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WISSENSCHAFT

„Es kann nicht das Ziel sein, jede Infektion zu verhindern.“

Philosoph Klaus Steigleder [Foto: Christine Heinemann​​​​​​​]
25.07.2021 12:09 - Gastautor*in

Der Philosoph Klaus Steigleder ist Mitglied einer interdisziplinären Forschungsgruppe an der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit Virologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Psychologen arbeitet er in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt daran, Entscheidungshilfen für die Politik in pandemiebedingten Krisensituationen zu entwickeln. Im Interview spricht er über seine derzeitige Arbeit und die Herausforderungen der Corona-Pandemie.

Von Marvin Rosenhoff

ak[due]ll: Herr Steigleder, woran arbeitet Ihr Team und wie kann die Philosophie der Politik bei der Entscheidungsfindung in einer Pandemie helfen?

Steigleder: Im Kern geht es bei unserem Projekt darum, herauszufinden, wie man menschliches Verhalten steuern kann und welche Steuerungsnotwendigkeiten es mit Blick auf Übertragungswege oder Infektionsrisiken gibt. Dazu wollen wir Modelle entwickeln, wie sich Menschen verhalten, und diese Modelle anhand empirischer Daten aus dem Ruhrgebiet überprüfen. Natürlich werfen die damit verbundenen Aufgaben auch eine Reihe moralischer Fragen auf: Was sind die relevanten Zielsetzungen, denen die Politik folgen sollte? Welchen Gesichtspunkten sollte man Vorrang geben? Sollte man beispielsweise primär versuchen, Leben – in einem sehr eng verstandenen Sinne – zu schützen, oder muss man hier gegebenenfalls zwischen anderen wichtigen Aspekten einen Ausgleich schaffen? Dies könnte etwa bedeuten, dass man auch in einer Pandemiesituation versucht, eine größtmögliche Normalität aufrechtzuerhalten, sodass die Menschen auch weiterhin in angemessener Weise ihre Lebenschancen wahrnehmen können. Am Ende geht es vom philosophischen Standpunkt aus darum zu klären, welche Entscheidungen in einer Situation, wie wir sie derzeit erleben, moralisch richtig oder falsch sind.

ak[due]ll: Welchen Schwierigkeiten begegnet man als Philosoph bei dieser Aufgabe?

Steigleder: Ein zentrales Problem besteht darin, dass wir es in der Corona-Pandemie vor allem mit der Bewertung von Risiken zu tun haben, das heißt mit Dingen, die möglicherweise eintreten. Das macht eine moralische Einschätzung potenzieller Maßnahmen kompliziert. Lassen Sie mich Ihnen ein einfaches Beispiel geben: Wenn ich mit der Absicht in ein Auto steige, damit einen Menschen zu töten, dann sind wir uns darüber einig, dass ich das nicht darf. Leider ist die Sache aber nicht immer so einfach. Denn auch, wenn ich ohne jeden Hintergedanken mit dem Auto unterwegs bin, besteht immer noch ein gewisses Risiko, während der Fahrt jemanden zu verletzen oder umzubringen. Das philosophische Problem ist nun, wie das Autofahren angesichts dieses Risikos moralisch zu bewerten ist. Und in der Corona-Krise haben wir es mit ganz ähnlichen Fragen zu tun: Welchen Risiken dürfen wir uns gegenseitig aussetzen, wenn es um Ansteckungen oder eine mögliche Erkrankung geht? Wie strikt muss der Schutz vor bestimmten Risiken sein? Auch hier liegen die Dinge nicht immer klar auf der Hand, weil eine Infektion mit dem Corona-Virus nicht einfach als Tötungsakt anzusehen ist.

ak[due]ll: Sie sprachen zu Beginn davon, dass man bei der Pandemiebewältigung unter Umständen bestimmte Ziele gegeneinander abwägen muss. Nun würden sicher nicht wenige behaupten, dass der Lebens- und Gesundheitsschutz automatisch Vorrang vor anderen Erwägungen hat. Wie sehen Sie das?

Steigleder: In gewisser Weise ist das richtig. Leben und Gesundheit sind nun mal die Voraussetzungen dafür, dass wir überhaupt andere Dinge tun können. Und es ist auch verständlich, sich am Anfang einer solchen Pandemie auf den Gesundheitsschutz im engen Sinne zu konzentrieren. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass wir am Ende alle die gleichen Rechte darauf haben, unser Leben führen zu können, das heißt unsere Pläne zu verfolgen und Dinge zu tun, für die wir uns unter Entbehrungen und Widrigkeiten ausgebildet haben. Deshalb müssen wir das Ganze breiter sehen und letztlich auch mit einem breiteren Begriff von Gesundheit arbeiten. Das bedeutet, dass wir bei unseren Überlegungen immer auch die weiteren Folgen für die von den Maßnahmen betroffenen Menschen zu berücksichtigen haben. Für Kinder, Schüler, Studierende, Kulturschaffende oder Gastronomen. Es kann nicht das Ziel sein, jede Infektion und jeden Tod um jeden Preis zu vermeiden.

