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WISSENSCHAFT

Klimawandel in Romanen

Das Forschungsprojekt der Anglistik wird von der VolkswagenStiftung gefördert. [Foto: pixabay]

21.04.2021 10:29 - Saskia Ziemacki

Der Klimawandel ist inzwischen allgegenwärtig: sei es auf Fridays for Future Demonstrationen oder in der Literatur. Das von der Universität Duisburg-Essen (UDE) geleitete Projekt „Climate Change Literacy“ erforscht den Einfluss, den Klimawandelromane auf uns haben und erarbeitet ein neues Konzept von Klimawandel-Kompetenz aus literaturwissenschaftlicher Perspektive.

„Die Angst vor dem Klimawandel ist bei Studierenden und jungen Menschen inzwischen existenziell“, ist sich Prof. Dr. Jens Martin Gurr (UDE) sicher. Gemeinsam mit UDE-Gastprofessorin Julia Hoydis, die das Projekt „Climate Change Literacy“ leitet und Juniorprofessor Roman Bartosch (Universität Köln) untersuchen die Anglist:innen, was Romane zum Verständnis von Klimawandel beitragen. Gefördert wird das Projekt mit 140.000 Euro von der Förderlinie „Originalitätsverdacht“ für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften der VolkswagenStiftung, bei der es sich als eines von nur 22 aus insgesamt 272 Anträgen durchsetzen konnte.

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Climate Literacy und Climate Change Fiction

Der Begriff „Literacy“ ist in den letzten Jahrzehnten von den Naturwissenschaften übernommen worden. „Data-” oder „Risk Literacy“ bezeichnen einen kompetenten, aber quantitativen Umgang mit Daten. „Wir wollen den Begriff sozusagen kultur- und literaturwissenschaftlich zurückerobern“, so Gurr, um aufzuzeigen, was Texte qualitativ leisten. Dabei bedienen sie sich des Genres Climate Change Fiction, kurz Cli-Fi, was als Nachfolger von Science-Fiction und Dystopian-Fiction angesehen werden kann. Diese Kategorien liegen jedoch quer zueinander. So kann ein Roman den Klimawandel behandeln und gleichzeitig dystopisch sein. Eine Dystopie muss aber nicht immer etwas mit Klima zutun haben.

„Wir untersuchen bewusst Romane verschiedener Subgenres von Climate Change Fiction“, erklärt Gurr. Dabei stellen die Anglist:innen sechs englischsprachige Romane in den Fokus: Ian Mc Ewans „Solar“, Barbara Kingsolvers „Flight Behaviour“, „The Windup Girl“ von Paolo Bacigalupi, „A Friend of the Earth“ von T.C. Boyle sowie Kim Stanley Robinsons „Forty Signs of Rain“ und Nathaniel Richs „Odds Against Tomorrow”. Ausgewählt wurden diese Romane nach einer empirischen Studie, die aufzeigt, was in den letzten Jahren am häufigsten in Seminaren, in Lesezirkeln und in der Schule gelesen wurde.

Climate Change plus X

„Die wirklich interessanten Romane sind nicht einfach die, in denen es um Klimawandel geht, sondern die, die Klimawandel plus X behandeln“, führt Gurr aus. Also das Thema des Klimawandels mit weiteren Themen verbinden: etwa dem globalen Finanz- oder Wissenschaftssystem, Fragen von sozialer Klasse oder des ökonomischen Strukturwandels. Eine wesentliche Leistung von Literatur besteht dabei darin, dass das globale, schwer fassbare Problem des Klimawandels auf ein individuelles Leben heruntergebrochen wird. Romane aus den frühen 2000er Jahren haben mit Schockmomenten und der drohenden Apokalypse gearbeitet, da damals viele noch nicht nicht wussten, ob am Klimawandel etwas dran ist oder die dachten, er betreffe sie nicht.

jpeg.jpgDer Anglist Prof. Dr. Jens Martin Gurr (UDE) ist Teil des Projekts „Climate Change Literacy“. [Foto: Jens Martin Gurr]

Das Bewusstsein, was Literatur leisten kann, ist ein anderes geworden, weil das Angstmachen nicht mehr nötig ist. Daher setzen viele Klimawandelromane nicht mehr auf eine entfernte Zukunft, in der ein globales Klimadesaster zu Massenmigration und zum Zusammenbruch der Gesellschaft führt. Stattdessen behandeln sie ein Risikonarrativ in einer Gegenwart, die der unseren nahekommt. Auch die Protagonist:innen haben sich verändert. So wird in „Solar“ von Ian Mc Ewan nicht der sympathische Klimaheld, der die Welt rettet, beschrieben: Der Protagonist ist Frauenverächter, undiszipliniert, lügt, plagiiert und beutet seine Leute aus. „Gerade an dieser hochproblematischen Wissenschaftler-Figur und seiner Unfähigkeit, sein eigenes Leben vernünftig zu gestalten, wird vorgeführt, wie schwierig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis und im eigenen Leben umzusetzen”, beschreibt Gurr. Das mache den Roman so interessant.

Wer liest Klimawandelromane und was sollen sie bewirken?

Inzwischen sind die meisten jungen Menschen über den Klimawandel aufgeklärt. Grafiken zeigen, dass das Klima in den letzten Jahren deutlich wärmer geworden ist. Seit 2015 gab es extrem trockene Sommer und selbst in Deutschland lagen die Temperaturen wochenlang regelmäßig bei 35 Grad. „Die Klimawandelliteratur hat natürlich auch das Problem, dass sie ein ‚Predigen für die bereits Bekehrten‘ ist“, so Gurr. Wer also nicht an den Klimawandel glaube, der würde vermutlich auch nicht die Romane lesen.

Die Frage sei also eher, ob Romane es schaffen, zwischen dem Klimawandel als globalem, schwer fassbarem Großproblem und individueller Erfahrung zu vermitteln. Denn viele verdrängen das Problem: Sie denken – oder reden sich ein – als einer von über sieben Milliarden Menschen eh nichts Wesentliches beitragen zu können. „Im Prinzip ist ihnen bewusst, was sie tun müssten, aber sie tun es nicht. Die Sozialpsychologen nennen das ‘Mind-Behaviour Gap’“, erklärt Gurr – die Lücke zwischen theoretischem Wissen und praktischer Umsetzung. Es geht in Romanen also eher darum, zu zeigen, was man tun kann. Menschen engagieren sich bei Fridays for Future-Demonstrationen nicht aus einem abstrakten Problembewusstsein heraus, sondern weil sie wirklich Angst haben. „Insofern ändert sich auch in den Romanen etwas“, so Gurr.

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