Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Wie hat Deutschland dein Leben verändert?

 Sich gemeinsam neu erfinden und sich selbst finden.

[Symbolbild: Carla Cingil]

28.06.2020 14:08 - Gastautor*in

Ananthu kommt aus Indien, Mohammad aus Ägypten. Beide haben sich entschieden, in Deutschland zu studieren. Genau diese Entscheidung stellt ihr gewohntes Leben auf den Kopf. 

Von Gastautorin Carla Cingil

Deutschland ist für viele junge Menschen ein Land voller Möglichkeiten, so auch für Ananthu (22) und Mohammad (25). Beide kamen vor vier Jahren nach Deutschland, um hier zu studieren. „Ein Freund von mir war schon hier, ich entschied mich, ihm zu folgen. Meine Familie wollte, dass ich nach Kanada gehe, aber ich konnte meinen Willen durchsetzen“, erzählt Ananthu, der mittlerweile ein International Law and Taxation-Student ist. Mohammad kam nach Deutschland, weil er von der Ingenieurskunst begeistert ist: „Das Ingenieurstudium hier ist eines der besten der Welt“, meint der gebürtige Ägypter. 

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Diese vier Jahre haben die Beiden nachhaltig geprägt und auch verändert. Bevor Mohammad seine Heimat verließ, war er ein streng gläubiger Muslim, der alles, was ihm gesagt wurde, auch so hingenommen hat. „Es ist normal, man hinterfragt nicht, was der Scheich oder der Religionswissenschaftler einem sagt“, erklärt er. Hier in Deutschland lernte Mohammad jedoch, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. „Meine Freunde stellten mir immer mehr Fragen über meine Religion, auf die ich keine Antworten hatte. Ich fing an, diesen auf den Grund zu gehen und  Bücher zu lesen, die den Islam kritisieren und in Ägypten verboten sind“. Mittlerweile hat er der Religion abgeschworen. „Ich glaube an Gott, aber nicht an die Religion“, erklärt er. „Ich fühle mich jetzt friedlicher und ruhiger. Ich habe gelernt, selbst zu denken und niemanden aufgrund seiner Religion zu verurteilen.“ Obwohl Mohammad mittlerweile weiß, wo er steht und was er glaubt, enden manchmal Debatten mit seinen frommen Freunden in Sackgassen, da sie andere Ansichten haben: „Es gibt ein Elefanten Experiment, ein Baby-Elefant wird mit einem Tau an einem Baum gefesselt und obwohl der Elefant Jahre später 50 mal größer und stärker ist, kann er sich immer noch nicht von dem Baum befreien. Das liegt daran, dass er in seinem Kopf die Gedanken und das Gefühl hat, dass er es nicht schafft, weil er es als Baby nicht gelernt hat”. 

Das Verhältnis zu den Eltern 

Zwar keinen religiösen, jedoch einen Wertewandel hat Ananthu hinter sich. Hier in Deutschland musste er zum ersten Mal selber Geld verdienen, er reiste viel und entdeckte eine neue Art zu denken. „Es gibt ein Sprichwort: Zeit ist Geld. Mittlerweile glaube ich aber, dass das, was wir in dieser Zeit tun, viel wertvoller ist als Geld“. Der 22-Jährige ist Hindu, die Tradition sieht eigentlich eine arrangierte Ehe vor. „Ich habe mich von Anfang an dagegen gewährt. Ich wollte schon immer meine eigene Liebe finden“, sagt er. Nach knapp einem Jahr in Deutschland lernte er Lidija kennen. „Wir haben zusammen gearbeitet. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, für sie eher auf den zweiten“, erzählt er lachend. Nach einigen Dates schaffte er es, sie für sich zu gewinnen. Das ist nun schon drei Jahre her, mittlerweile sind sie verlobt und leben zusammen. „Vor vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass mein Leben jetzt so aussieht, aber wie sagt man so schön: Die besten Momente entstehen ungeplant.“

Mohammad hat Angst, seinen Eltern von seinem religiösen Sinneswandel zu erzählen. „Sie würden es nicht verstehen“, erklärt er. Bei Ananthu sieht es etwas anders aus: „Meine Eltern wissen noch nicht alles. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass wir verlobt sind und auch schon zusammen wohnen, denn dafür ist es noch zu früh. Sie wissen aber, dass Lidija existiert, meine Mama möchte immer Fotos von ihr sehen. Solange ich glücklich bin, ist sie es auch“. Beide möchten nach ihrem Studium in Deutschland bleiben und hier arbeiten. „Ich werde Lidija heiraten und mich selbstständig machen“, berichtet Ananthu. Sowohl Mohammad als auch Ananthu haben in den vier Jahren viel erlebt und gesehen, sie haben nicht nur neue Menschen, sondern auch eine komplett neue Art und Weise zu leben kennengelernt. „Ich habe hier die Wahrheit und die richtige Schönheit gefunden“, sagt Mohammad mit einem Lächeln im Gesicht. 

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