Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Sea Shepherd: Zwischen Reality-TV und Rassismus-Vorwürfen

Filmvorführung der Dokumentatiton "Paul Watson-Bekenntnisse eine Öko-Terroristen" am 22. April um 18 Uhr in der Brücke auf dem Campus Essen. Plakat:AStA Öffentlichkeitsreferat/ Carina Hommel Filmvorführung der Dokumentatiton  "Paul Watson-Bekenntnisse eines Öko-Terroristen" am 22. April um 18 Uhr in der Brücke auf dem Campus Essen. (Plakat: AStA Öffentlichkeitsreferat/ Carina Hommel)

21.04.2013 10:47 - Maren Wenzel

Der Hafen Reykjavik im Morgengrauen, unterlegt mit verschlafen idyllischer Hintergrundmusik. Zwei vermummte Gestalten mit Taschenlampe schleichen sich auf Schiffe der isländischen Walfangflotte und bringen sie mit gezielten Hammerschlägen zum Kentern. Das ist der Beginn des Filmes „Paul Watson – Bekenntnisse eine Ökoterroristen“, der am 22. April auf dem Campus Essen vom Ökolgie-Referat des AStA vorgeführt wird. Er soll über die Umweltschutzorganisation „Sea Shepherd Conservation Society“ informieren, die sich dem Schutz der Meere verschrieben hat. Doch die zu selbsternannten „Meereshirten“ sind nicht unumstritten. Unter anderem kursieren Rassismus-Vorwürfe.


Die Stiftung Sea Shepherd kauft vor allem alte Schiffe, um mit ihnen in internationalen Gewässern Aktionen gegen Walfang, Robbenjagd und Treibfangfischerei durchzuführen. „Unser Ziel ist der Schutz der Meere und deren Bewohner“, sagt Manuel Abraas vom Deutschland-Sekretariat der Organisation. „Wir wollen die komplette Ausbeutung und Vernichtung jeglichen Lebens in den Ozeanen verhindern. Dies ist auch im Hinblick auf unser Überleben von größter Bedeutung.“


„Aggressive Gewaltfreiheit“


Die Organisation wurde 1977 von Paul Watson als radikale Abspaltung von Greenpeace gegründet. Aktuell ist sie vor allem ein Medienphänomen. Seit 2008 dient sie der Reality-TV-Serie „Whale Wars – Krieg den Walfängern“ auf dem US-Sender Animal Planet als Protagonistin – in inzwischen fünf Staffeln und einigen Spin-Offs.  In der actionreichen Reatity-TV-Serie rammen die Aktivist*innen Schiffe, werfen Stinkbomben und vertreiben Wale vor Walfänger*innen.


„Wir zeigen den Film als Information für die Studis, dass es so eine Organisation gibt“, sagt Marvin Matthäus, Ökologie-Referent des AStA der Uni Duisburg-Essen. Der Filmemacher und Sea Shepherd-Aktivist Peter Brown beschreibt den eigenen Anspruch in der Doku mit den Worten: „Während Greenpeace Schilder schwenkt und Parolen schreit, ertappen wir die Umweltsünder auf frischer Tat und halten sie auf. Wenn nötig mit Gewalt. Wir nennen das aggressive Gewaltfreiheit.“



Medienpräsenz und Personenkult


Dass Sea Shepherds Aktionen auf Medienpräsenz abzielen, daraus macht auch Abraas keinen Hehl: „Wir sind auf gute Berichterstattung angewiesen. Eine Aktion ohne Bericht darüber hat für die Öffentlichkeit nicht stattgefunden.“ Im der Dokumentation fallen vor allem die Omnipräsenz und der Personenkult um den Gründer Paul Watson auf. Als einzigem Kapitän der Crew wird ihm im Film sogar eine „Göttliche Aura“ und „Begleitschutz von den Engeln“ bescheinigt. „Paul Watson selbst ist dies nicht sehr angenehm“, sagt Abraas von Sea Shepherd Deutschland. „Er hat in den letzten Jahren durch Umstrukturierungen dafür gesorgt, das Sea Shepherd auch ohne seine Anwesenheit Aktionen durchführen kann.“ Verbandsinterne Demokratie existiert in der Organisation allerdings nach wie vor nicht. „Letztlich hat Watson diese Organisation gegründet und Jahrzehnte geführt, er ist und bleibt vorerst das Aushängeschild“, so Abraas.


Auch Initiativen und Einzelpersonen, die sich gegen Rassismus engagieren, kritisieren Sea Shepherd scharf. Schließlich arbeitet die Organisation mit Brigitte Bardot zusammen, ihres Zeichens bekennende Unterstützerin der französischen nationalistischen und rassistischen Partei Front National – und Sea Shepherd. Im Mai 2011 hat Sea Shepherd sogar eines ihrer Boote nach der wegen rechter Umtriebe in der Kritik stehenden Schauspielerin benannt, deren Ehemann als führendes Mitglied in der rechten Partei aktiv ist.


