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WISSENSCHAFT

Besser schlafen – mit einer App

Besser als Kaffee und Mate: genügend Schlaf.

[Symbolbild: pixabay]

21.10.2019 23:34 - Julia Segantini

Wenn der*die Ärtz*in eine App verschreibt – das klingt nach Zukunft, könnte aber schon bald Realität sein. Prof. Dr. Christoph Schöbel hat die neue Professur für Schlafmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen übernommen und forscht an digitalen Behandlungsmethoden für Schlafstörungen. Wie diese entstehen und warum Schlaf überhaupt wichtig ist, erklärt er im Interview mit akduell-Redakteurin Julia Segantini. 

ak[due]ll: Schlafmedizin beschäftigt sich viel mit Schlafstörungen. Welche kommen am häufigsten vor? 

Schöbel: Besonders häufig ist die Insomnie. Das sind chronische Ein- und Durchschlafstörungen, die keine körperliche Ursache haben. Körperlich heißt zum Beispiel: schlafbedingte Atemstörungen – die Schlafabnoe – oder schlafbezogene Bewegungsstörungen – Beinbewegungsstörungen. Diese müssen als erstes behandelt werden. 

ak[due]ll: Schlafstörungen können also auch andere Ursachen als körperliche haben?

Schöbel: Es gibt ganz viele Wechselwirkungen. Schlafstörungen sind häufig Medikamentennebenwirkungen oder wenn was mit der Hormonproduktion nicht stimmt, zum Beispiel bei einer Schilddrüsen Über- oder Unterfunktion. Eine Schlafstörung kann jeder mal haben, weil Schlaf leider recht empfindlich ist. Bei Stress hat fast jeder von uns, je nachdem, wie wir diese Dinge verarbeiten, eine Zeit lang eine Schlafstörung. Man muss dann genau gucken, wie lange diese anhält. Wenn sie an der Mehrzahl der Tage pro Woche für mindestens drei Monate anhält und der Patient auch tagsüber beeinträchtigt ist, spricht man von einer chronischen Schlafstörung. 

ak[due]ll: Kommt Schlaf auch im Medizinstudium vor?

Schöbel: Das sind in 12 Semestern gerade einmal 30 bis 60 Minuten Vorlesung, die sich um den Schlaf drehen, obwohl der Schlaf ein Drittel der Lebenszeit ausmacht. Das führt dazu, dass viele Kollegen nicht gut mit Schlafstörungen umgehen können. Was wichtig ist: Schlaf ist eine der tragenden Säulen in der Prävention. Wir sprechen immer von gesunder Ernährung und Bewegung. Wenn ich das alles mache, ohne dass ich genügend schlafe, bringt mir das alles nichts.

Fast alle psychischen Erkrankungen machen sich durch Schlafstörungen bemerkbar. 

ak[due]ll: Was passiert mit dem Körper während wir schlafen?

Schöbel: Es ist nachgewiesen, dass das Immunsystem bei chronischem Schlafmangel geschwächt ist. Man wird also schneller krank. Ausreichend Schlaf ist außerdem wichtig für die Gedächtnisbildung. Das betrifft das Langzeitgedächtnis, wenn wir etwas lernen und uns merken wollen. Das betrifft aber auch den Teil des Gehirns, wo wir Bewegungen abspeichern, zum Beispiel wenn wir eine neue Sportart lernen. Deswegen weiß man: wer zu wenig schläft, hat nicht nur Gedächtnisprobleme, sondern hat auch Stimmungsschwankungen, weil in den Traumschlafphasen unsere Festplatte formatiert wird. Unwichtiges wird gelöscht, Wichtiges ins Gedächtnis verschoben. Wenn die Traumschlafphase gestört wird, gibt es Probleme bei der Formatierung und wir werden emotional instabil. Deswegen machen sich fast alle psychischen Erkrankungen durch Schlafstörungen bemerkbar. 

ak[due]ll: Also ist das Gehirn während des Schlafs sehr aktiv?

Schöbel: Im Traumschlaf ist das Gehirn wahnsinnig aktiv. Rein von den Gehirnströmen her, fällt es manchmal schwer, zu sagen, ob jemand träumt oder wach ist. Der Traumschlaf ist dazu da, am Tag Erlebtes mit bereits vorhandenen Inhalten im Gehirn zu verknüpfen, da bilden sich also neue Synapsen. Der Traumschlaf ist wichtig für Assoziationen und zur Lösungsfindung von Problemen. Man sagt nicht ohne Grund „Schlaf’ noch mal eine Nacht darüber.“

schlafmedizin_schöbel.jpg
Prof. Dr. Christoph Schöbel
[Foto: Universitätsmedizin Essen/Ruhrlandklinik]

 

ak[due]ll: In Stresssituationen, zum Beispiel in Klausurphasen, reduzieren viele als erstes den Schlaf. Ist das auf Dauer problematisch?