ak[due]ll: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Steigleder: Ich denke, das Ziel muss darin bestehen, die Risikogruppen effektiv zu schützen und dabei ein größtmögliches Maß an Normalität zu bewahren oder wiederherzustellen. Das heißt, wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Wenn also der Schutz der Risikogruppen erst einmal sichergestellt ist, dann kommen wir irgendwann an den Punkt, wo wir sagen, dass von Seiten der weniger Gefährdeten genug getan ist. Der Gesundheitsschutz umfasst ja mehr als nur den Schutz vor Corona. Hier sind in der Vergangenheit viele Dinge zu kurz gekommen. Nicht nur, dass Behandlungen und Operationen verschoben wurden. Es wird auch oft übersehen, dass Bildung auf lange Sicht enorme Auswirkungen auf die Gesundheit eines Menschen hat. Es kommt also darauf an, das Ganze in größeren Zusammenhängen und in größerer Komplexität zu betrachten. Eine notfallgeleitete Blickrichtung auf den Gesundheitsschutz und den unmittelbaren Lebensschutz angesichts einer einzelnen Krankheit ist nicht alles.

ak[due]ll: Sie sprechen von Normalität als Ziel. Wie kann man sich das vorstellen?

Steigleder: Normalität bedeutet nicht, dass wir plötzlich so tun, als gebe es dieses Virus nicht. Das mag sich mit fortgeschrittenem Impfstand ändern, aber im Moment kommen wir nicht ohne begleitende Vorsichtsmaßnahmen aus. Dazu gehören auch Tests und eine verbesserte Nachverfolgung. Schauen wir als Beispiel auf die Schulen. Hier muss das Ziel sein, schnellstmöglich zum Präsenzunterricht zurückzukehren beziehungsweise diesen dauerhaft aufrechtzuerhalten. Dafür sind aber bestimmte Maßnahmen notwendig. Man muss die Klassen verkleinern, mehr testen – auch der Einsatz von Luftfiltern ist im Gespräch. Um dorthin zu kommen, ist also sehr viel zu organisieren. Normalität heißt nicht, dass am Ende wieder 30 Schüler auf engstem Raum zusammensitzen.

ak[due]ll: Die Corona-Pandemie bestimmt nun schon seit etwa anderthalb Jahren unseren Alltag. Wenn wir uns den politischen Umgang damit anschauen, wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Steigleder: Leider gehört es fast standardmäßig zu einer neuartigen Pandemie, dass sie zunächst „verpasst“ und am Anfang aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen heruntergespielt wird. Das heißt, am Ende bleibt fast gar keine andere Wahl, als sehr hart und mit weitreichenden Einschnitten in das Leben der Menschen einzugreifen. Es ist aber essenziell, dass diese Einschnitte von Anfang an als Ausnahme angesehen werden und so schnell wie möglich zu beenden sind. In einem Lockdown müssen die Verantwortlichen daher vom ersten Tag an daran arbeiten, dass man aus dieser Situation wieder herauskommt und die notwendigen Schritte einleitet, um zu einem annehmbaren Maß an Normalität zurückzukehren. Damit das schnell geschieht, müssen die erforderlichen Maßnahmen dann aber auch konsequent von oben nach unten um- und auch durchgesetzt werden. Das ist nicht optimal gelaufen. Der Grund dafür liegt meines Erachtens in bestimmten bürokratischen Strukturen und Vorschriften, die im Normalfall zwar ihren Zweck erfüllen, in einer Pandemie allerdings kontraproduktiv wirken. Denken Sie nur an die sogenannte Corona-App. Hier hätte man überlegen müssen, datenschutzrechtliche Bedenken angesichts einer akuten Notlage ersteinmal auszuklammern.

ak[due]ll: In den Medien wird derzeit viel über die Impfung als zentraler Baustein für eine Rückkehr zur Normalität diskutiert. Ihre Kollegin Alena Buyx vom deutschen Ethikrat hat in einem Interview gesagt, dass es eine moralische Pflicht gebe, sich gegen Corona impfen zu lassen. Wie sehen Sie das?

Steigleder: Diese Auffassung teile ich. Natürlich kommt es bei der Frage nach Impfungen immer auch auf das Verhältnis zwischen Wirksamkeit und Risiken an. Allerdings sieht es mit Blick auf die derzeit vorhandenen Impfstoffe danach aus, dass die mit ihnen verbundenen Risiken deutlich geringer sind als die Risiken, die sie verhindern. Außerdem müssen wir die Impfung als eine Art Gemeinschaftsaufgabe verstehen. Wenn wir mit Blick auf die Rechte von uns allen daran interessiert sind, ein Stück weit wieder in die Nähe der uns bekannten Normalität zu gelangen, dann brauchen wir einfach eine sehr breite Impfung. Insofern glaube ich, dass es für die, die es können, moralisch gesehen eine Pflicht gibt, sich impfen zu lassen.

ak[due]ll: Und gesetzlich?

Steigleder: Ob das klug wäre, ist eine andere Frage. Unter Umständen wäre eine gesetzliche Impfpflicht kontraproduktiv. Am Ende könnte ein solches Gesetz die gesellschaftliche Akzeptanz der Impfung gefährden und vielleicht sogar diejenigen abstoßen, die einer Impfung bisher lediglich zurückhaltend gegenüberstanden, ohne dass sie diese per se ablehnen würden. Ich denke, wenn wir hier mit Freiwilligkeit weit kommen können, sollten wir das auch weiter so handhaben. Das ändert allerdings nichts daran, dass es sich hierbei um eine Frage der Verantwortung gegenüber anderen handelt. Einerseits mit Blick auf das Infektionsgeschehen, aber auch mit Blick auf die Realisierung einer größtmöglichen Normalität. Wenn wir dorthin zurückkehren wollen, dann brauchen wir einfach einen sehr hohen Impfstand.

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