Sea Shepherd und Brigitte Bardot


Als die Kritik an den rassistischen Bündnispartner*innen vergangenen Herbst hochkochte, distanzierte sich der deutsche Ableger Sea Shepherd Deutschland e.V. per Erklärung von „jeglichen rassistischen und rechtspopulistischen Aktivitäten der Person Brigitte Bardot“ – forderte die Mutterorganisation allerdings noch nicht einmal explizit auf, das Schiff wieder umzubenennen. Auch sonst hatte das Statement keine nachweisbaren Folgen – die Organisation lässt sich weiter von Bardot unterstützen und kreuzt dafür mit ihrem Namen durchs Meer. „Eine klare Distanzierung von Sea Shepherd sieht anders aus“, sagt auch Ökologiereferent Marvin Matthäus.


Bereits eine Aktion 13 Jahre zuvor trug der Organisation Rassismusvorwürfe ein. So beteiligte sich Sea Shepherd im Herbst 1998 an Aktionen gegen die indigene Bevölkerungsgruppe der Makah, die in der Neah Bay, an der westlichen Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten, dafür stritten, den Walfang zur Selbstversorgung wieder einführen zu dürfen. An der Kampagne gegen die Makah beteiligten sich Kritiker*innen zufolge auch rechte Organisationen.


Auch der Film zeigt den Vorfall, in dem Makah die Besatzung von Sea Shepherd beschimpfen und ihnen den Mittelfinger zeigen. Der Macher des Filmes kommentiert süffisant: „Die Einheimischen kamen, um uns zu begrüßen und zeigten sich vor den Medien nicht von ihrer Schokoladenseite. Schlecht für sie, gut für uns“, so Peter Brown aus dem Off. Dabei wird der scheinbar primitiv-wütende Protest der Makah mit indigener Musik unterlegt und in besonders starkem Kontrast gegen das scheinbar viel zivilisiertere Verhalten des Sea-Shepherd-Kapitäns gesetzt. So instrumentalisiert der Film rassistische Vorurteile für die eigene Storyline.


Und die mediale Inszenierung ging noch weiter. Nach einem Monat ohne Zwischenfall entschließt sich die Gruppe im Film zu einer pressewirksamen Konfrontation. „Die Medien wollten Gewalt, aber bekamen sie nicht. Wir mussten etwas tun bevor die Crew einging und Medienvertreter die Stadt verließen“, kommentiert die Stimme von Peter Brown im Film. Darauf fährt Sea Shepherd an die Makah-Bucht heran, lässt sich mit Steinen bewerfen und eine Aktivistin vor den Kameras wegen Landfriedensbruchs verhaften. Und wieder stellen sie dabei die Makah als primitiven indigenen Mob dar, der eine weiße Frau angreift. Dass es den Sea-Shepherd-Aktivist*innen darum ging, genau diese Bilder zu provozieren, und dabei sowohl die Makah als auch die eigene Aktivistin zu instrumentalisieren, daran lassen die Aktivist*innen im Film selbst keinen Zweifel. Es ist sogar die Rede davon, dass sie sich „opfern“ müsse, damit es zu dem gewünschten Eklat kommt.


„Save a whale –harpoon a makah“


Auch Abseits des Films schlugen rassistische Äußerungen Wellen. Auf einer Demonstration der Kampagne tauchte etwa ein Transparent mit dem Spruch „Save a whale – harpoon a makah“ auf. Die „Progressive Animal Welfare Society“ (Paws) kreierte sogar einen Autosticker mit dem Slogan. Diese Stimmungsmache löste mehrere rassistische Übergriffe auf die indigene Bevölkerung aus. Dabei wurde ein Makah misshandelt und sitzt seitdem im Rollstuhl.


Auf diese Fälle angesprochen verweist Sea Shepherd Deutschland auf die Gleichheitserklärung der Organisation: „Die Sea Shepherd Conservation Society arbeitet auf internationaler Ebene ohne Vorurteile bezüglich Rasse, Hautfarbe, Nationalität, Religion oder irgendeinem anderen Aspekt.“ Die Rassismusvorwürfe sollen bei der Filmvorführung nicht unangesprochen bleiben: „Eine kritische Diskussion ist angedacht“, sagt AStA-Referent Matthäus. „Mit der Veranstaltung wollen wir uns Tierrechtsfragen und Sea Shepherd im Einzelfall ansehen. Bei Sea Shepherd gibt es viel Diskussionswürdiges. An der Universität soll man schließlich nicht nur konsumieren, sondern auch kritisieren“, so Matthäus abschließend. [mac]


Beitragsbild: guano/flickr.com CC BY-SA 2.0, Bilbeschriftung auf flickr.com: (Photo by Adam Lau/Sea Shepherd Conservation Society)


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