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WISSENSCHAFT

Geschlechtergerechte Sprache: Mehr als komplizierter „Gender-Unfug“

Geschlechtergerechtes Formulieren ist notwendig. [Foto: Pixabay]

01.04.2019 12:09 - Jacqueline Brinkwirth

Der Verein Deutsche Sprache (VdS) hat eine Petition gegen geschlechtergerechte Sprache veröffentlicht. Die Begründung: Gendern zerstöre die deutsche Sprache und erschaffe groteske Sprachgebilde. Warum geschlechtergerechte Formulierungen für die gesellschaftliche Entwicklung alles andere als „Gender-Unfug“ sind.

Unter dem Titel „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ hat der Verein Deutsche Sprache eine Online-Petition veröffentlicht, die geschlechtergerechte Formulierungen, beispielsweise in offiziellen Formularen und Anträgen, harsch kritisiert. Der VdS bemängelt zum Beispiel das Gender-Sternchen, das in der Sprache auch eine weibliche und nicht-binäre Realität sichtbar macht. Bis zum 17. März  konnte die Petition nach Aussage des VdS über 53.000 Unterschriften vorweisen. Dass auch Personen des öffentlichen Lebens wie Komiker Dieter Nuhr, Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen oder Autorin Cora Stephan die Online-Petition unterzeichneten und dem Vorstoß so eine Bühne in den sozialen Medien geben, löste eine heftige Debatte aus.

Nicht staatlich verordnet

In einer Begründung der Petition, die mittlerweile nicht mehr online zu finden ist, klagt der VdSgeschlechtergerechte Sprache als „Indoktrinierung“ an: „Wir verbitten uns den Eingriff von oben in unsere Sprache. Die staatlich verordnete Indoktrinierung darf nicht Schule machen. Sprache darf kein Spielball politischer Interessen werden.“ Feministinnen werden zudem angeklagt, die deutsche Sprache „kapern“ zu wollen, „groteske“ Sprachgebilde zu erschaffen und der Gesellschaft das „Gendern“ aufzuzwingen. Doch sorgt Gendering tatsächlich dafür, dass Sprache unnötig verkompliziert und politisch instrumentalisiert wird?

Linguistik-Professorin Dr. Ulrike Haß von der Universität Duisburg-Essen hat dazu eine klare Meinung: „Geschlechtergerechtes Formulieren […] ist notwendig und richtig. Es ist von Psychologen und Linguistinnen inzwischen empirisch gründlich belegt, dass der ausschließliche Gebrauch des generischen Maskulinums stark dazu beiträgt, traditionelle Geschlechterrollen, insbesondere Berufsrollen, zu verfestigen und der im Grundgesetz garantierten Gleichstellung von Mann und Frau entgegenzuwirken.“ Auch in bestimmten Berufsfeldern beeinflussen geschlechtergerechte Bezeichnungen die gesellschaftliche Wahrnehmung: „Der traditionelle Sprachgebrauch, den der VdS erhalten möchte, trägt dazu bei, dass beispielsweise Pilotinnen, Professorinnen, Dachdeckerinnen, Chirurginnen und Rapperinnen als unerwartete Ausnahmen, nicht als Normalfall vorgestellt werden.“

Die Beispiele zeigen deutlich auf, dass die Sichtbarkeit weiblicher (und nicht-binärer) Realität durch Gendering auch in der Sprache ihren Platz finden muss. Der VdS beruft sich in seiner Petition auf das Gegenteil: „Solche Verzerrungen der Sprache (tragen) nicht einmal dazu bei, den Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen. Auch im Grundgesetz gibt es dafür kein Indiz: In 13 Artikeln spricht es 20 Mal vom Bundeskanzler […] Den mehrfachen Aufstieg von Angela Merkel zur Bundeskanzlerin hat dies nicht behindert.“

„Geschlechtergerechtes Formulieren […] ist notwendig und richtig.“

Das hier angeführte Beispiel ist allerdings eher als Beleg für die Richtigkeit und Wichtigkeit von geschlechtergerechter Sprache zu sehen. Dass in Deutschland vor Angela Merkel nie eine Frau das Amt des Bundeskanzlers innehatte, wurde nicht allein dadurch bedingt, dass die weibliche Form des Amtes vorher nicht existierte. Allerdings wird durch die nun akkurate Bezeichnung der Bundeskanzlerin auch nichts an der Sprache an sich verändert. Es wird lediglich eine ‚neue‘ Realität abgebildet.  

