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WISSENSCHAFT

Danke Gehirn, dass du lesen kannst!

Das Hirn auf Hochleistung [Symbolbild: Pixabay]

13.05.2019 11:15 - Julia Segantini

Ob als Hobby, im Studium oder am Smartphone: Lesen gehört fest zu unserem Alltag. Aber was passiert in unserem Gehirn, wenn wir lesen? Professor Dr. Peter Matussek gibt an der Universität Siegen unter anderem die Vorlesung Medienästhetik der Schrift. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Leistung unser Gehirn erbringen muss, um Worte zu verstehen.

Die meisten von uns lernen in der Grundschule, zu lesen, mittlerweile geschieht das von selbst. Es fällt fast schon schwer, Worte zu betrachten, ohne sie automatisch zu lesen. Aber was passiert da genau in unserem Kopf? Die Anthropologie der Schrift untersucht die menschliche Fähigkeit der Schriftverwendung. Diese wiederum setzt bei den drei Lernstufen des Lesens und ihre Anfälligkeit für Lesefehler an.

Wie lernen wir Lesen?

Der erste Schritt beim Lesenlernen ist laut Professor Dr. Matussek das logographische Lesen: „Ein Kind entnimmt aus visuellen Anzeichen, um welches Wort es sich handelt. Zum Beispiel wird der typische Coca-Cola-Schriftzug als Coca-Cola gelesen, auch wenn er zu Cola-Coca, Calo-Coco oder Caca-Caca verfremdet ist. Diese Art der Merkmalserkennung bleibt beim Lesen stets involviert.“ Die zweite Stufe sei das alphabetische Lesen, bei dem das Wort seriell entziffert, also Buchstabe für Buchstabe gelesen wird. Dies stelle nur eine Übergangsphase dar, so Matussek.

Das orthographische Lesen stelle den dritten Schritt beim Lesenlernen dar und entspreche wieder mehr dem ersten Schritt, erläutert er. „Geübte Leser achten nicht mehr auf jeden einzelnen Buchstaben, sondern auf die gesamte Wortgestalt“, erklärt der Medienwissenschaftler. Das bedeutet: Weil Buchstaben nicht individuell betrachtet werden, bleiben Buchstabendreher unbemerkt, weil das Wort als Ganzes wahrgenommen wird. Lesefehler entstehen also dadurch, dass „ganze Worte je nach Erfahrungshintergrund des Lesers modifiziert werden“, Ungenauigkeiten also unbewusst vom Lesenden ausgeglichen werden, da er*sie das Wort durch Erfahrungen sozusagen erraten kann.

Was das Gehirn dabei leistet

Die Gründe für Lesefehler werden noch deutlicher, wenn man betrachtet, welche Gehirnareale für das Lesen zuständig sind. „Beim Lesen wird zunächst der Visuelle Kortex im Hinterkopf aktiviert. Von dort werden die Signale an verschiedene Gehirnregionen weitergeleitet, die spezielle Analysefunktionen übernehmen“, erläutert Matussek. Für das bloße Verstehen von Worten ist das Wernicke-Areal im hinteren Teil des Gehirns zuständig. Beim Sprechen und bei der grammatischen Analyse arbeitet hingegen das Broca-Areal, das im vorderen Bereich liegt. Für den Vorgang der Schrifterkennung sei vor allem die untere Schläfenregion im Hinterhaupt verantwortlich. „Untersuchungen an Patienten mit Alexie („Wortblindheit“, also die Unfähigkeit zu lesen, weil Buchstaben, Wörter oder Sätze nicht erkannt werden können) haben gezeigt, dass diese Region speziell auf Schriftzeichen reagiert“, so Matussek. Alle Leistungen finden in der dominanten Gehirnhälfte – bei Rechtshändern ist das die linke – statt.

„Im normalen Lesetempo können wir also gar nicht alles scharf sehen, weil die Passagen zwischen den Fixationen unscharf bleiben.“

Aber auch die andere Gehirnhälfte sei an Sprachwahrnehmung und -verarbeitung beteiligt. „Sie reagiert auf atmosphärische und emotionale Aspekte der Sprache, zum Beispiel Klangfarben oder Sprachmelodie“, verdeutlicht er. Viele der genannten Funktionen seien bereits im Gehirn angelegt, würden also nicht erst mit dem Spracherwerb ausgebildet, so der Medienwissenschaftler. „Sie bilden die neuronale Grundlage für Erwartungssysteme des Gehirns – sogenannte Heuristiken, die während der Sprach- oder Schriftwahrnehmung Vermutungen über deren Sinn bereitstellen und damit das Verständnis sehr beschleunigen.

“Versuche man einen Text zu lesen und die Buchstaben gleichmäßig der Reihe nach durchzugehen, spüre man, dass die Augäpfel keine linearen Bewegungen machen, sondern ruckartig hin- und herspringen. „Das ist die natürliche Lesebewegung unserer Augen. Sie vollzieht sich unter Normalbedingungen immer in solchen Sprüngen, sogenannten Saccaden“, so Matussek. „Die Saccaden sind in der Regel zwischen fünf und 20 Buchstaben weit und dauern durchschnittlich neun Millisekunden. Die Fixationen, also die Momente, in denen das Auge still steht, um bestimmte Stellen eines Textes zu fixieren, dauern 220 Millisekunden. Zum Vergleich: ein Lidschlag dauert zirka 100 Millisekunden.“ Beim Lesen stünde das Auge zu etwa 90% der Zeit still: „Im normalen Lesetempo können wir also gar nicht alles scharf sehen, weil die Passagen zwischen den Fixationen unscharf bleiben.“

Bildquelle: lizensfreies Bild, pixabay

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