Schöbel: Klar, wenn ich Stress habe, spare ich am Schlaf. Schlaf hat nicht so einen sexy Ruf. Bei Leuten, die viel und lange schlafen, gibt es gleich eine negative Assoziation. Das ist in der Leistungsgesellschaft sehr stark abgewertet worden. Aber: Wer nicht genügend schläft, hat das Risiko schneller krank, doof und hässlich zu werden. Studien haben gezeigt, dass der Körper kurzfristig ein Schlafdefizit überstehen kann. Das muss aber auf jeden Fall wieder ausgeglichen werden, denn sonst droht, dass das Immunsystem nicht mehr gut funktioniert. Wenn wir eine Nacht durchmachen, ist das so, als würden wir unter Alkoholeinfluss stehen. Gerade wenn man Leistung abrufen muss, ist es also ungünstig, wenn man die ganze Nacht durchlernt. 

ak[due]ll: Warum ist es wichtig, die Leute über Schlaf aufzuklären?

Schöbel: Wir leben in Zeiten der Selbstoptimierung. Wir messen nicht nur unsere Aktivität, gewisse Apps zeigen uns auch an, wie unser Schlaf angeblich verläuft. Wenn man diesen Ergebnissen traut, kann man leichthinters Licht geführt werden– denn keine dieser Apps ist medizinisch validiert. Häufig führen sie eher dazu, dass wir uns übertrieben mit dem Schlaf beschäftigen und man sich seine eigene Schlafstörung heranzüchtet. Je mehr ich mich darüber ärgere, dass ich nicht einschlafe, desto mehr Stresshormone werden produziert und desto weniger kann der Körper Schlaf finden.

ak[due]ll: Woran genau forschen Sie momentan?

Schöbel: Die meisten Menschen mit Schlafstörungen kommen irgendwann zur Untersuchung durchs Schlaflabor. Ein Schlaflabor ist aber nicht dafür gemacht, dass man da so schläft wie in den eigenen vier Wänden. Schöner wäre, wenn man den Verlauf vom Schlaf zu Hause messen könnte. Wir forschen deshalb an neuen Methoden für die Diagnostik. Ziel ist, Schlaf als Prävention einzusetzen. Es ist nicht damit getan, Patienten zu sagen, dass sie in einem möglichst kühlen, dunklen, ruhigen Schlafzimmer schlafen, regelmäßige Bettzeiten einhalten sowie nur zum Schlafen ins Bett gehen und alles andere außerhalb des Bettes machen sollen, weil das Bett sonst mit all diesen Sachen in Verbindung gebracht wird. Das bringt diesen Menschen oft wenig, weil sie all das schon versucht haben. Da sind dann kognitive Verhaltenstherapien wichtig und eine kurzzeitige Behandlung mit Schlaftabletten. 

ak[due]ll: Ihre Forschung geht aber vor allem in die digitale Richtung. 

Schöbel: Genau, Elemente dieser Verhaltenstherapie sollen in Verbindung mit einem Therapeuten in einer App angeboten werden. Man könnte so über die Natur des Schlafes aufklären oder ein erlerntes Entspannungsverfahren über die App anbieten. Wichtig ist dabei auch eine persönliche Kommunikation mit dem Arzt auf Augenhöhe. Die Patienten können mir zeigen, was sie zu Hause gemessen haben und dann schauen wir, wie wir das in den Therapieplan integrieren. 

ak[due]ll: Und die App soll sich jeder runterladen können?

Schöbel: Nein, per Rezept verschrieben wird die App nur, wenn eine Schlafstörung vorliegt. Wir schauen gerade, wie man für die verschiedenen schlafmedizinischen Erkrankungen digitale Lösungen finden kann, um das mehr Patienten zugute kommen zu lassen. So würden Wartezeiten verringert und Erkrankungen frühzeitig therapiert werden. Die App an sich gibt es schon und wir sind dabei, sie medizinisch zu validieren, also den medizinischen Nutzen nachzuweisen. Wenn wir das gemacht haben, könnte es sein, dass auch Krankenkassen dafür aufkommen. In maximal ein bis zwei Jahren sollten wir soweit sein. 

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