Natürlicher Prozess der Sprachentwicklung

Dem Argument, Gendern stelle „zerstörerische Eingriffe in die deutsche Sprache“ dar, widerspricht Ulrike Haß: „Die deutsche Sprache wird durch geschlechtergerechtes Formulieren weiterentwickelt – genauso wie sie durch alle anderen Interessen und Bedürfnisse größerer Gruppen der Sprachgemeinschaft weiterentwickelt wird.“ Demnach stellt Gendern nichts Destruktives dar, sondern ist im Gegenteil ein natürlicher Prozess gesellschaftlicher Anpassung, der von allen Menschen ausgeht, die die deutsche Sprache gebrauchen. Es gibt dafür zudem weder die eine richtige Form, noch wird diese von staatlicher Seite aufgezwungen:

„Es gibt recht viele Möglichkeiten, zwischen denen man je nach Text, Textstelle oder Gespräch, Situation und Adressaten auswählen kann. Zu diesen Möglichkeiten gehören die Beidnennung („Lehrerinnen und Lehrer“), das Abwechseln, das Gendersternchen, das Binnen-I, die Neutralisierung („Lehrerschaft“) […]. Dabei gibt es in Deutschland keine Instanz, die solch eine Norm durchsetzen könnte; auch der Duden versteht sich nicht als normative Instanz, sondern beschreibt den jeweils aktuellen, mehrheitlichen Sprachgebrauch als eine Art Vorbild.“

Anwender*innen der deutschen Sprache sind je nach Kontext also vollkommen selbstbestimmt, wie sie ihrer Wahrnehmung sprachlich Ausdruck verleihen wollen. Anerkennen will das der Verein Deutscher Sprache allerdings nicht. Ulrike Haß sieht das sehr kritisch: „Der VdS begründet seine Petition mit skurrilen und absurden Beispielen, die in dieser Form gar nicht sprachüblich sind. Zum Beispiel hat eine Genderung innerhalb zusammengesetzter und abgeleiteter Wörter nie jemand ernsthaft gefordert oder dauerhaft praktiziert. „Christinnentum“, „Bürgerinnenmeister“ – wenn man diese Wörter googlet, findet man ausschließlich Texte über den vermeintlichen ‚Genderunfug‘, nicht einen tatsächlichen Gebrauch. Die Petition richtet sich also eigentlich gegen Phänomene, die keine sprachliche Realität haben, sondern erfunden wurden.“

Gendern als Mittel des Selbst-Ausdrucks

Es erscheint immer klarer, dass die Petition gegen geschlechtergerechte Sprache nicht mehr als der Aufschrei etablierter Gruppen ist, die einen Anspruch auf Reglementierung der deutschen Sprache geltend machen wollen, den sie faktisch nicht haben. Denn Sprache wird von allen Menschen geformt, die sie täglich gebrauchen. Ein vermeintlich besorgter Verein hat dabei keine Entscheidungshoheit darüber, was richtig oder falsch ist. Die Haltung des VdS zeigt jedoch deutlich, wie tief patriarchale Strukturen immer noch in der Gesellschaft verankert sind. Ulrike Haß beschreibt es so: „Wer nicht gendert, zeigt dabei inzwischen aber auch, wie er oder sie zu traditionellen Geschlechterrollen steht. Gendern oder Nicht-Gendern – beides ist zu einem Mittel des Selbst-Ausdrucks, das heißt zu einem Stilmittel geworden, ob man es will oder nicht.“

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