Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Tatort Hörsaal – Upskirting während der Vorlesung

Der Rock muss nicht immer kurz sein, um Opfer von sexueller Belästigung zu werden. [Symbolfoto: Magdalena Kensy]

01.07.2020 10:30 - Magdalena Kensy

In einer Vorlesung oder am Campus sollten sich Student*innen sicher fühlen. Jedoch sind im vergangenen halben Jahr gleich zwei Upskirting-Fälle auf dem Campus Essen der Universität Duisburg-Essen (UDE) bekannt geworden. Die Betroffene Nele Bährend berichtet über ihr Erlebnis der sexuellen Belästigung.

Campus Essen. Der Hörsaal mit den vollgekritzelten alten Klapptischen füllt sich mit Student*innen für die anstehende Psychologie-Vorlesung. Nele Bährend sitzt mit ihren Freundinnen in den letzten Reihen. „Die Sitzreihen sind versetzt und man hat oft irgendwelche Füße an der Schulter, weil man aus Versehen jemanden anstupst. Ich habe mit meinen Fuß während der Vorlesung auch irgendwas berührt und wollte schauen, was da war, um mich gegebenenfalls zu entschuldigen“, schildert Nele die Situation. In der Reihe vor ihr sitzt ein Mann in ihrem Alter. Als sie hinunter schaut, entdeckt sie eine Hand an ihrem Fuß und eine Kamera auf den Stühlen vor ihr, die direkt auf sie zeigt.

Durch das Herunterschauen ist Neles Brille auf den Boden gefallen. Beim Aufheben kann sie sehen, dass auf dem Handy in dieser Zeit die Innenkamera ein Video aufnahm. „Ich habe mich dann selber auf diesem laufenden Video gesehen und mir selber zwischen die Beine schauen können. Deswegen habe ich es gemerkt und bin aufgesprungen“, beschreibt Nele. Auf ihr entsetztes Nachfragen, was der vermeintliche Täter dort tut und ob er sie filmt, erklärt er ihr, dass nur die Vorlesung aufgenommen wird. „Ich setzte mich wieder hin und dachte ok, macht er nicht, aber mein Gefühl hat mir etwas anderes gesagt. Ich war mir aber die ganze Zeit unsicher. Mir war irgendwie klar, da passiert gerade etwas Falsches, du hast dir das nicht eingebildet."

So wie Nele ergeht es vielen Frauen. Das Filmen unter dem Rock ist als Upskirting bekannt. Jedoch ist es nicht Gegenstand des Strafgesetzbuchs. Damit es zur sexuellen Belästigung wird, erfordert es eine Berührung, die beim Fotografieren nicht gegeben ist. Allerdings kann bei Aufnahmen in Wohnungen oder gegen Einblick geschützten Räumen, wie zum Beispiel der Umkleidekabine, eine Strafbarkeit wegen ‚Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen‘ in Betracht kommen. Zusätzlich ist eine Veröffentlichung der Upskirting-Fotos ohne Einwilligung ein Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild und damit strafbar. Erst durch die Petition ‚Verbietet #Upskirting in Deutschland‘ mit mehr als 100.000 Unterschriften, sind die Chancen auf rechtliche Strafen für das Filmen unter den Rock, erhöht worden. Seit September 2019 liegt dem Bundestag ein Gesetzentwurf vor. Zu spät für viele Betroffene. Ihnen bleibt meist nur die Chance, den Täter zu bitten die Aufnahme zu löschen. England ist mit der Gesetzeslage schon weiter, dort wird ein Filmen unterhalb des Rocks mit bis zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Auch das Frauen*referat der UDE äußert sich zur rechtlichen Lage: „Wir werden diese schreckliche Tat nicht ignorieren. Es ist von dringender Notwendigkeit, dass der Bundestag die Gesetzeslage ändert und Upskirting verbietet.”

