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WISSENSCHAFT

Zusammenhänge zwischen Rassismus und Polizeigewalt

Forscher:innen der Ruhr-Universität Bochum untersuchen Polizeigewalt.
[Symbolfotos: David Peters]
17.11.2020 11:31 - David Peters

Das Forschungsprojekt zu „Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamt*innen“ (Kviapol) der Ruhr-Universität Bochum hat vergangene Woche seinen zweiten Zwischenbericht veröffentlicht. Dabei hat das Projekt um den Kriminologen Prof. Dr. Tobias Singelnstein die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color (PoC) im Vergleich zu weißen Personen untersucht.

Das Forschungsprojekt Kviapol untersucht seit 2018 Fälle von rechtswidriger Polizeigewalt. Nach einer Onlinebefragung wurden mehr als 3.300 Berichte von Betroffenen analysiert. Im ersten Zwischenbericht des Projekts stellten die Forscher:innen fest, dass sich besonders viele Fälle im Umfeld von Fußballspielen (25 Prozent), Demonstrationen und anderen politischen Aktionen (55 Prozent) ereigneten. „Die Formen der Gewalt, die in den berichteten Fällen eingesetzt wurden, unterschieden sich je nach Anlass für den Polizeikontakt“, so Kriminologe Singelnstein. In 71 Prozent der Fälle erlitten die Betroffenen durch die Gewalt körperliche Verletzungen. 19 Prozent gaben an, dass sie schwere Verletzungen erlitten haben, wie zum Beispiel Knochenbrüche, schwere Kopfverletzungen oder innere Verletzungen.

In einer nicht-repräsentativen Stichprobe wurde festgestellt, dass ein Großteil der Fälle von Polizeigewalt nicht zu Strafverfahren führte. „Betrachtet man nur die Fälle, in denen eine Information zur Verfahrenseinleitung vorliegt, so beträgt dieser Anteil 86 Prozent“, erklärt Singelnstein. Viele Betroffene gaben zudem an, von einer Anzeige abgesehen zu haben, weil sie davon ausgingen, dass sie damit ohnehin erfolglos wären. Statistisch gesehen weisen Verfahren gegen Polizist:innen eine auffallend hohe Einstellungsquote auf. Auch die Anklagequote ist in solchen Fällen statistisch gesehen besonders niedrig.

Gewalt und Diskriminierung

Im zweiten Zwischenbericht stellten die Forscher:innen fest: „People of Color und Personen mit Migrationshintergrund waren in anderer Weise von als rechtswidrig bewerteter polizeilicher Gewalt betroffen und nahmen diese anders wahr als weiße Personen oder Personen ohne Migrationshintergrund.“ Für diesen zweiten Bericht wurden, zusätzlich zu den mehr als 3.300 Personen aus der quantitativen Befragung, 17 qualitative Interviews mit Expert:innen aus Polizei und Zivilgesellschaft im Hinblick auf „Rassismus und Diskriminierungserfahrungen im Kontext polizeilicher Gewaltausübung“ durchgeführt.

 

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Viele Fälle von Polizeigewalt ereignen sich bei Demonstrationen.

 

Während sich 62 Prozent der PoC und 42 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund bei den berichteten Gewaltsituationen diskriminiert fühlten, lag die Quote bei Menschen ohne Migrationshintergrund bei 31 Prozent. Diese Unterschiede führen bei People of Color zu der Annahme, sie würden aufgrund rassistischer Zuschreibungen anders behandelt werden als weiße Personen.

Eine weitere Auffälligkeit: People of Color (28 Prozent) und Menschen mit Migrationshintergrund (22 Prozent) werden wesentlich häufiger von Polizist:innen kontrolliert als weiße Personen (14 Prozent). Viele Befragte gaben zudem an, dass sich Polizist:innen ihnen gegenüber rassistisch geäußert hätten. 48 Prozent der People of Color vermuten, dass ihre „(vermeintliche) ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit“ das polizeiliche Handeln beeinflusst habe. Bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es lediglich 3 Prozent.

Studie zu Rassismus in der Polizei notwendig

Laut der qualitativen Befragung sehen die Polizist:innen ihr Handeln nicht als rassistisch an. Sie berufen sich vor allem auf ihr „Erfahrungswissen“. „Dieses speist sich neben eigenen Erfahrungen aus Berichten von Kolleg:innen und aus Erfahrungen Dritter sowie aus Einstellungen und gesellschaftlichen Diskursen und umfasst auch Zuschreibungen und Stereotype gegenüber bestimmten Personengruppen.“ Dies führt zu einer erheblich unterschiedlichen Wahrnehmung und Bewertung von einschlägigen Kontakten oder Einsätzen durch PoC und Polizeibeamt:innen, was wiederum Anlass für weitergehende Konflikte sein kann, stellt das Forschungsteam fest.

Die Benachteiligung von People of Color und Menschen mit Migrationsproblem durch die Polizei sei vor allem ein strukturelles Problem innerhalb der polizeilichen Praxis, so die Forscher:innen. Rassismus sei ein gesellschaftliches Problem, dass sich in der Polizei in besonderer Weise auswirke, da diese über das Gewaltmonopol verfüge. „Vor diesem Hintergrund bedarf es dringend weiterer Forschung zu diesem Themenfeld“, so das Fazit des Zwischenberichts.
 

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