Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Überbrückungshilfe - Überbrückt, hilft aber wenig

 Der letzte Notgroschen. [Foto: Magdalena Kensy​​​​​​​
​​​​​​​10.05.2021 12:58 - Magdalena Kensy

Studierende haben seit Juni 2020 die Möglichkeit die Überbrückungshilfe der Bundesregierung zu beantragen. Aus den geplanten drei Monaten wurde eine längerfristige Corona-Hilfe, die es noch bis September 2021 geben wird. Fritz* ist einer von über 511.000 Zuschussanträgen, die im Rahmen der Überbrückungshilfe in pandemiebedingten Notlagen gestellt wurden (Stand: 5. Mai). 

Die Corona-Krise und der darauffolgende Lockdown Anfang März 2020, traf nicht nur die Wirtschaft und das Gesundheitswesen völlig unvorbereitet. Auch die Bildungseinrichtungen mussten von Präsenz in den Distanz-Unterricht übergehen. Bei der Umstellung zu Kurzarbeitergeld und der Corona-Hilfe für Selbstständige blieben Studierende vorerst ohne finanzielle Unterstützung von der Bundesregierung. 
Erst ab Juni 2020 konnten Studierende, die sich in einer pandemiebedingten Notlage befinden und auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, jeden Monat einen verbindlichen Antrag für eine Überbrückungshilfe stellen. 

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Fritz, Student an der Universität Duisburg-Essen (UDE), ist einer dieser Antragsteller. Vor der Corona-Krise hatte Fritz ein stabiles Einkommen, bis sein Vertrag Anfang Mai 2020 nicht mehr verlängert worden ist. Auf einen Schlag keine Arbeit und leben vom Ersparten. Die Hoffnung auf einen neuen Job schwand: „Es gab nur noch wenige Stellen die ausgeschrieben wurden. Es war mein Eindruck, dass alle Vorsichtig waren, was das Neueinstellen von Menschen in der Krise betrifft.“ Doch seine Reserven neigten sich langsam dem Ende. Die Überbrückungshilfe kam gerade rechtzeitig. Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, erklärte dazu: „Die Pandemie ist für die gesamte Gesellschaft eine enorme Belastung. Mir ist wichtig, dass niemand sein Studium abbrechen muss, weil eigene Verdienstmöglichkeiten weggebrochen sind oder sich das Einkommen der Eltern verringert hat.“ 

Eine Voraussetzung um den Zuschuss der Bundesregierung zu erhalten, ist ein Nachweis über den Kündigungszeitpunkt. „Wenn aus der Kündigung nicht hervorgeht, dass sie wegen der Corona-Pandemie ausgesprochen wurde: Bitte Selbsterklärung ergänzen“, schreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Jeden Monat muss ein neuer Antrag gestellt werden, um einen nicht rückzahlbaren Zuschuss zwischen 100 Euro bis zu 500 Euro zu erhalten. 

Vier Wochen warten 

Den ersten Antrag stellte Fritz im Juni. Bis er genehmigt wurde und das Geld auf seinem Konto war, vergingen vier Wochen. „Das ist mir negativ aufgefallen. Es hat zu lange für eine Soforthilfe gedauert.“ Für die Antragstellung werden neben einem Nachweis des Jobverlustes, noch die Kontoauszüge für den Vormonat der Antragstellung und für den Antragsmonat bis zum Vortag der Antragstellung abgefragt. Um die Identität von Fritz zu prüfen, musste er zusätzlich mehrere Fotos von sich mitschicken. „Mit meinem Gesicht neben dem Personalausweis, von der Vorderseite, von der Rückseite und mit einem Zahlencode, den ich bekommen habe, um zu zeigen, dass ich es bin. Gefühlt musste ich mich extrem nackt machen“, beschreibt Fritz die Situation. Er findet, die Überbrückungshilfe sei nur ein kleiner Betrag, der nicht ausreicht, um einen Monat auszuhelfen. „Besonders nicht wenn man sich überlegt, dass die Miete alleine schon zwischen 300-600 Euro liegt.“ Die Überbrückungshilfe hängt vom Kontostand ab und nur eine Differenz bis zu 500 Euro wird bezuschusst. Bei einem Kontostand von 100 Euro, besteht die Chance 400 Euro zu erhalten. 

Die Form eines verbindlichen Antrags empfand Fritz als das größte Problem. „Andere Branchen, wie beispielsweise Selbständige, haben einfach einen unverbindlichen Antrag stellen können und haben das Geld bekommen. Ich habe mich gefragt: Warum ist das bei uns nicht so? Ich muss auch irgendwie überleben. Es war nicht verhältnismäßig, sich so nackt zu machen für 100 Euro.” 

Pleite und Schuldgefühle 

Aufgrund der Notlage von Studierenden durch die Corona-Pandemie, zahlten die Studierendenwerke in Nordrhein-Westfalen von Juni bis September über 17 Millionen Euro als Überbrückungshilfe aus. Von rund 70.000 Anträgen wurden 40.000 bewilligt. Pro Hochschule erhielten zwischen ein und vier Prozent der Studierenden Zuschüsse. Dabei betrug die monatliche Auszahlungssumme durchschnittlich 434 Euro. 

Fritz stellte insgesamt drei erfolgreiche Anträge. Die Summe der Zuschüsse schwankte jedoch. Im zweiten Monat erhielt er statt 500, wie im Vormonat, nur noch 200 Euro. Grund dafür: Die finanzielle Unterstützung seines Vaters. „Mein Vater hat mir 500 Euro überwiesen. Minus den Semesterbeitrag hatte ich dann ein Plus von 200 Euro auf dem Konto.” Was ihn stört ist, dass es nachweislich auf seinen Kontoauszügen keine Ausgaben gab: „Dann kommt die Hilfe von meinem Vater und das führt dazu, dass mir suggeriert wird: Du hast genug Geld”, beschwert sich Fritz über die Staffelung der Überbrückungshilfe und der Abhängigkeit vom Kontostand. 

Dass Fritz Vater ihm Geld überwiesen hat, führte für Fritz nach einem Moment der Erleichterung zu Schuldgefühlen. Die Schuld kein Geld zu haben, weil er früher selbstständig war und sein eigenes Geld verdienen konnte. Neben dem Gefühl von Schuld schlich sich die Angst immer mehr in seine Gedanken. „Du siehst einfach, dass dein Geld Richtung null geht und du nichts mehr zahlen kannst. Auf einmal steht alles in Frage und das macht Angst”, beschreibt Fritz. 

Heute hat Fritz deutlich weniger Angst. Die Zuschüsse des Bundesministeriums und die Geldspritze seines Vaters haben ihm geholfen. Nach den Zahlungen für Juli, August und September hat er zum ersten Oktober eine neue Anstellung gefunden. Er ist froh nicht mehr auf die Überbrückungshilfe angewiesen zu sein, fordert dennoch für alle, die sie weiterhin brauchen: „Es sollte grundsätzlich eine finanzielle Unterstützung an Studierende gezahlt werden, die in Notlagen stecken, auch wenn 300 Euro auf dem Konto für das Ministerium nicht nach Not aussehen.” 

*Name wurde von der Redaktion geändert 
 

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