Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Wieso Sorgearbeit abgewertet wird und wie man das ändern könnte

Ute Klammer ist davon überzeugt, dass sich Arbeit unserer Lebenswelt anpassen muss. (Portrait: Universität Duisburg-Essen)

13.04.2018 14:44 - Britta Rybicki



Die Kluft zwischen dem Stundenlohn von Frauen und Männern ist in Deutschland mit 21 Prozent erschreckend hoch. Angesichts der unterschiedlichen Branchen und Berufe, in denen Männer und Frauen arbeiten, war es bisher kaum möglich, „gleichwertige Arbeit“ zu identifizieren. Die Sozialwissenschaftlerin Ute Klammer am Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen entwickelte nun den Comparable Worth-Index (CW-Index) und erklärt unserer Redakteurin Britta Rybicki im Interview, wie es funktioniert.

ak[due]ll: Inwiefern kann der CW-Index helfen, den blinden Fleck des Gender Pay Gaps aufzudecken?
Ute Klammer: Wir gehen in unserem Forschungsprojekt von der Annahme aus, dass in frauendominierten Berufen auch deshalb deutlich schlechter als in männerdominierten Berufen verdient wird, weil dort Frauen arbeiten. Der CW-Index ist eine Art Maßstab, mit dem wir Berufe unterschiedlicher Branchen in den Kompetenzen Wissen und Können, psychische und physischer Belastung sowie Verantwortung für Menschen und Maschinen vergleichen und bewerten können. Wir können mit dem Instrument der analytischen Arbeitsbewertung erstmals herausfinden, inwieweit sich hinter der Lohnstruktur Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts verbergen. Bei dem Gender Pay Gap wird kritisiert, dass die unterschiedlichen Lohnniveaus auch aus den Beschäftigungen in unterschiedlichen Branchen und aus unterschiedlichen Arbeitszeiten resultieren.

ak[due]ll: Können Sie mir ein Beispiel für einen drastischen Lohnunterschied zwischen zwei Berufen mit einem ähnlichen Anforderungsniveau nennen?
Klammer: Unsere Auswertungen haben ergeben, dass die Gesamtbelastung einer Pflegefachkraft und eines Elektroingenieurs nahezu gleich ist. Trotz einer vergleichbaren Arbeitsschwere ist die Bezahlung trotzdem sehr unterschiedlich. Wir haben Daten aus der verwendet, wodurch wir rund 150 Berufe nach den für sie typischen Anforderungen eingruppiert haben. Abgesehen von wenigen Ausnahmen in den unteren Lohnklassen hat sich dieses Muster in unseren gesamten Berechnungen abgezeichnet.

ak[due]ll: Dann sollten wir die Pflegekraft in Zukunft genauso gut wie den Elektroingenieur bezahlen?
Klammer: So einfach ist es leider nicht. Die Lohnfindung ist komplizierter. Es geht um Tarifverträge und die Produktivität eines Berufszweiges. Man kann daraus nicht den Anspruch ableiten, dass der Maschinenbauer bei BMW und die Pflegekraft im Altenheim um die Ecke den gleichen Lohn bekommen. Wir können aber ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür schaffen. Uns klar machen, welches Anforderungsprofil hinter einem Beruf steckt und welcher andere vielleicht ein ähnliches Anforderungsniveau hat. Deckt man Entlohnungsstrukturen weiter auf, findet man gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, auf die man reagieren muss.

ak[due]ll: Wieso werden Sorgeberufe besonders stark abgewertet?
Klammer: In der wissenschaftlichen und politischen Debatte wird immer vieles auf die Produktivitätsunterschiede einer Berufsgruppe geschoben. Natürlich ist es einfacher diese bei einem Maschinenbauer zu messen. Man schaut sich Exporte, Unternehmensbilanzen und das jährliche Wachstum an. Wie will man das jetzt in einem Pflegeberuf umsetzen? Wie gut es dem schwerkranken Menschen nach einer Pflege geht? Das funktioniert natürlich nicht. Aber vielleicht kann man das auch als Anstoß für eine neue Arbeitsbewertung nehmen.

ak[due]ll:Was müssen wir denn konkret in der Bewertung von Sorgearbeit verbessern?
Klammer: Unbezahlte und bezahlte Sorgearbeit muss grundsätzlich besser bewertet und bezahlt werden. Löhne für Hausfrauen und Mütter halte ich allerdings für keinen sinnvollen Weg. Schließlich gibt es dadurch nur Anreize, die Erwerbsarbeit für Sorgearbeit zu unterbrechen. Wir wissen, dass weder das Rentensystem noch der Familienverbund – also der Ehepartner – diese Kosten auffangen kann. Modelle asymmetrischer Arbeitsteilung kommen heute spätestens nach einer Scheidung oder bei Arbeitslosigkeit des Partners an ihre Grenzen. Aktuell ist es so: Wer privat pflegt, bekommt viel weniger an Rentenbeiträgen als wenn man ein Kind versorgt. Das ist auch eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit. Darüber hinaus muss man die Verknüpfung von Familien- und Erwerbsarbeit in der Zukunft verbessern. Verschiedene Lebensphasen bei der Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen berücksichtigen. Menschen müssen für eine begrenzte Zeit unkompliziert ihre Arbeitszeit reduzieren und wieder aufstocken können.

ak[due]ll: Mir fehlt hier die Fantasie. Wie kann man das denn realpolitisch umsetzen?
Klammer: Ich war Mitglied der Kommissionen für die beiden bisherigen Gleichstellungsberichte der Bundesregierung. Da sprechen wir uns zum Beispiel für ein Wahlarbeitszeitgesetz aus. Inhaltlich würde das ermöglichen, in Abstimmung mit den Möglichkeiten des jeweiligen Betriebs, je nach persönlicher Lebenssituation die Arbeitszeit zu reduzieren und wieder aufzustocken. Frauen werden immer noch schnell auf den Mum-Track gesetzt. So nach dem Motto: Jetzt ist sie Mutter und nicht mehr karriereorientiert. Trotz Motivation und sehr guter Qualifikation.

ak[due]ll: Das Entgelttransparenzgesetz soll Arbeitgeber*innen verpflichten, Männer und Frauen gleich zu entlohnen. Was halten Sie davon?
Klammer: Ich bin davon enttäuscht, weil das, was damit geplant war, etwas ganz anderes war als es jetzt ist. Ursprünglich sollte es ja auch ein Entgeltgleichheitsgesetz sein – und nicht nur ein Gesetz für Transparenz. Man kann nun zwar unter bestimmten Bedingungen eine unfaire Bezahlung entlarven. Es gibt aber kein Verbandsklagerecht. Die Praxis ist sehr aufwändig und kompliziert. Zunächst muss man mehrere Menschen mit einer vergleichbaren Tätigkeit finden – woran es oft schon scheitert. Es ist verständlich, dass es bisher fast niemand in Anspruch genommen hat. Und die Wenigen, die es gemacht haben, waren Männer.

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