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STUDIUM & FREIZEIT

Schlechte Propaganda für Altenessen?

Joscha Hendricksen (links) und Gigo Propaganda präsentieren den Schlüssel zum "Totenhaus". Dieser ist in Form eines grinsenden Smileys geprägt. Ironie des Schicksals? Foto: aGro Joscha Hendricksen (links) und Gigo Propaganda präsentieren den Schlüssel zum "Totenhaus". Dieser ist in Form eines grinsenden Smileys geprägt. Ironie des Schicksals? Foto: aGro

22.03.2013 08:56 - Alex Grossert

Als der Künstler „Gigo Propaganda“ vergangenen Monat in schmucklosen roten Lettern das Wort „Totenhaus“ an die Fassade einer maroden Immobilie am Bahnhof Altenessen schrieb, konnte die angerückte Polizei kaum glauben, dass dies nicht bloß legal war, sondern sogar Teil eines vom Land NRW geförderten Kunstprojektes. Auch einzelne Lokalpolitiker von FDP, CDU und dem Essener Bürgerbündnis reagierten mit Unverständnis auf Propagandas Wandmalerei. Die Bilder sind mittlerweile wie geplant übermalt worden, der freie Künstler porträtiert unterdessen weiter Menschen, Situationen und Vereine in Altenessen.


Unter dem Titel „Kunst schafft Stadt“ vernetzen sich Künstler*innen im Essener Stadtteil Altenessen mit Bürger*innen, um gemeinsame künstlerische Projekte umzusetzen und letztlich das Viertel zu beleben. „Kunst und soziale Prozesse werden zusammengedacht, Soziokunst entwickelt.“, heißt es in der Projektbeschreibung. Joscha Hendricksen, künstlerischer Leiter von „Kunst schafft Stadt“ hält das selbst für überzogene Ansprüche, deren Erfüllung niemand ernsthaft erwarte. Er hat für das dreijährige Projekt mehrere freie Künstler*innen engagiert, mit denen es dennoch gelingen soll, die Kunst in einen Dialog mit dem Stadteil zu bringen.


Aggresive Mauern





Gigo Propaganda ist einer von ihnen. Er macht Mural Art – Kunst auf Mauern. Der Anschluss an diese künstlerische Tradition scheint ihm passender als das hippe wie diffuse Etikett Streetart. „Die Mauern sprechen lauter als sieben Facebooks zusammen. Krasser als China oder Nordkorea. Mauern sind die Aggression an sich.“ Man spürt diese Aggression, wenn Gigo Propagandas Antworten erst zu Monologen und schließlich beinahe zu Volksreden werden. Es ist eine Aggression, bei der man als Zuhörer*in oft nicht sicher sein kann, ob sie nur Außenstehende angreift, oder auch die Zuhörenden selbst. Sie ist weniger gerichtet als gestreut, wie die Aggression auf den Mauern, die sich gegen eine Öffentlichkeit wendet, anstatt gegen eine Person.


Im Rahmen von „Kunst schafft Stadt“ porträtiert Gigo Propaganda Menschen und Situationen im Stadtteil. Unter Porträt darf man sich hier allerdings nicht vorstellen, dass er ihre Gesichter an die Wand malt. Gigo Propaganda zitiert vielmehr, was er in Gesprächen gehört hat, verfremdet die Sprache, stellt scheinbar Nebensächliches ins Zentrum. Neben solchen Texten malt er abstrakte Figuren, die vor allem aus Fingern und Augen bestehen. Hidden Ambitions nennt der Künstler das. Die Zeichnungen repräsentieren Subtexte, die in der Sprache nicht ausgedrückt werden, Unsagbares und Unterschwelliges. Neben den Zitaten, die zum Teil in bewusst einfacher und wenig hübscher Schrift geschrieben sind, wirken sie, wie aufwendige Graffiti neben Klosprüchen.


„Exkremente eines kranken Hirns“


Eben diese Anti-Ästhetik hat in der Altenessener Bezirksvertretung zuletzt für einen kleinen Skandal gesorgt. Am 26. Februar beantragte der FDP-Vertreter Thomas Spilker, das Porträt auf Kosten des Künstlers vorzeitig entfernen zu lassen. Gigo Propagandas Bilder hätten nichts mit Kunst zu tun und störten den sozialen Frieden. Friedel Frentrop vom Essener Bürgerbündnis sprach von einem „Schandfleck“. Am deutlichsten in seiner Geringschätzung wurde CDU-Sprecher Johannes Werner Schmidt auf der Sitzung. Propagandas Werke seien „Exkremente eines kranken Hirns“, diagnostizierte dieser. Zuletzt erhielt der Antrag Spilkers lediglich seine eigene Stimme.


Mehr als die harrsche Kritik stört den Künstler, dass es abseits solcher Ausbrüche keinen Dialog über die Inhalte seiner Kunst gebe. „Die flüstern Alle!“, flüstert er. „Ein Dialog zwischen Kunst und Stadt ist aber sinnlos, wenn er einseitig geführt wird“, so Propaganda, der darauf hinweist, dass die Bilder mittlerweile übermalt wurden, wie es von Anfang an geplant war.


Keine bunten Regenbögen


Ohne Bemalung sieht das Haus mit der leerstehenden Tankstelle noch immer nicht besonders hübsch aus. Die wilde Müllkippe gammelt vor sich hin und die Bezeichnung Schandfleck scheint durchaus berechtigt. Es ist wohl eine andere Kunst, die die konservativen Lokalpolitiker sich gewünscht hätten. Eine Kunst, die das Hässliche mit bunten Regenbögen übermalt um zumindest die Fassade aufrechtzuerhalten. Mit Gigo Propagandas Mural Art haben sie das genaue Gegenteil bekommen. Eine Kunst, die gegen die Ignoranz ankämpft, mit der "Schandflecken" gemeinhin begegnet wird. Die das Hässliche weder anprangert noch verschönert, sondern sichtbar, diskutierbar, gestaltbar macht.


Das Totenhaus war nur ein Teil seiner Porträtreihe. Gigo Propaganda ist noch immer im Stadteil und hat etwa eine Kirchengemeinde porträtiert, deren Gotteshaus unmittelbar vor dem Abriss stand.  Bei Ausstellungen, werden neben Dokumentationen von Propagandas Porträts auch Videoschleifen der Interviews gezeigt, in denen Anwohner*innen von sich und ihrem Stadtteil erzählen. Monatlich gibt es in Altenessen Zwischenberichte, Filmvorführungen und Performances zu sehen. "Die Kunst kommt um die Ecke!", sagt der Künstler mehrmals während des Interviews. Ein doppeldeutiger Satz, wie vieles, was er sagt. Man kann jedenfalls gespannt sein, hinter welcher Ecke sie als nächstes hervorspringen wird.

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