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WISSENSCHAFT

Als Freund/in entfernen

Virtuelle Freundschaften kündigen.

[Foto: Julia Segantini]

19.02.2021 15:33 - Julia Segantini

Wenn Freund:innen und Bekannte auf Facebook plötzlich nur noch gegen Geflüchtete wettern und Verschwörungstheorien verbreiten, juckt es einen oft in den Fingern, diese Menschen aus der Freundesliste zu verbannen. Warum das für die Demokratie alles andere als förderlich ist, erklärt Dr. German Neubaum. Der Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe Digital Citizenship in Network Technologies der UDE forscht zu politisch motiviertem Entfreunden bei sozialen Netzwerken wie Facebook. Im Interview mit akduell-Redakteurin Julia Segantini erklärt er die Ergebnisse der Studie.  

ak[due]ll: Unter welchen Umständen entfernen Facebook-Nutzende politisch Andersdenkende aus ihrer Freundesliste?

German Neubaum: Der häufigste Grund war „Ich habe etwas gesehen, mit dem ich nicht einverstanden war“, der zweithäufigste „Die Person hat etwas politisches gepostet, was feindselig in Bezug auf mich oder andere war“ und die dritthäufigste Antwort war „Die Person hat zu häufig über Politik gepostet“. Wir haben uns dann gefragt: Wann tritt die Situation auf? Merkt man, dass die Beziehung nicht aufrechterhalten werden kann, weil die moralischen Grundvorstellungen so weit auseinander gehen? Das haben wir in zwei Studien untersucht. Es hat sich gezeigt, dass der moralische Wert einer politischen Aussage in einem relativ sicheren Zusammenhang mit dem Entfolgen steht.

Es geht also nicht nur um eine politische Nicht-Übereinstimmung, sondern um eine moralische Diskrepanz. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Man verabschiedet sich vor allem dann von einer Person, wenn kein enges Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel bei flüchtigen Bekannten. Das ist der häufigste Fall. In einer anderen Studie haben wir Interviews durchgeführt, bei denen die Proband:innen auf ihre Geschichten eingehen konnten. Da gab es manchmal den umgekehrten Fall: Ein enger Freund hat so falsche moralische Grundvorstellungen, dass man ihn loswerden will.

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ak[due]ll: Konnte man Rückschlüsse darauf ziehen, was das mit der realen Beziehung macht?

Neubaum: Den Rückblick, was das Entfreunden mit der Beziehung gemacht hat, haben wir nie untersucht. Wir haben nur die Perspektive, was die Proband:innen denken, was passieren könnte. Da gibt es mehrere Szenarien, die sie sich ausmalen: Eine Konfrontation mit der Person, dass die Person völlig entsetzt über das Entfolgen ist oder dass es zu einem Familienkonflikt kommt, weil man den rechtsradikalen Onkel entfreundet hat und man damit möglicherweise auch anderen Menschen schadet. 

ak[due]ll: Man entfolgt also nicht einfach so, sondern es gibt dabei einen Abwägungsprozess?

Neubaum: Einer der Hauptmotive, die wir gesehen haben, war die Befürchtung, durch das Entfreunden Vorteile zu verlieren, die man durch zwischenmenschlichen Beziehungen hat. Sei es emotionale Unterstützung oder so etwas wie die Frage ‚Ich bin am Wochenende in Hamburg, kann mir jemand ein gutes Restaurant empfehlen?‘ Unsere Schlussfolgerung ist also: Menschen scheinen so etwas wie eine Kosten-Nutzen-Kalkulation zu durchdenken. Das macht psychologisch durchaus Sinn. Wir nutzen diese Plattformen seit mehr als zehn Jahren und können mit Menschen aus aller Welt und allen Kontexten in Kontakt bleiben. Dieses riesige Dorf, was wir uns aufgebaut haben, haben wir über die Jahre zu schätzen gelernt.

