Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Unterrichten im Lockdown

Der neue Alltag im Studium [Foto: Jacqueline Brinkwirth]
17.07.2020 15:23 - Gastautor*in

Es klingt erst einmal verlockend, online zu unterrichten. In den vergangenen Wochen hat Gastautorin Larissa dies als Dozentin der Universität Cambridge getan. In Pyjamahosen vor dem Laptop sitzend Vokabeln an ein interaktives Board schreiben und pünktlich durch einen Mausklick den Unterricht beenden. Dazu dann noch länger schlafen, da die lange Fahrt zum Arbeitsplatz entfällt, ein geringerer Geräuschpegel, weil die Studierenden keine Seitengespräche führen können, und und und. Der Traum jeder Lehrperson.

Corona-Wintersemester an der UDE

 

Tatsächlich eröffnet digitales Lehren und Lernen Möglichkeiten, die traditionellere Unterrichtsmodelle schmerzlich vermissen lassen. Inhalte können schneller geteilt, Wissen kann simultan zum Unterricht recherchiert werden und auch Notizen werden überflüssig. Je nach Unterrichtsplattform können Handouts wie ein virtuelles Tafelbild gemeinsam erstellt werden. Das spart nicht nur Zeit und Ressourcen, sondern leistet einen wahren Beitrag zur Demokratisierung des Unterrichts. Denn in Sachen Gleichstellung und Inklusion kann Online-Unterricht ein wahres Wundermittel sein.

Plötzlich ist es nicht mehr wichtig, ob man physisch vor Ort sein kann – oder möchte. Man kann trotzdem etwas lernen. Diese Flexibilität ist mit Sicherheit die größte Errungenschaft des Online-Unterrichts. Der Zugang zu Bildung emanzipiert sich von einschränkenden Faktoren wie Wohnort, Zeitzone oder gesundheitlichen Einschränkungen. Die einzige Voraussetzung beziehungsweise Einschränkung ist der Zugang zur Ressource Internet. Natürlich handelt es sich auch im Jahr 2020 noch um ein Privileg, über einen Computer mit Internetanschluss zu verfügen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Online-Unterricht einen fairen Wissenserwerb für den Großteil der Studierenden bietet.

Doch digitaler Unterricht bringt nicht nur Vorteile mit sich. Denn in der Praxis wird das gleichberechtigte Lernen häufig durch äußere Umstände boykottiert. Eine schlechte Verbindung, nicht funktionierende Kameras oder Mikrofone, ein zeitverzögertes Wirrwarr verschiedenster Stimmen. Wenn man sich dann noch in unterschiedlichen Zeitzonen befindet und mathematische Hürden hinzukommen (Kursstart in verschiedenen Zeitzonen errechnen), ist es ein Wunder, wenn einmal alle zur selben Zeit im selben Seminar sitzen.

Zumindest in der Theorie

Zudem ist die Hemmschwelle der Studierenden, einen Kurs zu versäumen oder die Kamera auszuschalten und unerkannt den Raum zu verlassen, nicht sonderlich hoch. Die räumliche und teilweise zeitliche Distanz schafft häufig auch eine soziale Distanz. Die Kernkomponente des gelungenen Unterrichts – die Lehrer*in-Schüler*in Beziehung – muss nun virtuell geschaffen und aufrecht erhalten werden. Jede*r, die*der schon einmal eine Fernbeziehung geführt hat, weiß, dass das alles andere als leicht ist. Viele Nuancen der nonverbalen Kommunikation gehen im digitalen Raum schlechthin verloren. Besonders für die Lehrperson stellt dies eine große Herausforderung dar.

Als Germanistik-Lektorin in Cambridge hatte ich den Vorteil, einen Großteil meiner Studierenden bereits vor dem Lockdown persönlich kennengelernt zu haben. Zwar ergaben sich vereinzelt Missverständnisse, die Kommunikation innerhalb der Seminargruppen war dennoch harmonisch und hat den Unterricht nicht negativ beeinflusst. Da der Übergang zum Online-Unterricht mit dem Start des neuen Trimesters kollidierte, musste ich jedoch auch neue Kurse mit mir unbekannten Studierenden unterrichten. Obwohl ich mich über die neuen Gesichter und Kursthemen freute, beschlich mich in dieser Zeit immer wieder das Gefühl, pädagogisch nicht richtig vorbereitet zu sein. Anders als die Studierenden, die ich bereits persönlich kannte, hatten meine neuen Studierenden lediglich die Möglichkeit, sich virtuell vorzustellen und unter den erschwerten Umständen von Pandemie und Lockdown Leistungen zu erbringen.

Natürlich wurden die Kursanforderungen angepasst und die Lehrpersonen dazu angehalten, etwas rücksichtsvoller mit neuen Kursen umzugehen. Doch was bedeutet das schon in der Praxis? Fakt ist doch, dass der Übergang zum Online-Unterricht trotz der langfristigen Errungenschaften in Sachen Gleichberechtigung und Chancengleichheit erst einmal Ungleichheit schafft. Besonders für jene Studierenden, die dieses Jahr ihr Studium im Lockdown beginnen. Wir müssen daher nicht nur die Online-Systeme optimieren, sondern auch die pädagogischen Abläufe. Im Idealfall sollte das Lehrpersonal richtig geschult werden, um die Nachteile des Übergangs zum digitalen Unterricht aufzufangen.

Besonders in Deutschland ist nicht nur das Internet Neuland. Sondern auch die sozialen, didaktischen und pädagogischen Fertigkeiten, um im digitalen Raum Wissen fair zu vermitteln.

/Beyond Borders/

Corona and Privilege

Larissa hat aufgrund der Corona-Pandemie ihren Job an der Universität Cambridge verloren. Eine neue Anstellung zu finden gestaltet sich mehr als schwierig.
 

/Beyond Borders/

Bye Bye Cambridge

Wegen Corona musste Gastautorin Larissa Stahl in Cambridge ihre Koffer packen.
 

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