Morphium - eine Rauschdroge - und schüttet es gemeinsam mit Endorphinen aus. Das sorgt für Glücksgefühle. 

Schau mir in die Augen, Kleines

Der Puls rast, die Körpertemperatur steigt und das Herz hämmert gegen die Brust. Küssen ist ein Ganzkörperphänomen. Die Nerven schicken Befehle an das limbische System – ein archaisches Hirnareal, das unterbewusst arbeitet. In diesem Hirnareal sind ​​Instinkte, Reflexe und Triebe verankert. Dort stellen Drüsenzellen einen Cocktail körpereigener Drogen her und schütten sie in die Blutbahn. Weitere Botenstoffe werden produziert: Hormone, etwa Oxytocin, die Stress abbauen, das soziale Bindungsgefühl steigern und uns in der Verbindung mit Endorphinen sexuell erregen.

Durch die Hormone wird die Hirnregion für depressive Stimmungen deaktiviert. Das Aufheizen der Körpertemperatur sorgt dafür, dass die Schweißdrüsen winzige Tropfen absondern, die sexuelle Duftstoffe freisetzen. Die Nebennierenrinden bilden Adrenalin und putschen den Körper auf. 

Ein durchschnittlicher Kuss dauert über zwölf Sekunden. Das ist eine deutliche Steigerung im Vergleich zu den 80er Jahren. Damals betrug die Dauer im Schnitt nur 5,5 Sekunden. Der Druck, mit dem wir die Lippen beim Küssen gegeneinander pressen, ist jedoch gleich geblieben. Bis zu 15 Kilogramm Druck wird innerhalb eines leidenschaftlichen Kusses aufgebaut.

Entgegen des Spruchs „Schau mir in die Augen, Kleines“: haben 92 Prozent der Frauen die Augen während des Kusses geschlossen. Etwa die Hälfte der Männer hingegen sieht gerne, was im Gesicht der:des Geküssten vorgeht. Mehr Einigkeit zwischen den Geschlechtern herrscht bei der Kopfneigung. Zwei Drittel der Menschen neigen ihren Kopf beim Küssen auf die rechte Seite. 

Küssen erotischer als Sex 

Der Psychologe Gordon Gallup führte 2007 eine Studie durch, in der es um die Anziehung vor und nach dem Kuss ging. Dabei behaupteten die meisten Frauen, sie könnten an einem Kuss erkennen, ob sich ein Verehrer langfristig als Partner eignet. Das könnte daran liegen, dass Frauen unbewusst erriechen, ob ein Mann beziehungstechnisch und langfristig zu ihnen passt. Aus der biologischen Perspektive lässt sich diese Behauptung bestätigen: Frauen tragen die Last der Schwangerschaft und das Risiko der Geburt. Bei der Partnerwahl sollten sie sich sicher sein, dass er ihnen bei der Versorgung der Kinder hilft – „und wenn nun eine Frau einen Mann küsst, erfährt sie nicht nur, ob er ein netter Kerl ist“, so die US-Anthropologin Helen Fisher, „sondern sie bekommt auch eine Ahnung davon, ob er ein guter Vater wäre“.

Männer haben beim Küssen ein anderes Ziel als Frauen: einen Orgasmus. Feuchte nasse Küsse mit offenem Mund präferieren die meisten Männer. Der Zungenkuss stellt dabei den Startschuss für eine sexuell intensivere Phase dar. Einen wissenschaftlichen Grund für die männlichen Kussvorlieben gibt es auch. Der Männerspeichel enthält Testosteron. Wenn beim Kuss Speichel ausgetauscht wird, passiert er die Schleimhäute der Frau, verteilt sich im Blut und versetzt die Partnerin in lustvolle Stimmung.

Jeder Kuss gilt als eine sinnliche Botschaft. Psycholog:innen erklären, dass Küssen oft als kleine Schwester der Sexualität behandelt wird. Das ist jedoch ein Trugschluss laut Psychologe Robert Wlodarski. Küssen ist vielen Paaren wichtiger als Sex, denn: Ein Kuss setzt Gefühle voraus. Vortasten, spüren, was dem:der anderen gefällt. Sex kann durchaus distanzierter sein. Intensives Küssen ist sinnlicher und eine intime Form der Annäherung.

Der Psychologe Robert Wlodarski, der sich mit Kuss-Vorlieben und Partnerschaften beschäftigt hat, gibt in einer Studie mit 900 Befragten an: Die Zufriedenheit eines Pärchens steht in direktem Zusammenhang damit, wie oft sie sich küssen. Wie oft sie miteinander schlafen, sagt nichts darüber aus. Das Fazit des Wissenschaftlers: Ein Kuss schafft mehr Nähe als Geschlechtsverkehr. Küssen ist wichtiger als Sex.

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