Dann hat sich diese Plattform aber irgendwann politisiert und man hat angefangen, über kontroverse Themen zu diskutieren. Man hat gemerkt: Sonst hätte man nie mit dieser Person über dieses eine Thema gesprochen, aber die scheint ja eine ganz falsche Auffassung darüber zu haben. Unsere Studie zeigt, dass die Menschen abwägen: Wenn ich mich jetzt ganz schlimm darüber aufrege, ist diese Emotion wichtiger, als die Vorteile aufrecht zu erhalten – oder eben andersherum. Das ist kein bewusster Prozess, das läuft eher unterbewusst.

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Dr. German Neubaum, Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe Digital Citizenship in Network Technologies der UDE [Foto: privat]

 

ak[due]ll: Gibt es einen Unterschied zwischen den Plattformen Facebook, Instagram und Twitter?

Neubaum: Das haben wir nicht untersucht. Wir haben uns auf Facebook fokussiert, weil das nach wie vor die beliebteste Plattform ist. Twitter ist zwar in aller Munde, man muss sich aber vor Augen führen, wer Twitter nutzt, das ist in Deutschland eine sehr spezifische Gruppe. Das ist nicht der Ottonormalverbraucher, sondern Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und öffentliche Figuren. Twitter repräsentiert nicht den Querschnitt der Gesellschaft. Von daher würde ich vermuten, dass dort andere Regeln herrschen und man dort politisch geladener und radikaler vorgeht. Bei Instagram könnte ich mir vorstellen, dass die Befunde aus Facebook übertragbar sind.

Man müsste dabei aber folgendes bedenken: Bei Facebook müssen beide zugestimmt haben, dass man sich befreundet. Bei Facebook wird ja auch explizit über „Freundschaft“ gesprochen, man versendet schließlich eine „Freundschaftanfrage“. Ich denke, diese Metapher der Freundschaft hat noch einmal einen anderen symbolischen Wert als das Abonnieren bei Instagram. Dort kann ich jemanden abonnieren, aber die Person muss mich nicht zurück abonnieren. Da geht es viel lockerer zu.

ak[due]ll: Ist das politisch motivierte Entfreunden ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft sich stärker politisiert hat? Gerade der jungen Generation wird oft ein politisches Desinteresse vorgeworfen. 

Neubaum: Ich weiß nicht, ob man das so positiv bewerten kann. Ich glaube schon, dass die jüngere Generation durch die weltweite Populismuswelle politischer geworden ist – Fridays For Future ist dafür das beste Beispiel. Demokratietheoretisch wäre es aber wünschenswert, dass die Menschen sich mit allen Standpunkten auseinandersetzen. Es ist wichtig, die Verknüpfung zu Andersdenkenden zu behalten. Man muss mitkriegen, warum eine Person so denkt, damit man irgendwann einen Konsens in der Gesellschaft finden kann. Demokratietheoretisch ist es deshalb nicht besonders erstrebenswert, dass es zu diesem Entfolgen kommt. Das scheint die Mehrheit verstanden zu haben, denn es ist nur eine Minderheit, die dazu greift.

Gleichzeitig kann ich natürlich nachvollziehen, wenn Leute sagen, „das war so jenseits von jeglichem demokratischen Grundverständnis, wenn eine Person schreibt ‚solche Menschen müsste man vergasen‘“, den entfreunde ich jetzt. Das ist einfach Hate Speech und nicht mehr gesetzeskonform. Da müsste man die Person melden und Regulations- oder Rechtsprozesse anstoßen. Bedenken sollte man nur: Wenn wir soziale Netzwerke nutzen, haben wir dafür nicht unbedingt politische Gründe, sondern eher zwischenmenschliche Motive. Diese führen dazu, dass wir politisch heterogene Netzwerke haben. Das Entfolgen könnte dazu führen, dass man eine homogene Bubble hat, in der man sich nur noch gegenseitig in seinen Ansichten bestätigt.

 

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