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WISSENSCHAFT

Gendern: Wer kann das denn aussprechen?

Bei einigen sorgt die richtige Aussprache des Genderns für Verwirrung.

[Symbolbild: pixabay]

09.01.2021 13:03 - Erik Körner

„Das kann doch niemand aussprechen“, heißt es häufig, wenn das Gendern mittels Sonderzeichen kritisiert wird. Doch gerade für Deutsche sollte die korrekte Aussprache von genderneutraler Sprache nicht nur einfach sein – sie ist sogar vertraut.

„Das sogenannte Gendersternchen stellt aus sprachlicher Sicht kein geeignetes Mittel dar, um [diskriminierungsfreie Sprache] umzusetzen“, behauptete die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) im August diesen Jahres in einer Pressemitteilung. Bei Personenbezeichnungen mit einem Gendersternchen sei unklar, wie sie ausgesprochen werden sollen – ob mit Sprechpause, ausschließlich als feminine Form oder als Doppelform. Eine Alternative biete sie nicht, suche aber im Rahmen ihrer Arbeit im Rat für deutsche Rechtschreibung momentan danach. Auch führe das Gendern mit Sonderzeichen zu grammatikalisch falschen Formen, siehe Ärzt*in. Dabei lässt die GfdS außen vor, dass Sprachen willkürliche, dynamische Konstrukte sind, über deren Regeln – und damit Grammatiken – die jeweiligen Sprecher:innengruppen via Anwendung selbst bestimmen.

Eine Alternative zum Gendern mit Sonderzeichen zu finden, ist allerdings nicht nötig. Es würde schon genügen, eine Erklärung auf Basis des Grundlagenwissens der Phonetik zu liefern. Sie ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaften und befasst sich mit den Lauten in Sprachen. Was das mit dem Gendern zu tun hat? Ganz einfach: Der stimmlose glottale Plosiv oder Glottisschlag. Ein Begriff aus der Phonetik, der die plötzliche, stimmlose Lösung des Stimmlippenverschlusses beschreibt.

Zauberwort Glottisschlag

Im Deutschen tritt der Glottisschlag in zwei Fällen auf. Wörter mit einem sogenannten vokalen Anlaut, etwa Axt, beginnen mit einem Glottisschlag vor dem einleitenden Vokallaut. Deutlich wird der Verschlusslaut hier bei dem Versuch, ein Wort mit Vokalanlaut so langsam wie möglich auszusprechen. Das Gefühl sollte dem Anhalten des Atems ähneln. Der zweite Fall ist offensichtlicher. Zusammengesetzte Nomen, deren zweites Wort (oder alle weiteren Wörter) mit einem Vokallaut beginnt, verlangen eine kurze Pause, zum Beispiel „Spiegelei“. Ähnliches gilt für mehrsilbige Wörter, deren erste Silbe mit einem Vokal endet und deren zweite Silbe mit einem Vokal beginnt, etwa „beinhalten“. Ohne den Glottisschlag würden wir also Spiegelei wie Spielerei aussprechen. Und „beinhalten“ würde plötzlich eine Schenkelstütze beschreiben.

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Die Aussprache gegenderter Nomen ähnelt dem zweiten Fall – zwischen Grundwort und der femininen Endung (Suffix) wird eine kurze Pause beim Sprechen eingelegt. Somit ist auch die Abgrenzung zum Plural, etwa bei Spieler:innen und Spielerinnen, eine einfache. Das nötige Mittel zur korrekten Aussprache gegenderter Wörter befindet sich folglich schon in der deutschen Sprache und müsste nicht erst entlehnt oder erfunden werden.

Laut Paragraf 1 ihrer Satzung ist die GfdS um die „Pflege und Erforschung der deutschen Sprache“ bemüht und „dient in diesem Zusammenhang der Förderung [...] der Volksund Berufsbildung.“ Die anfangs erwähnten Unklarheiten durch Aufklärungsarbeit zu beseitigen, fiele folglich in ihren Aufgabenbereich. Dafür könnten sie beispielsweise mit Projekten wie Genderleicht kooperieren. Genderleicht wurde vom Journalistinnenbund ins Leben gerufen und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Ihr Ziel ist, eine größere Aufmerksamkeit für gendersensible Sprache in den Medien zu schaffen. Auf ihrer Website bietet Genderleicht unter anderem niedrigschwellige Erklärungen zum gegenderten Schreiben und Sprechen an – Beispielaufnahmen inklusive. 

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