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STUDIUM & FREIZEIT

Wie ein Hürdenlauf: Der Studieneinstieg für Nicht-Akademiker*innen

Foto: David Peters
06.08.2018 10:48 - Dennis Pesch

Ende Juli bat Katja Urbatsch in den sozialen Medien um Hilfe. Die Gründerin von Arbeiterkind.de berichtete auf Facebook von vermehrten Anfragen, die ihren Studieneinstieg nicht bezahlen können. Dabei ist der Studieneinstieg für Kinder aus nicht-akademischen Haushalten ohnehin schon schwer genug, besonders für Menschen aus Hartz IV-Familien.

Elias* ist 23 Jahre alt, als er sich nach seinem Fachabitur und verschieden Jobs entscheidet, studieren zu gehen: „Ich will Sozialarbeiter werden“, sagt er damals zu seiner Mutter. Die findet das gut. Sie ist selbst ausgebildete kaufmännische Assistentin, ist seit über 30 Jahren im selben Betrieb angestellt. Sein Stiefvater ist Maschinenbauer und arbeitet dort seit 40 Jahren. Als die Entscheidung zum Studium fällt, kommt schon der erste bürokratische Aufwand auf Elias zu.

Er muss der Schule genug kaufmännische Berufserfahrung nachweisen, um auch sein praktisches Fachabitur zu bekommen. Dem Studium muss eine sechsmonatige Tätigkeit in der Sozialen Arbeit vorangegangen sein, um sich überhaupt für einen Studienplatz an einer Hochschule bewerben zu können. Als Elias angenommen wird, muss er erstmal blechen. 300 Euro sind als Semesterbeitrag fällig. So ähnlich ging es auch einigen anderen Arbeiterkindern aus Niedersachsen. Hier sollen es bis zu 400 Euro gewesen sein.

Bei Katja Urbatsch melden sich viele von ihnen zum Semesterstart, da sie das Geld in der Menge so nicht aufbringen können. Als sie ihren Aufruf in den sozialen Medien startet, sind es an einem Tag alleine vier. Auch Urbatsch weiß oft nicht, woher das Geld kommen soll. „Wir kennen keine Töpfe dafür”, schreibt sie auf Facebook. „Das haben wir eigentlich jedes Jahr“, sagt sie. „Und das war nur der Anfang.“ Die Bewerbungsfrist war am 15. Juli zu Ende, die ersten Hochschulen schicken gerade die Bescheide raus. „Die Grundproblematik ist, dass das Studienfinanzierungssystem auf die Mittelschicht ausgelegt ist“, kritisiert Urbatsch.

Die Barriere Hartz IV

Sie meint damit, dass unser Bildungssystem voraussetzt, dass Haushalte – egal ob arm oder reich – in Vorleistung gehen können. „Viele Familien haben aber gar kein Geld“, erklärt sie. Außerdem kommt erschwerend hinzu: „Der Semesterbeitrag ist in den letzten Jahren massiv angestiegen.“ Das Dilemma endet hier aber ganz und gar nicht. Das weiß auch Elias, der zum Studienstart zwar schon in einer WG wohnt, von finanziellen Sicherheiten aber nur träumen kann. „Wie soll ich meine Miete bezahlen“, fragt er sich.

Für Menschen, die zum Studienstart ausziehen, winkt die Verschuldung oft schon, wenn sie 18 oder 19 Jahre alt sind. „Sie müssen Miete und Kaution aufbringen. Das ist alles vor dem Studienbeginn. Inklusive Semesterbeitrag muss man da schon 1000 Euro auf der Kante haben“, erklärt Urbatsch. Das ist für nicht-akademische Haushalte oft kaum zu bewerkstelligen. Für Hartz IV Familien ist es utopisch. „Wer aus einer Hartz-Familie kommt, darf nur 100 Euro dazu verdienen“, sagt sie. Da Hartz IV auf den Haushalt angerechnet wird, gilt das auch für die Kinder. „Solange man zu Hause wohnt, ist das so“, kritisiert Urbatsch.

Von den vier Studierenden, die in Niedersachsen mit dem Semesterbeitrag zu kämpfen haben, hat sich zumindest für eine das Blatt positiv gewendet. Nach Urbatschs Aufruf hat sie ein Darlehen von einem Studierendenwerk erhalten und dazu ein Jobangebot. Als kurzfristige Lösungsmaßnahme, die nicht nur diesen einzelnen Fall lösen, schlägt sie staatliche Starterpakete vor und dass Menschen aus Hartz IV Familien die Einstiegskosten erlassen werden. Ratenzahlungen für Semesterbeiträge gibt es teilweise schon. „Das steht oft aber gar nicht in den Bescheiden der Hochschulen“, merkt sie an. Langfristig brauche es einen Wandel im Bildungssystem.

Keine Planungssicherheit mit dem BAföG

Elias hatte mit dem Studienstart andere Probleme. Ihn plagen eher die Schulden, die er bald zurück zahlen muss. Um zu studieren, hat er bei der KfW-Bank einen Studienkredit aufgenommen. „Ich werde eine ganze Weile daran zu knabbern haben, auch wenn die Ratenzahlung bei der KfW ähnlich lang ist wie beim BAföG“, sagt er. 25 Jahre hat er dafür Zeit. Das nimmt zwar einigen Druck aus, ein schönes Gefühl hat er dabei trotzdem nicht.

Damit ist Urbatsch oft konfrontiert. „Wir müssen große Überzeugungsarbeit leisten, dass BAföG überhaupt in Anspruch genommen wird“, sagt sie. 2017 haben laut statistischem Bundesamt 782.000 Menschen BAföG bekommen. 70 Prozent von ihnen sind Studierende. Seit 2012 geht die Zahl der Empfänger*innen zurück, dieses mal um 41.000 Menschen. Eine Erklärung ist laut Urbatsch, die Angst sich zu verschulden, aber auch der bürokratische Aufwand. „Es geht ja immer nur um das Einkommen der Eltern. Ob die selbst Schulden haben, wird dabei nicht berücksichtigt.“ Zudem bringt das BAföG kaum Sicherheiten. Oft kommt der Bescheid und das Geld erst Monate nach dem man eingeschrieben ist. „Es müsste viel früher klar sein, ob und wie viel Bafög man bekommt. Es gibt null Planungssicherheit. Das ist ein Existenzrisiko“, bemängelt Urbatsch.
 

 

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