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WISSENSCHAFT

Corona: So schätzt Virologe Ulf Dittmer die Lage ein

Prof. Dr. Ulf Dittmer ist Direktor des Instituts für
Virologie an der Uniklinik Essen. [Foto: privat]
08.09.2020 12:04 - David Peters

Im August sind die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus angestiegen, inzwischen hat sich die Lage wieder stabilisiert. Wir haben mit dem Virologen Prof. Dr. Ulf Dittmer von der Uniklinik Essen über die aktuelle Lage, Impfstoffe und eine mögliche Abschwächung des Coronavirus gesprochen. 

Ak[due]ll: Wie sehen Sie die Entwicklung der Corona-Pandemie in den letzten Wochen?

Prof. Dr. Ulf Dittmer: Nachdem die exponentielle Verbreitung des Virus im April gestoppt wurde, haben wir einen deutlichen Rückgang der Infektionszahlen im Juni und Juli gesehen. Jetzt steigen die Neuinfektionszahlen allerdings wieder an. Das hat verschiedene Gründe, wie zum Beispiel die Reiserückkehrer oder jüngere Menschen, die sich nicht mehr so vorsichtig verhalten. Diese stellen einen Großteil der Infizierten. Dazu kommt auch, dass mehr Coronatests durchgeführt, und dementsprechend mehr Infizierte nachgewiesen werden konnten. Jetzt, wo die Urlaubssaison vorbei ist, steigen die Zahlen erstmal nicht weiter. Das trägt zu einer Stabilität der jetzigen Lage bei.

Ak[due]ll: Lässt sich abschätzen, wie groß die Problematik der Urlaubsrückkehrer:innen gewesen ist?

Dittmer: Zum Anfang der breiteren Tests bei Urlaubsrückkehrern hieß es, dass diese nur rund 20 Prozent der Neuinfektionszahlen ausmachen. Aber mit steigender Zahl von rückgekehrten Urlaubern stieg die Zahl auf rund 60 Prozent. Zu dem Zeitpunkt haben die Reiserückkehrer einen Großteil der Neuinfektionen ausgemacht.

Ak[due]ll: Ließ sich durch die Rückkehr zum Präsenzunterricht in Schulen ebenfalls ein Anstieg der Infektionszahlen nachweisen?

Dittmer: Ich kann das natürlich besonders gut für Essen beurteilen, weil ich die meisten Fälle hier auch kenne. In Schulen und Kindergärten haben wir bisher keine großen Infektionsketten gehabt. Mir ist eigentlich kein einziger Fall bekannt. Es war klar, dass man einzelne Infektionen bei Lehrkräften, Schülern oder Kita-Kindern finden wird. Die Infektionen, die wir hatten, waren aber immer Einzelfälle und es gab keine weiteren infizierten Personen. Das sind Zahlen, die man so auch im Rest der Bevölkerung findet. Wir haben in den Bildungseinrichtungen – zum Glück – keine Infektionsketten gesehen. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder sind die Hygienemaßnahmen sehr wirksam, weil sich das Virus in den Schulen nicht weiterverbreitet, oder – und das wissen wir aus anderen Studien – dass sich jüngere Kinder nicht so einfach mit dem Virus infizieren.

Ak[due]ll: Wie schätzen Sie die weiteren Entwicklungen ein?

Dittmer: Es kann im Herbst und Winter zum Problem werden, dass sich das Virus jetzt weiter in der Bevölkerung verbreitet hat. Das kann dazu führen, dass an verschiedenen Stellen wieder Infektionsketten entstehen. Das ist eine andere Situation, wie wir sie zum Anfang des Corona-Virus in Deutschland hatten, als einzelne Personen das Virus von außen eingetragen haben.

Die Lage hat sich gerade einigermaßen stabilisiert. Der entscheidende Parameter ist auch, dass wir in den Krankenhäusern keine Krisensituation haben. Es ist so, dass wir aktuell mehr Patienten haben, die therapiert werden, als es noch im Juni und Juli der Fall war. Das sehen wir hier in Essen auch. Die Zahlen sind aber nicht sehr hoch, ebenso die Zahlen der Schwererkrankten.

Ak[due]ll: Die Lage ist also stabil, aber Besserung ist noch nicht in Sicht?

Dittmer: Im Vergleich zu den Monaten März und April haben wir eine deutliche Besserung. Es sind viel weniger Corona-Patienten in den Krankenhäusern und es sterben auch weniger Personen. Wir müssen aber gucken, was die aktuellen Zahlen für den Herbst und Winter bedeuten. Diese führen aber nicht dazu, dass unser Gesundheitssystem überfordert ist – überhaupt nicht.

