Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Zweigeteilt

 Gebürtig kommt unsere Redakteurin aus Trier an der Mosel. [Foto: pixabay]

04.07.2021 11:42 - Helena Wagner

Abi gepackt, den Sommer genossen und dann endlich Studentin sein! In eine neue Stadt ziehen, neue Leute kennenlernen, sprich: eine neue Heimat finden. Ich habe mir dafür den Ruhrpott, genauer gesagt Essen, ausgesucht. Doch so motiviert und voller Vorfreude ich am Anfang war, so schnell habe ich diese Entscheidung wieder bereut – ich hatte das Gefühl, mich selbst entwurzelt zu haben.

Geboren und aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf bei Trier in Rheinland-Pfalz. Meine Familie wohnt sehr ländlich, den Bauernhof direkt hinterm Haus, meine Schule lag wenige hundert Meter vom Moselufer entfernt. Im Sommer habe ich mit meinen Freunden in den Weinbergen gesessen, war auf Weinfesten unterwegs oder habe mich unter der Porta Nigra zu Dates verabredet. So idyllisch das klingen mag, vor meinem Umzug konnte ich es nicht erwarten, von dort wegzukommen. Nach 19 Jahren hatte ich das Gefühl, jede Ecke genau zu kennen.

Schon immer wollte ich in die Großstadt ziehen. Die hohen Häuser, die vielen Bars und die Läden, die man in der Heimat gar nicht kennt. Endlich mal feiern gehen, ohne dass ich den halben Club am nächsten Tag in der Schule wieder treffe. Die Klamotten anziehen, die mir gefallen, ohne Angst haben zu müssen, was am nächsten Tag über dich erzählt wird. Diese unendlich vielen Möglichkeiten, endlich zu der selbstbewussten, jungen Frau zu werden, die man glaubt zu sein, die nur noch rauskommen muss, weil in der Heimat kein Platz mehr für sie ist. Jaja, diese Großstadtträumerei.

Es war wie eine Trennung

Als ich dann nach Essen zog, wurde mir schnell klar, was es bedeutet, nun ganz allein zu sein. Nachdem meine Eltern und meine Freunde nach einem Wochenende voller Umzugskartons ohne mich nach Hause fuhren, hatte ich ein Gefühl, das ich so noch nicht kannte: Angst, Leere, Bedauern. Als ich das erste Mal U-Bahn fuhr, habe ich danach vor Überforderung geweint. Ich habe mich gefühlt wie das Mädchen vom Land, was man ohne Plan in der Großstadt aussetzt und welches nun ohne Sinn und Verstand herumirrt. Keine Spur von der selbstbewussten jungen Frau.

Ich habe meine Familie so vermisst. Ich habe es vermisst, mich abends spontan mit meinen Freunden zu verabreden. Mit meinem Hund aufs Feld zu gehen. Ich habe alles so sehr vermisst, dass ich nicht schlafen konnte, nicht essen wollte. Es hat sich angefühlt wie eine Trennung. In meiner Erinnerung war die Vergangenheit war auf einmal sehr rosig, die Zukunft sah dagegen aus wie ein schwarzes Loch.

Oft wollte ich mich zwingen, länger am Stück in Essen zu bleiben, aber der „Trennungsschmerz“ war so schlimm, dass ich morgens im Affekt meinen Koffer packte, mich in den Zug setzte und nachmittags bei meinen Eltern auf der Matte stand. Das Problem: Bei meinen Eltern war ich inzwischen ebenso wenig zuhause. Mein Kinderzimmer war kahl, alle meine Sachen waren in Essen. Ich war dort nur noch Besucherin. Zwar war ich bei meinen Eltern immer willkommen, aber ich bin die Tochter, die ausgezogen ist, die eben nicht mehr hier wohnt. Und das Schlimmste daran: Ich wusste, ich bin daran selbst Schuld.

Bleiben oder Gehen?

War es die richtige Entscheidung, auszuziehen? Sollte ich zurückkommen, wenn ich es so wenig in Essen aushalte? Aber in Trier zu studieren wäre ein fauler Kompromiss, da ich dort nicht das studieren kann, was ich wirklich will. Durch einen Umzug in eine WG konnte ich in Essen etwas Fuß fassen. Es tut mir gut, Menschen um mich herum zu haben, so kommt mir die große Stadt nicht mehr so bedrohlich vor.

Ich besuche meine Familie fast jedes Wochenende und versuche langsam, die Intervalle zwischen den Besuchen zu verlängern. Ich weiß, dass ich in Trier immer eine Heimat habe, aber, dass mein neues Zuhause nun Essen ist. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich freue, wenn ich nach den Wochenenden zuhause wieder nach Essen komme. Und inzwischen fahre ich sogar sehr gerne U-Bahn. Es ist alles eine Sache der Gewöhnung.

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