Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

WISSENSCHAFT

Antworten auf das menschliche Woher und Warum

Zurecht ein Bestseller, findet unsere Redakteurin.
[Foto: Anna Riemen]

09.09.2019 10:14 - Anna Riemen

Ein 500 Seiten langes Sachbuch ist nicht unbedingt „kurz“. Doch dass dort 2,5 Mio. Jahre Menschheitsgeschichte untergebracht wurden, macht es zu einem informationsgeladenen Trip auf den eigenen Spuren: Es kombiniert geschichtliche Panoramen mit verblüffenden Details und unkonventionellen Interpretationen. Interessant aufbereitetes und nicht allgemeines Wissen lässt nicht nur die Geschichte unserer Spezies, sondern auch den eigenen Alltag in einem neuen Licht erscheinen.

In einer ideologiefreien, essayistischen und mit trockenem Humor gewürzten Erzählweise bespricht Yuval Noah Harari die Kernfaktoren, die bedingten, dass die Menschheit zu dem wurde, was sie heute ist. „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ erschien zunächst 2011 in Israel in hebräischer Sprache und in Deutschland erstmals 2013. 2017 folgte sein Nachfolgewerk „Homo Deus“. Der 43-jährige Harari hat in Oxford promoviert und ist Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Das Buch besteht aus vier Teilen: „Die kognitive Revolution“, „Die landwirtschaftliche Revolution“, „Die Vereinigung der Menschheit“ und „Die wissenschaftliche Revolution“.

„Die Menschheit ist eine Schafherde, die dank einer Laune der Evolution lernte, Atombomben zu bauen.“

Besonders der erste Teil des Buches, der sich mit der evolutionären Entwicklung des Homo Sapiens sowie seinem Leben als Jäger*in und Sammler*in beschäftigt, ist extrem packend. Er enthält viele detaillierte Informationen über unsere Spezies aus einer Zeit, die im Allgemeinwissen öfter zu kurz kommt: Er beginnt bei den ersten menschenähnlichen Tieren vor 2,5 Millionen Jahren, hin zur kognitiven Revolution, die unser Gehirn zu dem machte, was es heute ist. Auch unser nachträgliches Leben als Nomaden wird beleuchtet. Diese Zeiträume sind alles andere als unwichtig, um zu verstehen, warum der Mensch heutzutage gleichzeitig zum Mond fliegen kann und sich trotzdem wie der Donald Trump des Ökosystems verhält: Hier wurden die Grundsteine gelegt, die menschliches Verhalten bis heute prägen.

Im zweiten Teil geht es um die Zeit, in der unsere Vorfahr*innen (ab 11.500 v.u.Z.) weltweit sesshaft wurden und begannen, Tiere zu halten und Felder zu bestellen. Er liefert nicht nur Theorien, wie es dazu kam, sondern beleuchtet die Veränderungen recht kritisch. Wie ausgebaute Besitztümer und organisierte städtische Strukturen sich auf das menschliche Zusammenleben auswirkten, wird  ebenso besprochen wie interessante Ausblicke hinsichtlich der Erfindung der Schrift und Mathematik. Phänomene, die in jeder menschlichen Gesellschaft auftauchen, wie das Patriarchat oder die Hierarchisierung und Unterdrückung von Menschengruppen, werden aufgegriffen und anthropologisch beleuchtet.

Globale Einflüsse

Im dritten Abschnitt geht es um die Wirkweisen menschlicher Kulturen, wie die Globalisierung verlief und sich die Verbreitung einer universellen fiktiven Ordnung über alle Menschengruppen des Planeten verbreitete (ca. 12.000 v.u.Z. – 500 Jahre v.u.Z.). Den drei Hauptkonzepten, an die die gesamte Menschheit glaubt, wird jeweils ein separates Unterkapitel gewidmet: Geld, Imperien und Religion.
Das Faszinierende an der wissenschaftlichen Revolution (ab ca. 1500), auf die im vierten Teil eingegangen wird, ist ihre Explosionsartigkeit: Die wissenschaftlichen Entdeckungen eskalierten von dem Zeitpunkt an, als Columbus seine kolonial-rassistische Reise startete, völlig. Seine Reise wurde subventioniert und ab diesem Zeitpunkt auch Forschung im Allgemeinen. Dieses Kapitel beschäftigt sich unter anderem mit menschlichen Errungenschaften wie Weltraumfahrttechnik, Atombomben und Mikrobiologie. Es erklärt, wie es überhaupt dazu kam und warum nicht früher. Am Ende des Buches wirft Harari die Frage auf, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen, da wir nun zu einer Spezies geworden sind, die nicht nur alles erschaffen, sondern auch auf einen Schlag zerstören kann.

Harari berichtigt nicht nur viele falsche Annahmen, die im Allgemeinwissen kursieren. Er verknüpft Ereignisse mit Ideen. Einziger Kritikpunkt: Was das Buch hauptsächlich charmant macht, ist seine Ursachenforschung. Doch einige hundert Seiten in der Mitte des Buches beschäftigen sich nur mit diversen kollektiven, fiktiven Vorstellungen und deren Prägung unserer Geschichte. Wenngleich faszinierend, ist das Netz kurioser und neuer Informationen in diesem Teil des Buches zu grobmaschig.

Dennoch lohnt sich die Lektüre: Das Buch ist spannend und extrem informativ, angereichert mit amüsanter und sehr bildlicher Sprache. Neben erhellenden neuen Sichtweisen auf das eigene Leben hinterlässt es auch Demut: Hätte eine zufällige Mutation die Wirkweisen unserer Gehirne nicht neu verdrahtet, wären wir auch heute noch seltsame Gestalten irgendwo in der Mitte der Nahrungskette.

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