In den Schlachthöfen haben wir feststellen können, dass sich das Virus am besten bei rund zehn Grad Celsius ausbreitet. Und natürlich breitet sich das Virus auch in geschlossenen Räumen schneller aus. Im Herbst und Winter werden also optimalere Bedingung bestehen, als es jetzt der Fall ist.

Ak[due]ll: Für 2021 wurden die ersten Impfstoffe gegen das Coronavirus angekündigt. Kann man abschätzen, wie lange uns das Coronavirus in der Form noch beschäftigen wird?

Dittmer: Die Impfstoffentwicklung ist sehr ermutigend – es sind sechs Impfstoffe in der letzten Untersuchungsphase. Das sieht vielversprechend aus und wir werden wahrscheinlich nicht nur einen, sondern mehrere Impfstoffe haben. Das ermöglicht es, schneller eine größere Menge der Impfstoffe zu produzieren. Wenn wir Zulassungen für diese Impfstoffe Ende des Jahres haben, müssen trotzdem erstmal viele Impfdosen produziert und die Bevölkerung geimpft werden. Vielleicht werden in diesem Winter schon die ersten Personen geimpft sein, wie Risikogruppen oder Beschäftigte im Gesundheitswesen, aber eben noch nicht flächendeckend. Dann kommt es auch darauf an, wie viele Personen sich überhaupt impfen lassen. Es kann sein, dass wir uns auch im Winter 2021 mit dem Virus beschäftigen müssen, wenn sich zum Beispiel nur 50 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Für eine Herdenimmunität, bei der sich das Virus nicht mehr effizient ausbreiten kann, weil genug Personen geimpft sind, braucht es Impfraten die deutlich über 70 Prozent liegen.

Ak[due]ll: In anderen Medien wurden Sie zitiert, dass es möglicherweise eine Abschwächung des Corona-Virus gäbe.

Dittmer: Da bin ich in einem Medium sehr verkürzt zitiert worden. Es ist so, dass wir genetische Veränderungen bei dem Virus sehen. Das ist auch völlig normal für einen RNA-Virus. RNA ist genetisch relativ instabil und verändert sich dauernd. Bei RNA-Viren lässt sich quasi Evolution in Echtzeit beobachten. Es gibt auch einzelne Fallbeschreibungen, bei denen veränderte Viren schwächere Krankheitsverläufe verursachen. Das sind aber bisher lokale Ereignisse. Wie lange das dauert, bis ein neues Virus entsteht, das abgeschwächt ist und das jetzt Vorherrschende verdrängen kann, ist schwer einzuschätzen. Da reden wir vermutlich über mehrere Winter und nicht nur ein paar Tage oder Wochen.

Ak[due]ll: Wenn sich das Virus laufend verändert, könnte es sich auch zum Negativen entwickeln?

Dittmer: Das kann man nicht voraussagen. Die Fälle, die man lokal beobachtet hat, deuteten alle auf eine Abschwächung hin. Das macht aus evolutionärer Sicht auch Sinn, deswegen besteht Hoffnung, dass es sich abschwächt. Die schweren Erkrankungen sind die, wo das Virus tief in der Lunge sitzt. Von da aus kann das Virus aber schlechter weitere Personen infizieren. Die Reproduktionsrate eines Virus, das tief in der Lunge sitzt, ist deutlich niedriger als bei einem, das beispielsweise in der Nase sitzt. Das zeigt auch der Vergleich des jetzigen Virus mit dem Virus SARS-CoV-1. Die Reproduktionsrate des jetzigen Virus lag zu Anfang in Wuhan bei fast 4 – also eine infizierte Person hat vier weitere Menschen infiziert. Bei SARS-CoV-1, das fast immer tief in der Lunge saß, lag die Rate nur bei rund 1,5. Ein Virus mit einer Reproduktionsrate von 4 oder sogar mehr, würde ein Virus verdrängen, das eine Reproduktionsrate von 1,5 hat, aber schwere Erkrankungen verursacht. Insofern ist die Hoffnung, dass es evolutionär sinnvoller für das Virus ist, wenn es nur im Nasen-Rachen-Trakt sitzt und sich von dort aus schnell verbreitet, dabei aber keine schlimmen Erkrankungen mehr verursacht.

Ak[due]ll: Dann würde es also höhere Infektionszahlen geben, aber schwächere Krankheitsverläufe?

Dittmer: Genau. Wir haben vier andere Corona-Viren, die jeden Winter in Deutschland zirkulieren. Keiner von uns weiß, ob die nicht auch mal so gestartet sind, wie das jetzige Virus und sich dann letztlich so verändert haben, dass sie nur noch Erkältungskrankheiten verursachen.

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