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Akzente setzen

13.05.2019 19:39 - Erik Körner

Jede Person, egal wo sie herkommt oder wie gut sie ihre eigene oder fremde Sprachen beherrscht, besitzt einen Akzent oder spricht Dialekt. Aber wie kann das sein? Und was bedeutet das?

Akzent und Dialekt können nicht synonym füreinander verwendet werden. Akzente sind phonetischer Natur und bezeichnen Unterschiede in der Lautung von Wörtern. Dialekte hingegen sind tiefgreifender, werden als eigene Sprachvarietät behandelt. Aspekte wie Morphologie (wie Wörter gebeugt werden), Syntax (Satzbau), Lexik (Wortschatz) und Idiomatik (Eigenheiten einer Sprache) spielen eine wichtige Rolle in der Unterscheidung von Dialekten. Laut Dr. Nuria Hernández y Siebold, Linguistin an der Universität Duisburg-Essen, ist die Entstehung von Akzenten ein ganz natürlicher Prozess. „Wenn man viele Leute hat, also eine Sprachgemeinschaft, die die gleiche Sprache spricht, passiert das automatisch.“ 

„Interessant wird es, wenn man schaut, was die Motivation ist, bestimmte Akzente zu benutzen“, sagt Hernández y Siebold. „Einerseits benutzen wir natürlich, was wir gelernt haben. Zum Beispiel von unseren Eltern oder der Familie.“ Allerdings gibt es auch Personen, die sich bewusst entscheiden, einen bestimmten Akzent zu nutzen. „Das hat dann viel mit Identität und Gruppenzugehörigkeit zu tun”, so die Linguistin. 

Dass gewisse Stigmata mit Akzenten und Dialekten einhergehen, ist nichts Neues. Eine 2009 vom Institut für Deutsche Sprache durchgeführte Studie hat ergeben, dass 30 Prozent der Deutschen Sächsisch als „besonders unsympathisch” empfinden. Lediglich 7 Prozent aller Befragten konnten dem Dialekt etwas abgewinnen. Folglich ist es fast eine logische Konsequenz, dass Sprecher*innen einer stigmatisierten Varietät versuchen, anders zu sprechen. Laut Hernández y Siebold gibt es aber auch Sprecher*innen, die sich bewusst für das Gegenteil entscheiden: „Wir nennen das in der Anglistik ‚covert prestige‘. Leute, die sich bewusst entscheiden, einen Nicht-Standardakzent zu nutzen, der eher stigmatisiert ist, um Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren.“

Der geheime Dialekt

Entgegen der Annahme Vieler zählen auch standardisierte Sprachvarietäten wie Standarddeutsch strenggenommen zu Dialekten. Wie auch Varietäten, die eher als Dialekt angesehen werden, haben die Standardformen eigene Merkmale im Syntax, der Morphologie oder der Lexik, die sogar streng reguliert sind. Auch phonetisch folgen sie klaren Regeln. 

Hernández y Siebold ist der Ansicht, dass der Grund für die Erhebung einer Varietät zum Standard vollkommen arbiträr ist: „Nur durch die historische Entwicklung, dass zum Beispiel bestimmte Bevölkerungsgruppen diesen Dialekt gesprochen haben, oder dieser Dialekt in bestimmten Kontexten verwendet und dadurch favorisiert wurde.“ Im gleichen Atemzug räumt die Linguistin mit einer der größten falschen Auffassungen bezüglich der Dialektfreiheit auf: „Jeder spricht einen Dialekt. Zu sagen, es wäre nicht so, wäre nicht richtig. Dann sprichst du eben den Standarddialekt, das ist trotzdem noch eine Varietät, ein Dialekt.“

(K)ein Politikum

So selbstverständlich Sprachen im Alltag behandelt werden, so wichtig ist ihre Rolle in der Gesellschaft. Nicht zuletzt sind sie ein für zahllose Länder ein einzigartiges, akustisches Gesicht. Dementsprechend vertreten viele Linguist*innen die Ansicht, Sprache sei in sich politisch. Etwas, das unzertrennlich mit einer Gesellschaft, einer Kultur oder einem Land verbunden ist, könne unmöglich unpolitisch sein.Hernández y Siebold widerspricht dieser Vermutung: „Das Sprachsystem ist inhärent völlig neutral. Nur, was man damit machen kann, kann manchmal übel ausgehen.“ Das heißt jedoch nicht, Sprache könne nicht bewusst für politische Zwecke genutzt werden. 

Eines der ihrer Meinung nach schlimmsten Beispiele für die Politisierung von Sprache ereignete sich während des Bürgerkriegs in Sri Lanka: „Das Militär zwang Personen, bestimmte Worte auszusprechen, von denen es wusste, dass Leute aus verschiedenen Dialektregionen sie unterschiedlich aussprechen würden.” Die Linguistin fährt fort: „Je nachdem, mit welchen Akzent das Wort dann ausgesprochen wurde, wurde die Person getötet oder am Leben gelassen.“ 

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