Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Vorsicht, heiß und druckfrisch

Der Copyshop am Reckhammerweg. [Foto:seg]
29.10.2018 11:28 - Julia Segantini

Zu Semesterstart lautet der erste Satz in gefühlt jedem Seminar: „Den Reader bekommen Sie im Copy-Shop am Reckhammerweg.“ Wenn man die lange Schlange vor dem Laden sieht und im Shop die kurz angebundenen Bestellungen hört – „Hallo, ich hätte gern die Nummer fünf“ – überkommt einen fast ein Pommesbuden-Feeling. Gute Feierabendgeschichten haben die Mitarbeitenden auf jeden Fall auf Lager. 

Puh, vor dem „Copy-Shop Schug & Real“ am Reckhammerweg versammelt sich wieder eine ganze Traube von Menschen. Auch mich treibt mein Wissens-Hunger nach den Semesterferien dorthin. Hoffentlich gibt es nicht wieder einen mittelmäßigen Reader mit labbrigen oder versalzenen Inhalten. Jede*r will als erstes an der Theke stehen. Als ich endlich den Copy-Shop betrete, schlägt mir sofort der typische würzig-köstliche Geruch entgehen. Nein, kein Frittenfett, viel, besser: Hmmm… frisch bedrucktes Papier. Der Geschäftsführer Frank Real nimmt derweil eine Bestellung nach der anderen auf. „Ein Mal die Nummer drei, sieben und elf bitte.“ <Gebunden oder nicht gebunden?> „Ehm… gebunden.“ Da hat aber jemand großen Appetit. Der sichtlich gestresste Mitarbeiter dreht sich um und eilt zu den Maschinen. Schweiß sammelt sich auf seiner Stirn. 

Als ich fast dran bin, studiere ich die vor mir hängende Menükarte. Dominant sind vor allem amerikanische und englische Gerichte wie „20th Century British Literature“ und „American Studies: Areas, Approaches, Methods“. Wenn man Pommes essen geht, weiß man meist schon genau, was man essen will: Pommes. Aber trotzdem schaut man in die Karte, in der Hoffnung doch was Spannendes zu finden. „The British Rock Invasion of the 1960s“ klingt gut, da hätte ich Lust drauf. Heute bleibe ich trotzdem beim Üblichen. „Ich hätte gern die Nummer vier, aber nicht gebunden, einfach zum mitnehmen“, sage ich. „Kommt sofort!“, ruft Geschäftsführer Frank Real während er sich bereits umdreht. 

Strebsame Erstsemester

So geschäftig geht es hier um diese Zeit immer zu. Der große Ansturm würde in der Einführungswoche beginnen, erzählt Real. „Und das ist nur der Stress, der die Skripte betrifft, wie haben ja noch unsere anderen Kunden; Geschäftskunden, die auch bedient werden wollen.“, betont er. „Man rennt zehn Stunden am Tag ohne Pause“. Stau gäbe es vor allem wegen der Erstsemester. „Sobald die in der ersten Vorlesung gesagt bekommen, ‚den Reader können Sie bei Schlug & Real kaufen‘ gehen von 100 Leuten 80 sofort rüber, weil sie meinen, die müssen den sofort haben“, berichtet eine Mitarbeiterin. Alle Reader könne man nicht vorproduzieren; man wisse nie, wie viele Skripte am Ende tatsächlich gekauft werden. „Mit dem Rest können wir uns sonst die Wohnung tapezieren“, sagt sie lachend während sie mehrere Seiten Papier locht.

Ausschlaggebend seien dabei auch die Dozierenden. Einige schickten ihre Skripte bereits Anfang September. „Dann kann man die bearbeiten, digitalisieren, vorbereiten und hat die hier liegen“, erklärt sie. „Es gibt aber auch Dozenten, die kommen am 06. Oktober oder 10. Oktober und müssen anschließend noch drei mal was ändern und zwei Minuten später stehen die ersten Leute hier an“, beschwert sie sich. Durch die langjährige Erfahrung der Mitarbeitenden würde trotzdem immer alles funktionieren. Nach Meinung von Real würde sich der Stress in Grenzen halten, was vor allem an den Studierenden liege. „Die Studenten sind so gut drauf, die sind so freundlich“, freut er sich. Vor einigen Jahren sei das deutlich schlimmer gewesen, erinnert er sich während er am Spiralbindegerät arbeitet. „Sehr überheblich“, bestätigt die Mitarbeiterin. „Ich habe Jahre hier erlebt, da waren die Studenten so unverschämt, so arrogant und unfreundlich. Das hat sich total gewandelt“, findet sie. 

Echte Lebensretter 

Über die Jahre habe der Laden so manch einem Studierenden aus der Patsche geholfen. Es habe sich nach Geschäftsschluss immer jemand gefunden, der sich noch hingesetzt hat. „Dann hat man sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, damit derjenige noch pünktlich abgeben konnte. Ich habe hier auch schon korrigiert und neu formatiert“, erzählt sie. Besonders erinnert sie sich an eine Geschichte, bei der eine Mutter mit ihrem Kind den Laden betrat. „Ich hatte normalerweise immer meinen Hund dabei, früher als ich hier gearbeitet habe“, erzählt sie. Die Kundin habe nur nebenbei ihre Arbeiten binden wollen. „Dann hab ich die Arbeit geöffnet und hab gesagt ‚Sag mal, ist das ein Gedichtband?‘. Sie brauchte Minimum 130 Seiten, Maximum 135. Ich sagte, ‚Du kommst auf 135 Seiten, aber du hast nicht fünf und drei Zentimeter Rand, ich würde mal schätzen, du hast fünf Zentimeter Text und 16 Zentimeter Rand.‘“ Während sie erzählt, klappern und rattern die Drucker, Laminiergeräte und Plotter im Rhythmus. 

Durch eine Autokorrektur-Formatierung, bei der eine Einrückung auf die gesamte Arbeit angewendet wurde, sei der Studentin ihr Fehler nicht aufgefallen. „Sie hatte sich sehr gewundert, dass sie auf einmal über 150 Seiten hat und hat dann alles noch mal gekürzt, damit sie auf ihre 130 kam“, berichtet die Mitarbeiterin. „Die alte Datei hatte sie nicht mehr. Dann ist sie hier hyperventiliert. Dann hat sie erstmal geweint, mit ihrer Mutter telefoniert“, erinnert sie sich. „Die Kleine hatte einen Schnuller dabei und ihn immer dem Hund – mein Hund liebt Schnuller – hingehalten und mit ihm geschmust und war überhaupt nicht knatschig. Die Mutter haben wir hier hin gesetzt – weil die konnte gar nicht mehr atmen – mit einem Kaffee.“ Die Mitarbeiterin habe sich das Word-Dokument dann vorgenommen, alles neu formatiert, dafür gesorgt, dass zwischen den Absätzen noch Platz zum Bearbeiten ist. Durch ein Telefonat mit der Dozentin wurde zusätzliche Zeit geschaffen. „Wir kamen hinterher exakt auf 130 Seiten und dann konnte sie die Arbeit abgeben“, erzählt sie stolz. Die Geschichte packt mich so, dass ich gar nicht merke, dass meine Bestellung schon fertig ist. Ist noch warm. Frischt ist eben immer noch am besten. 
 

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