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WISSENSCHAFT

Das Auge im Blick

Großen Menschenaffen wie Schimpansen können die Blicke ihrer Artgenossen deuten. [Foto: pixabay]

06.07.2021 15:09 - Mona Belinskiy

Die Hypothese der kooperativen Augen - Ein seit Jahrzehnten etablierter Erklärungsansatz für die Erscheinung des menschlichen Auges. Laut ihm soll das helle Augenweiß für den Menschen einzigartig sein und unserem kooperativen Leben zugrunde liegen. Zoologe Kai Caspar hat die Hypothese mit einem Team der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Universität Zürich in einer neuen Studie auf die Probe gestellt. 

Blicke sagen mehr als tausend Worte. Ein Sprichwort, das, laut der “kooperativen Augen Hypothese” nur für uns Menschen stimmen könnte. Für uns spielen die Augenbewegungen in der Kommunikation mit unserem Gegenüber eine wichtige Rolle. Durch unsere weiße Lederhaut, auch Sklera genannt, hebt sich die Iris deutlich ab. So ist die Bewegung des Auges leichter erkennbar und wir können effektiv Blicksignale sammeln und vermitteln. Mit diesem Merkmal steht der Mensch unter den Primaten allein dar – so die Annahme. 

Die Entstehung der Hypothese 

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„Bereits in den 80er Jahren gab es erste anekdotische Erwähnungen von Zoologen, die eine Unterscheidung zwischen der Lederhaut des Menschen und der des Affen machten“, erklärt Studienleiter Kai Caspar der UDE. Nach weiteren Forschungen in den 90er Jahren folgte die Vermutung, dass die Einzigartigkeit der brillantweißen Sklera des Menschen kein Zufall sein kann. „Mit der weißen Lederhaut würden wir unsere Blickrichtung bewerben. Andere Primaten würden sie eher verbergen. Um den Blick zu maskieren sei ihre Sklera bräunlich bis schwarz“, fasst Caspar zusammen. „Das hätte damit zu tun, dass der Mensch in einer kooperativen Gruppe lebt und andere Primaten in einer kompetitiven.“ Aus dieser Annahme wuchs die “cooperative eye hypothesis”. „Sie besagt, dass unsere Augen besonders gefärbt und in der horizontalen erweitert sind, um mit Artgenossen zu kooperieren“, beschreibt der Zoologe. 

„Uns ging es darum, eine weitverbreitete und etablierte Hypothese zu testen.“ Dass die Hypothese bislang nicht hinterfragt wurde, könne laut Caspar daran liegen, dass es ein simpler und schlüssiger Erklärungsansatz sei. Der Studienleiter und sein Team sind nun die ersten, die den Ansatz in diesem Rahmen untersucht haben. „Man hatte eine alte, etablierte Idee ohne Datenbasis. Diese wollten wir jetzt herausfordern. Und wie sich gezeigt hat, auch zurecht“, sagt Caspar.  

„Was wir gefunden haben, passt nicht zusammen“ 

In der Studie haben sich die Forschenden aus Zoologie und Anthropologie anhand von Fotos die Sklera-Pigmentierung von Menschenaffen angesehen, die Kontrastwerte verglichen und untersucht, ob die Sklera Färbung mit dem Kooperationsverhalten korreliert. „Wir hatten drei Gruppe, die sich in ihrer Kommunikationsfähigkeit unterscheiden. Zum einen die Menschen, die stark über die Augen kommunizieren. Die großen Menschenaffen, wie Schimpansen, bei denen der Blick eine untergeordnete Rolle spielt. Und die Gibbons, die kleinen Menschenaffen, für sie haben Blicke keine kommunikative Bedeutung“, erklärt der Studienleiter. Glaube man der Hypothese, müssten dementsprechend stark die Unterschiede in der Pigmentierung ausfallen: Je heller die Sklera, desto bedeutender das Auge in der Kommunikation. 

„Was wir gefunden haben, passt nicht zusammen. Es gab nicht diese erwartete Dichotomie, in der die Menschen und die anderen Primaten separat voneinander zu betrachten sind. Die Unterschiede sind eher gradueller als kategorischer Natur“, erklärt Caspar. Somit lasse sich weder ein Zusammenhang zwischen Sklera-Farbe und kommunikativen Zwängen herstellen, noch sei das menschliche Augenweiß einzigartig. „Interessant ist, dass die Pigmentierung innerhalb einer Art große Unterschiede aufweist. Beim Menschen gibt es nur eine weiße Sklera“, fasst der Zoologe zusammen. 

Neue Erklärungsansätze nötig 

Geht man von der gängigen Annahme aus, dass die Aufhellung der Sklera aufgrund effektiver Verständigung entstanden ist, wäre das laut Caspar eine Entwicklung, die durch natürliche Selektion gesteuert wurde. „Das ist etwas, das wir verwerfen. Wir argumentieren eher mit dem genetischen Drift, also mit Zufallsereignissen, und mit der sexuellen Selektion.“ Doch mit neuen Erklärungsansätzen halten sich die Forschungsteams zurück. „Es gab eine anekdotische Evidenz und wir können dazu jetzt eine solide Datenbasis vorweisen. Wir können mit einer präzisen Sicherheit sagen, dass kommunikative Faktoren nicht, wie vorher angenommen, zur Aufhellung der Sklera beigetragen haben“, sagt Kai Caspar. Um das zu klären bräuchte man die Zusammenarbeit mit anderen Forschungsbereichen und eine größere Artenstichprobe.
 

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