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WISSENSCHAFT

|Theorieklatsche|

06.07.2018 16:00 - Britta Rybicki

Schulbildung, die steigende Kriminalitätsrate und die Vermarktung von Kunst und Kultur – Antiamerikanismus hat viele Gesichter. Wir haben uns die strukturelle, gesellschaftliche Abwertung von dem Soziologen Heiko Beyer erklären lassen:

„Der Antiamerikanismus ist sozusagen, wie André Glucksmann es einst ausdrückte, eine Art Zwilling des Antisemitismus“, sagt Beyer. Beide vertreten sehr ähnliche stereotypische Bilder und treten seit Ende des 19. Jahrhunderts häufig zusammen auf. Antiamerikanismus ist hierzulande gesellschaftsfähig. Mal in seiner kultur-konservativen, mal in seiner antiimperialistischen Spielart. Was macht eine Aussage aber zu einem antiamerikanischen Vorurteil?

Für den Hinterkopf: Es handelt sich um die Abwertung einer Gesellschaft, ihrer Politik und ihrem Lebensstil, die sich aus drei Bausteinen zusammensetzt. Der erste Klotz: Einstellungen. „Welche Überzeugungen oder Gefühle Personen Amerikaner*innen gegenüber haben“, sagt Beyer. Die Überzeugung, Amerikaner*innen seien viel dümmer als Europäer*innen oder Deutsche und Hass auf alles, was als typisch amerikanisch wahrgenommen wird, sind mit ziemlicher Sicherheit dem Antiamerikanismus zuzuordnen.

Klotz Nummer zwei: Individuelle und kollektive Handlungen. Angefangen bei Diskriminierung von amerikanischen Menschen bis hin zu Terrorgewalt gegen Institutionen. Beide Aktionen passieren aus einer antiamerikanischen Motivation heraus. „Die dritte Dimension bezeichnet den Diskurs“, sagt Beyer. Klotz Nummer drei ist also alles, was öffentlich laut gedacht wird. „Der Unterschied zu einer normalen Kritik ist die ganzheitliche Abwertung“, so Beyer.

Deswegen ist es nicht nur Donald Trump, der für einen gnadenlosen Kapitalisten und für „den Amerikaner“ gehalten wird. Laut antiamerikanischer Vorurteile sei die amerikanische Kultur oberflächlich, jeder Mensch dort eigennützig und egoistisch und allgemein seien sie an so ziemlich jedem Weltkonflikt schuld, der jemals ausgetragen wurde. An der Vermarktung von Kunst und Kultur und der schlechten Schulbildung ebenfalls.

Beim Antiamerikanismus werden die Amerikaner*innen zum Sündenbock für komplexe Probleme. „Außerdem führt vor allem in autoritären Gesellschaften und Gruppen unterdrücktes Begehren oft dazu, dass dadurch bestehender Selbsthass auf Amerikaner*innen projiziert wird, die das Begehrte scheinbar ausleben.“

Der 11. September ist ein Beispiel für eine Konsequenz aus dieser feindlichen Haltung. Radikale Gruppen wie extreme Rechte oder fundamentalistische Islamist*innen teilen die Ablehnung des Westens. Menschenrechte sowie die kulturelle Heterogenität gefährden ihre autoritären sozialen Ordnungen. „Das wären zum Beispiele Rechte, die sich Frauen oder Homosexuelle erkämpft haben.“ Beide wünschen sich stattdessen die klassischen Geschlechterrollen aus der Steinzeit zurück. „Man kann gewissermaßen sagen, dass der autoritäre Antiamerikanismus Kern einer eine Antigleichheitsideologie ist“, sagt Beyer.

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