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WISSENSCHAFT

Ein Dislike für Social Media

Foto: privat
06.07.2018 13:00 - Julia Segantini

Morgen steht die Klausur an und trotzdem wandert der Blick immer wieder zum Smartphone. Nur schnell eine Nachricht beantworten, nur kurz Instagram checken, nur schauen, ob es was Neues auf Facebook gibt, schon ist es um die Konzentration geschehen. Aber wieso lassen wir uns so leicht von sozialen Medien ablenken und was können wir dagegen tun? akduell-Redakteurin Julia Segantini sprach darüber mit Christina Kößmeier aus dem Fachgebiet Wirtschaftspsychologie von der Fakultät für Ingenieurwissenschaften.

ak[due]ll: Was ist Gegenstand Ihrer Forschung und wie wurde Ihre aktuelle Studie durchgeführt?

Kößmeier: Ich bin seit August 2017 an der Universität Duisburg-Essen und untersuche seitdem im Rahmen meiner Promotion, wie Menschen durch Social Media abgelenkt werden. Beteiligt an der Forschung ist außerdem Professor Oliver Büttner. Die Studie umfasst eine Befragung von über 300 Teilnehmenden, wobei wichtig war, dass mal nicht nur Studierende dabei sind sondern Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Dieser Teil ist schon abgeschlossen und demnächst folgen die Experimente.

ak[due]ll: Wie verursacht Social Media Ablenkung?

Kößmeier: Für jeden gibt es unterschiedliche Gründe. Eine häufige Situation: Man hat eine Aufgabe zu erledigen – zum Beispiel als Studierender die Klausurvorbereitung. Das Handy ist eigentlich immer mit dabei und man ist auch am PC eingeloggt, dadurch wird man leicht abgelenkt. Tendenziell würde ich sagen, dass Studierende oder Jüngere besonders betroffen sind. Die meiste Forschung ist tatsächlich auch an Studierenden durchgeführt worden. Ich denke, diese Gruppe ist deshalb so relevant, weil sie impulsiver ist, Social Media viel nutzt und es wichtig findet, immer wieder etwas Neues zu erfahren und deshalb schnell in das ablenkende Verhalten abrutscht. Man möchte mit Leuten in Kontakt stehen, direkt antworten, herausfinden, was andere gerade so machen und was aktuell so passiert. Man hat Angst, etwas zu verpassen. Social Media wird also genutzt, um sozialen Bedürfnissen nachzugehen, um sich mit anderen Menschen zu verbinden. Ein anderer Grund für die Nutzung ist, dass man einer unangenehmen Tätigkeit aus dem Weg gehen möchte, gelangweilt ist, sich ablenken oder Spaß haben möchte. In einer Studie von Rosen und Kolleg*innen aus dem Jahr 2013 sollten Schüler*innen und Studierende ihre Freund*innen für 15 Minuten beim Lernen beobachten. Niemand der Beobachteten schaffte es, annähernd 15 Minuten nicht auf das Handy zu schauen. Der beste Wert lag bei sechs Minuten. Und das, obwohl sie wussten, dass sie beobachtet wurden und obwohl es nur ein Zeitfenster von 15 Minuten war. Daran sieht man auch den Sogeffekt, den Social Media haben kann.

ak[due]ll: Welche Folgen kann eine starke Ablenkung durch Facebook, Instagram und Co. haben?

Kößmeier: Zum Beispiel kann das Auswirkungen auf den Notendurchschnitt haben (Anm. d. Red.: Eine weitere Studie dazu findet ihr hier.). Andere Forscher*innen haben festgestellt, dass auch das Wohlbefinden beeinträchtigt werden kann. Was den negativen Einfluss auf das Glücklichsein angeht, ist die Forschung bisher aber noch sehr vage. Allgemein stellt die Forschung aber eine negative Tendenz fest. Eine Social Media-Sucht ist eher schwierig festzustellen, da die Abgrenzung zwischen normaler und übermäßiger Nutzung uneindeutig ist, besonders da heutzutage viele Menschen starke Nutzer*innen sind und man dann ja vielleicht schon sagen müsste, dass alle Menschen abhängig sind oder eben keiner. Der Suchtbegriff müsste da neu definiert werden. Auch an anderer Stelle verschwimmen die Grenzen. Manche nutzen Social Media beim Lernen, zum Beispiel für Lerngruppen, so kann es dann auch hilfreich sein. Es passiert aber schnell, dass man dann ins Prokrastinieren hinein verfällt. Der frühere Google-Angestellte Tristan Harris hat herausgefunden, dass das Internet bzw. Social Media designt ist, um abhängig zu machen und dafür zu sorgen, dass man permanent online ist. Allein schon, weil Social Media eben von hoher Aktivität lebt und man immer wieder getriggert wird, etwas Neues zu erfahren. Leider kann man noch nicht absehen, welche Langzeitfolgen es geben kann. Es gibt Studien, die besagen, dass die Konzentration immer weiter abnimmt und das stimmt zu einem gewissen Grad auch; das heißt aber nicht, dass früher alles besser war. Bei jedem neu eingeführten Medium gab es erst einmal einen großen Aufschrei. Das war zum Beispiel auch so als das Buch aufkam, da wurde gesagt, dass die Leute sich jetzt nichts mehr merken könnten.

ak[due]ll: Was kann ich tun, wenn ich merke, dass ich mich ablenken lasse?

Kößmeier: Die Untersuchungen haben ergeben, dass die häufigste Methode war, die Töne auszustellen, den Display umzudrehen und die Benachrichtigungen auszustellen. Am besten ist es aber, wenn man das Smartphone gar nicht sehen kann. Wenn ich es sehe, gucke ich ständig darauf, sehe Benachrichtigungen und denke auch daran. Dann zum Lernen zurückzukehren funktioniert nicht. Allein das Handy aus dem Sichtbereich zu nehmen reicht aber unter Umständen nicht. Man kann intern, aber auch extern abgelenkt werden. Intern bedeutet: Man geht einer Aufgabe nach und dann denkt man: „Ach ja, ich wollte ja noch XY schreiben oder dieses und jenes nachschauen“, man lenkt sich also von sich aus ab. Externe Ablenkung bedeutet, dass ich dadurch abdrifte, dass mein Smartphone aufleuchtet, weil ich eine Benachrichtigung von jemandem bekommen habe. Dann kann es helfen, entweder das Internet auszuschalten oder das Handy gleich in einem anderen Raum zu lassen.

ak[due]ll: Ein zentraler Begriff Ihrer Forschung ist auch die Selbstregulierung. Was meinen Sie damit?

Kößmeier: Es geht darum, selbstbestimmt Social Media zu nutzen und Selbstkontrolle zu üben. Das bedeutet, sich nicht jeder Versuchung, die soziale Medien einem bieten, hinzugeben, sondern dass man sein Verhalten dahingehend selbstbestimmt managt. Das ist aber schwierig, weil die Social Media-Nutzung ein gelerntes und habitualisiertes Verhalten ist; das macht man automatisch ohne viel darüber nachzudenken. Im weiteren Verlauf meiner Studien stellt sich dann hoffentlich noch heraus, welche hilfreichen Strategien es dafür geben kann. Aus meiner Sicht müsste man nicht die Social Media-Nutzung per se mindern, sondern vielmehr schauen, wie man das bewusster machen kann und sich nicht immer von der eigentlichen Sache ablenken lässt. Das sofortige Reagieren auf Benachrichtigungen ist das eigentliche Problem.

 

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