Polizeieinsatz am Campus

Als Nele während der Vorlesung raus geht, fängt sie an zu weinen und ruft schließlich ihren Vater an. Nach dem Gespräch beschließt sie, die Polizei anzurufen und erklärt den Beamten am Telefon die Situation. „Ich habe aber auch gesagt, dass es sein kann, dass ich mich vertue. Der Polizist am Telefon meinte aber, dass ich Recht habe.“ Ihre Verunsicherung, dem beschuldigten Mann Unrecht zu tun und die Situation falsch eingeschätzt zu haben, ist weg. Eine Sorge hat sie trotzdem: „Es war meine größte Angst in dem Moment, dass er geht und man ihn dann nicht mehr fassen kann.“ Drei rauchende Männer, die am Eingang standen, erklären sich direkt bereit, ihn aufzuhalten, falls er vorhaben sollte, früher zu gehen. Neles Freundinnen passen währenddessen im Hörsaal auf, dass er nicht den Platz verlässt.
Zwei Streifenwagen und vier Beamte kamen kurze Zeit später am Campus an. „Eine Freundin, die mit mir draußen war, ist mit den Polizisten rein gegangen und hat auf ihn gezeigt, weil ich das nicht konnte. Ich hatte tatsächlich noch Mitleid mit ihm und hatte noch den Gedanken: Was, wenn er es nicht gemacht hat?“

"Es ist von dringender Notwendigkeit, dass der Bundestag die Gesetzeslage ändert und Upskirting verbietet.”

Ihr Dozent hat sich kein einziges Mal, während der Vorlesung und des Erscheinens der Polizei, zu Wort gemeldet oder sich eingeschaltet. Nach dem Vorfall bleibt Nele noch bis zum Ende der Vorlesung. Bei dem Dozent stößt sie auf Desinteresse. Unverständlich für Nele. „Ich glaube, ich würde als Dozentin wissen wollen, warum die Polizei Leute aus meiner Vorlesung rausholt.”

Die Polizei teilte Nele nach der Konfiszierung der Wertsachen des Mannes mit, dass die Gesetzesgrundlage sehr unklar ist. Lange hört sie nichts mehr von der Polizei. Erst fünf Monate später beschließt sie, wegen des Videos von Joko und Klaas, sich bei der Polizei zu melden. Im 15-minütigen Video lassen Joko und Klaas Frauen zu Wort kommen, die am eigenen Leib sexuelle Belästigung erfahren haben. Das ist für Nele der Anreiz, sich zu vergewissern, wie der Stand der Ermittlungen ist. Die Beamten bestätigten ihre Vermutung. Der Mann hatte nicht wie behauptet die Vorlesung gefilmt, sondern unter ihr Kleid. „Es war erleichternd, weil ich die Gewissheit hatte und mich auf mein Gefühl verlassen kann“, erzählt sie.

Auch der AStA wurde auf das Thema aufmerksam. Schon in der Vergangenheit sei es zu Upskirting-Fällen auf den Toiletten gekommen. Im Statement des AStAs heißt es, dass an der UDE vor einigen Jahren versteckte Mikrokameras in Damentoiletten gefunden worden sind. „Wir stellen uns entschieden gegen solche Akte der sexualisierten Gewalt und rufen zur verstärkten Zivilcourage durch Studierende, Mitarbeitende und Dozierende auf.“ Im Zuge dessen ist eine große Kampagne geplant. Die Aufforderung: Die Uni soll Dozent*innen sensibilisieren. Die Gestaltung und Verbreitung von Postern oder Plakaten auf den Toiletten stehen zur Debatte. Auch Nele findet die Idee gut, um auf Upskirting aufmerksam zu machen.

Kampagne und Kampfansage

Nele sieht sich als Rock und Kleidträgerin und fühlt sich in Hosen nicht wohl. Noch am Tag des Vorfalls zog sie für einen Moment in Betracht, am nächsten Tag in Hose zur Uni zu gehen. „Wenn ich jetzt anfange, Hosen zu tragen, dann hat er Macht über dich, er hat gewonnen und ich habe ihm Macht gegeben. Auch wenn ich einen kurzen Rock anziehe, hat niemand das Recht darauf.“

Ob die Aufnahmen auf dem Handy des Mannes gelöscht worden sind, weiß Nele nicht. Einen Brief von der Staatsanwaltschaft, wann das Verfahren geschlossen ist, hat sie noch nicht erhalten. Laut Nele soll es bei ihr kein Einzelfall gewesen sein, denn auch andere Frauen seien durch den Täter gefilmt worden. Trotz der fast aussichtslosen Lage ist Nele zuversichtlich: „Ich fühle mich einfach so, dass ich gestärkt aus der Sache raus gehe. Ich will also nicht Opfer genannt werden, weil ich mich nicht so fühle. Ich habe mich gewehrt.“
 

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