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STUDIUM & FREIZEIT

Wenn das WG-Zimmer zum Campus wird

Zurzeit ist der Campus wenig besucht [Foto: pixabay]
15.05.2021 10:53 - Gastautor*in

An der Ruhr-Universität Bochum (RUB) startete am 12. April die Vorlesungszeit des zweiten Sommersemesters unter Covid-19-Bedingungen. Für die Studierenden bedeutet das wieder einmal Homeschooling statt Hörsaal. Zeit für einen Lagebericht.

Ein Gastbeitrag von Marvin Rosenhoff

Wer vom Bochumer Hauptbahnhof auf dem schnellsten Weg zur Ruhr-Universität möchte, kommt an der U35 nicht vorbei. Die seit 1989 betriebene Stadtbahn, die zwischen Herne und Bochum hin und her pendelt und am Tag über 94.000 Fahrgäste befördert, dient den meisten Studierenden, Beschäftigten und Besucher:innen der größten Hochschule des Ruhrgebiets immer noch als Verkehrsmittel der Wahl. Wenn es gut läuft, bringt sie im Minutentakt mehr als 5000 Menschen pro Stunde vom Bahnhof zur Uni. Im April 2021 ist davon nicht viel zu spüren. Die Coronapandemie hat den Alltag an der RUB und damit auch den Bahnbetrieb nach wie vor fest im Griff. Als an diesem Mittwochmorgen ein kühler Luftzug die einfahrende U-Bahn ankündigt, ist der Bahnsteig menschenleer.

Nicht nur am Hauptbahnhof, sondern auch auf dem Campus der RUB deutet auf den ersten Blick nichts darauf hin, dass gerade die Vorlesungszeit des neuen Sommersemesters begonnen hat. Kein Wunder. Wie schon in den beiden Semestern zuvor finden fast alle Lehrveranstaltungen und Prüfungen online statt. Von dieser Regel ausgenommen sind Praktika und Übungen, die sich nicht vom heimischen PC aus absolvieren lassen. Da alle Arbeitsplätze in den Bibliotheken und Fakultätsgebäuden bis auf Weiteres geschlossen bleiben, überrascht es nicht, dass auf der Brücke zwischen Haltestelle und Bibliothek, wo sich um diese Zeit sonst unzählige Studierende ihren Weg zu den Hörsälen und Seminarräumen bahnen, an diesem sonnigen Vormittag nur vereinzelt Menschen mit Masken umherschlendern.

Wie empfinden die Studierenden die veränderten Lehrbedingungen?

Vor dem Gebäude der medizinischen Fakultät steht Carlos (24) und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er kommt aus Spanien, studiert im vierten Mastersemester Biologie und ist wegen eines Laborpraktikums an der Uni. Der derzeitigen Situation kann er nicht viel abgewinnen. Er vermisst vor allem sein Sozialleben. Auf die veränderten Studienbedingungen angesprochen, sagt er, dass es zwar bequem sei, von zuhause aus Veranstaltungen zu besuchen, aber er habe manchmal den Eindruck, dass Dozenten die Möglichkeiten der digitalen Ressourcen zum Teil nicht nutzen würden. Außerdem sei er am eigenen Computer schneller abgelenkt, weshalb es ihm oft schwer falle, den Veranstaltungen zu folgen.

Anna (22) kommt gerade von der Arbeit an ihrem Institut. Die Bochumerin studiert im sechsten Semester Medienwissenschaften und sieht die momentane Situation weniger kritisch. Ihr gefällt vor allem, dass sie öfter Veranstaltungen nach Interesse und nicht nur mit Blick auf die benötigten Creditpoints wählen kann. Da zum Beispiel Vorlesungen nicht mehr vor Ort zu einer bestimmten Uhrzeit stattfinden, sondern jetzt auch als Aufzeichnung oder Podcast verfügbar sind, sei man in seiner Stundenplangestaltung und Zeiteinteilung deutlich flexibler. Außerdem findet sie, dass die Umstellung aufs Online-Format der Stimmung in den Seminaren zugute komme. Während früher nur wenige Teilnehmer mit den Dozenten diskutiert hätten, würden sich im Schutz der eigenen vier Wände jetzt deutlich mehr Studierende aus der Deckung wagen und aktiv an den Debatten teilnehmen. Auf die Frage, ob sie der Meinung sei, dass eine Rückkehr zur Präsenzlehre deshalb überflüssig sei, zieht sie die Augenbrauen hoch. „Auf keinen Fall“, sagt sie. Zu einem Studium gehöre nicht nur die Vermittlung von Fachwissen, sondern ebenso der spontane Austausch mit den Kommiliton:innen und die reale Begegnung auf dem Campus.

Das sehen Marc (27) und Andre (25) ähnlich. Die angehenden Historiker waren zum Bücher Ausleihen in der Fachbibliothek und ärgern sich über das neue Ausleihverfahren. Wie Anna sind sie der Meinung, dass das Online-Studium mehr Freiheiten bringt. Ihnen fehle der Kontakt zu den Mitstudierenden und die Diskussionen nach dem Seminar bei einem Kaffee oder in der Mensa. Dass man sich in einem Zoom-Seminar eher überwinden würde, etwas zur Diskussion beizutragen, kann Marc nicht bestätigen. Da der direkte Blickkontakt auf dem Bildschirm fehle und man nie wisse, wer einem gerade über die Webcam zuschaut, fühle man sich ständig beobachtet und habe daher mehr Hemmungen als bisher.

Es ist 11.45 Uhr, Vorlesungsende. Die Sitzgelegenheiten vor den Hörsälen sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Bis auf einige Plakate vom letzten Februar, sind die sonst in mehreren Schichten zugeklebten Wände jetzt leer. Das studentische Leben auf dem Campus steht weitgehend still. Auch die Mensa hat geschlossen. Auf dem Forum zwischen Bibliothek und Audimax sitzen zwei junge Frauen und essen Pizza. Das auf dem Campus gelegene Café-Restaurant „Q-West“ bietet unter der Woche trotz Lockdown eine breite Auswahl verschiedener Gerichte an. Natürlich to go.

Die Ruhr-Universität Bochum hat das Sommersemester 2021 zunächst als „flexibles Hybridsemester“ geplant. Zwar finden die meisten Veranstaltungen zu Beginn ausschließlich online statt, allerdings wolle man sich vorbehalten, auf eine sich verändernde Pandemiesituation zu reagieren und gegebenenfalls im Laufe des Semesters mit Veranstaltungen auf den Campus zurückzukehren. Bleibt zu hoffen, dass sich die Lage bald verbessert. Denn auch, wenn die Digitalisierung in manchen Aspekten eine Bereicherung des Lehrbetriebs darstellen mag, scheinen sich die meisten Studierenden darüber einig zu sein, dass das Homeschooling den Hörsaal auch in Zukunft nicht ersetzen kann.
 

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